(Bild: Faksimile aus NS Propaganda; Das hier verwendete Symbol, welches nach § 86 StGB verboten ist, wird zu dokumentarischen und aufklärerischen Zwecken benutzt. Es dient nicht der Verharmlosung oder der Propaganda, sondern wird im Sinne des § 86a StGB Abs. 3 verwendet.)
Gesellschaft | AIB 95 / 2.2012 | 22.07.2012

Faschismus als »Politische Religion«

Der neunte Teil der Reihe »Faschismustheorien. Erklärungen des NS« widmet sich der Deutung des Faschismus als »politische Religion«. 

Fabian Kunow

Die Charakterisierung  »politische Religionen« für Bewegungen wie den historischen Nationalsozialismus, den italienischen Faschismus und den »Kommunismus« schuf 1938 der Österreicher Erich Voegelin. Nach seiner Migration aus Österreich in die USA im selben Jahr, nannte er sich Eric Voegelin. Anders als in den vorangegangenen Teilen dieser Serie im Antifaschistischen Infoblatt (AIB 75–79, 82, 84, 88) haben wir es bei dieser Idee, bestimmte politische Massenbewegungen als politische Religionen zu deuten, mit einer ideengeschichtlichen Herleitung aus dem Feld der Totalitarismustheorien zu tun. Andere Formulierungen für »Politische Religionen«, welche in dieselbe Richtung zielen, sind »säkularisierte Religionen«, »Diesseitsreligionen« oder »innerweltliche Religionen«.

Warum Voegelin heute noch lesen?

Erstens kommt die Floskel von politischen Religionen oder säkularisierter-religiöser Ideologie auch heute zum Gebrauch, wenn in der aus der Totalitarismustheorie geborenen Extremismustheorie, die vermeintlich gemeinsamen, unter der Oberfläche wirkenden Antriebskräfte für »Rechtsextreme« und »Linksextreme« ans Tageslicht ge­­fördert werden sollen. Als Feld der Tota­litarismustheorie kann das Bestreben benannt werden die (vermeintlichen) Gemeinsamkeiten zwischen NS/Faschismus und dem »Kommunismus« herauszuarbeiten. Die formale Geburtsstunde der politikwissenschaft­lichen Totalitarismustheorie, wie wir sie heute kennen, lag in den 1950er Jahren mit dem Werken von Hannah Arendt und Carl Joachim Friedrich /Zbigniew Kazimierz Brzezin´ski.

Zweitens fördert in der Tat die Suche nach Übereinstimmung zwischen religiösem Denken und Praxis auf der einen Seite und der Motivation und Erwartung an die Herrschaft des NS oder des italienischen Faschismus auf der anderen Seite einiges Bedenkenswertes zutage.
Drittens gehört es zur Vollständigkeit bei einer Reihe über »Faschismustheorien, auch konservative Faschismusinterpretationen abzubilden.

Voegelin, ein Konservativer

Voegelin steigt in der Schrift »politische Religionen« tief in die Deutung moderner Massenbewegungen ein. Seine  Kritik der politischen Massenbewegungen – egal ob nun der faschistischen oder der kommunistischen – kommt aus der Perspektive eines Konservativen. So schreibt er im Vorwort: »Meine Abneigung gegen jede Art von politischen Kollektivismus ist für jeden, der lesen kann, (…) zu erkennen«. Weiter schreibt er »und mein Vorrat an gebildeten und weniger gebildeten Ausdrücken der Verurteilungen kann sich sehen lassen«. Dass diese philosophisch und politikgeschichtlich abgehandelte Kritik der politischen Religionen aus einer konservativen und keiner liberalen Perspektive daherkommt, welche das Individuum gegen die politischen Massenbewegung, den Staat sowie die Religion verteidigt, wenn diese als Zwangsanstalt daher kommt, stellt Voegelin bereits im Vorwort klar. Er sieht den Aufstieg des Nationalsozialismus in einem Umfeld von schweren Krisen entstehen, in einen »Prozess des Verdorrens«, welcher seine Ursache in der Säkularisierung habe, die seit Jahrhunderten immer weiter voranschreite. In dieser immer weiter voranschreitenden Säkularisierung und der ständigen Modernisierung der Gesellschaft, drohe sich der Sinnverlust immer weiter auszubreiten. So werde der fruchtbare Boden für die modernen zwangskollektivistischen Massenbewegungen gebildet. In diesem Sinne wird für Voegelin anstatt Religion, die verächtlich gemacht wird, seit dem 19. Jahrhundert als Legitimierungscode der Terminus »Wissenschaft« verwandt.  So zum Beispiel in den Begriffen »wissenschaftliche Weltanschauung«, »wissenschaftlicher Sozialismus«, »wissenschaftliche Rassenlehre«, welche die politischen Religionen zur Selbstlegitimierung verwenden.

Hier erspäht er auch eine mögliche »Therapie«: In der Wiederherstellung der Verbindung des Geistes mit seinen religiösen Wurzeln. Diese Erneuerung müsse von großen religiösen Persönlichkeiten ausgehen. So verwendet er  klar religiöse Begrifflichkeiten, um den NS und andere Formen des politischen Kollektivismus zu verurteilen. Sie wären nicht nur sittlich schlecht, sondern im religiösen Sinne sogar böse. Sie besäßen »satanische Substanz«.

Religionsbegriff erweitern

Voegelin erläutert, dass der Begriff der »politischen Religion« nur zu verstehen sei, wenn wir die Teilung der Sphären von Politik und Religion in unserem modernen Verständnis überdenken. Nur so können wir »die Bewegungen unserer Zeit nicht nur als politische, sondern auch, und vor allem, als religiöse [...] deuten«. In unserer modernen Staatenwelt sei es so, dass wer von Religion oder Politik rede immer sofort an die jeweilge Institution Kirche bzw. Staat denken würde. Unter Religion verstehe man Erscheinungen wie das Christentum und andere Erlösungsreligionen. Unter Staat verstehe man die politische Organisation des modernen Nationalstaats. Die Begriffe religiös und politisch seien ihren Institutionen in ihrer Bedeutung gefolgt. Doch sei ihre jeweilige Wirksamkeit in nahe verwandten menschlichen Grundkräften zu finden. Daher müsste der Begriff des Religiösen so erweitert werden, dass nicht nur Erlösungsreligionen unter diesen fielen. Das Bedürfnis nach Religion entsteht für Voegelin, da der Mensch seine Existenz als kreatürliche erlebt. Die inneren Erregungen, welche die Menschen als religiöse Erlebnisse bewege, können sein: »Angst, Hoffnung, Verzweiflung, Seligkeit, anschauende Ruhe, suchende Unruhe, Empörung, Auflehnung, Ergebung.«

Warum bedarf es politischer Religionen?

Anhänger der modernen politischen Massenbewegungen – seien sie auch noch so religionsfeindlich in der Selbst­wahrnehmung – hätten laut Voegelin als Grundlage ihrer fanatischen Haltung religiöse Erlebnisse. Sie benennen nur etwas anderes als heilig. Es müssten zum Verständnis diese beiden religiösen Formen sprachlich getrennt werden. Die Geist- und Erlösungsreligionen sollten überweltliche Religionen heißen. Religionen, »die das Göttliche in Teilinhalten in der Welt finden, sollen innerweltliche Religionen heißen«. 

Am Staat1 – und somit an der Politik – findet Voegelin die Idee der absoluten Macht im Inneren interessant, um den Zusammenhang Politik und Religion zu beschreiben: Es sei die »Abwesenheit des eigenen Geistes und zugleich intensive Gegenwart des Geis­tes«, welche im Staat aufgehe. Der Mensch, der für den Staat tapfer auftrit, sei keine besondere Person, sondern nur ein Glied im Ganzen. So richte sich die Tötungsabsicht des Soldaten eines Staates gegen einen unpersönlichen Feind im Abstrakten, nicht gegen eine konkrete Person, obwohl die Tötungsabsicht einen realen Menschen trifft. In diesem überpersönlichen »Realissimum« wird der Staat zu einem wahrhaft Realen, woran der Mensch glaubt und für das dieser auch kämpft. Was ist ein »Realissimum«? Es sei ein wirkliches Ereignis, welches sich im religiösen Erlebnis, als ein Heiliges zu erkennen gäbe. Es werde so zum Allerwichtigsten für diese Person.

Dieser Prozess des  Glaubens an den (eigenen) Staat ist das »Innerste eines religiösen Erlebnisses«, ein mystischer Prozess. Voegelin sieht in vielen Formen der Politik eine »Vergottung« vonstatten gehen.

Als sakrales2 Symbol, »mit deren Hilfe die Verbindung des menschlich-politischen Bereiches mit dem göttlichen hergestellt wurde«, nennt Voegelin die Hierarchie. Diese ist seit den Ägyptern aufgebaut wie eine Pyramide: Oben steht Gott und Gott wird symbolisiert als Sonne. Dieser legitimiert den Monarchen durch das Abstrahlen seines väterlichen Gnadenlichts auf diesen. Der Monarch strahlt nun sein Befehlsrecht über die Staatsorgane auf seine Untertanen ab. Diese Stufenform der Hierarchie galt historisch bis zum Absolutismus des Sonnenkönigs. Danach hat sich »die staatsimmanente Hierarchie der Ämter und Normen« verselbstständigt und war fähig, »nach der Dekapitierung Gottes sich mit jeder beliebigen legitimierenden Symbolik zu verbinden«.

Als weiteres, überdauerndes sakrales Symbol nennt Voegelin die Idee der christlichen Liebe. Diese findet sich auch in scharf antikirchlich und antichristlich eingestellten Bewegungen wie zum Beispiel der französischen Revolution mit ihrer eigenen Staatsreligion. So wird »das Fortbestehen der christlichen Liebesgemeinschaft im französischen Solidarismus  [...] von den laizistischen Denkern der Dritten Republik anerkannt und die Idee der Solidarität als die säkularisierte christliche Karitas gedeutet«. Für Voegelin ist der Begründungsmaßstab bzw. das Muster synchron, ob nun die sakral geschlossene Gemeinschaft »im Auftrage Gottes« handele oder »im Auftrage der Geschichte« der kommunistischen Bewegung, »der geschichtlichen Sendung« oder »dem Befehl des Blutes« wie bei den Nazis. Kontinuitäten und Ähnlichkeiten findet Voegelin ebenfalls in Todes- und Mordlegitimierungen bei Augustinus im Jahr 410 und bei Ernst Jünger: Sterben müsse jeder Mensch sowieso, deshalb sei es egal wann.

Wie kam es historisch dazu?

Die erste innerweltliche Religion – im Gegensatz zur überweltlichen Religion – entstehe durch die Trennung von Fürstentum (Staat) und Kirche. Bei der Schaffung dieser beiden Reiche waren die Aufgaben klar verteilt: Der Fürst hatte für das leibliche Wohl des Untertans zu sorgen, die Kirche sorgte für das Seelenheil. Das Fürstliche ist dem Kirchlichen untergeordnet. Das fürstliche Reich verselbstständigt sich und der Kaiser beginnt selbst sakralen Gehalt anzunehmen und tritt damit in Konkurrenz zum Papst.

Gleichzeitig besäße diese neue innerweltliche Religion die Fähigkeit, äußerliche »Teufelsreiche« zu entwickeln und zu benennen und diese dann an die Untertanen weiterzuvermitteln. Dieses Grundmuster hielte bis zum heutigen Tage an und veranschauliche, dass »an den Grundzügen der europäisch politisch-religiösen Symbolik sich seit dem 17. Jahrhundert nichts Wesentliches mehr geändert« hätte.

Hierarchie und Führertum, der Orden – als die Gemeinschaft des zukünftigen Reiches – ebenso wie die Vorstellung des Gegensatzes von »Gottesreich« und »Teufelsreich« blieben die Formsprache der Gemeinschaftsreligionen bis heute. Dasselbe gelte für die Auffassung einer nahenden Apokalypse, als dem unentrinnbaren Endkampf von Gut und Böse, bei dem es auf der richtigen Seite zu stehen gelte. Die Apokalypse sei dabei die »Offenbarung des zukünftigen Reiches«. Diese Ideen fänden sich bei den verschiedenen spirituellen Kirchen und den politische Religionen – also politische Kollektivismen – mit ihren jeweiligen Massenbewegungen. Wobei seit dem späten Mittelalter für Europa der unaufhaltsame Siegeszug der sich verselbstständigenden, innerweltlichen Gemeinschaften festzustellen sei. Die  Nation werde zur sakralen Gemeinschaftsperson, der sich alle unterzuordnen hätten.

Religiöse Formen in der Gemeinschaftserbauung

Das Grundschema der religiösen Geschichtsdeutung findet sich auch in anderen Formen der Gemeinschaftserbauung; seien dies überweltliche oder innerweltliche Religionen. So bei der Mythosschaffung, welche für die Erlösungs- wie auch für die politischen Religionen unverzichtbar seien. »Mythus wird bewusst erzeugt, um Massen affektuell zu binden und in politisch wirksame Zustände der Heils­erwartung zu versetzen.« Da dieser Mythos weder überweltlich legitimiert werden kann noch wissenschaftlicher Kritik standhält, wird in einer zweiten Phase ein neuer Wahrheitsbegriff geschaffen. Ein Vordenker der Nationalsozialisten, Alfred Rosenberg, nannte dieses organische Wahrheit.

Der pragmatische Zug dieser innerweltlichen Glaubenshaltung habe zur Folge, dass Menschen dieses religiösen Typus bereit seien, die psychologische Technik der Mythenerzeugung, -propaganda und sozialen Durchsetzung zu erkennen, sich aber durch dieses Wissen nicht im eigenen Glauben stören liessen.

Voegelins Fazit

Das Fazit seiner kleinen Studie, die ein Ritt durch die Geistesgeschichte von der Antike bis heute ist, zieht Voegelin im Epilog: Das Leben der Menschen in politischen Gemeinschaften sei nicht nur zu verstehen als profaner Bezirk, der  in Fragen der Macht und Rechtsorganisation abgegrenzt werden kann. Vielmehr gehöre hierzu auch die (politische) Gemeinschaft, welche auch immer Bereiche der religiösen Ordnung und entsprechender Symbole umfasst. Dieses gelte auch für solche politischen Gemeinschaften, die versuchen die religiösen Kräfte der Gemeinschaft und ihre Symbole in a-reli­giöse Kategorien wie Volk, Staat, Klasse, Blut zu übersetzen. Dieses nennt Voegelin innerweltliche Religiosität des Kollektivums. So sei  die Sprache der Politik immer auch durchweht von der Erregung der Religiösität.

Kritik

Die vermeintliche Stärke des Essays von Voegelin ist es, dass er die politischen Religionen, die Massenbewegungen mit ihrem Angebot an Sinnstiftung und Hierachie(n)legitimierung nicht moralisch verurteilt. Der Gewinn der Lektüre liegt so vielmehr darin, Vergleichbarkeit von religiösen und aufgeklärten politischen Motivationen und Ideen durch Begriffserklärung herzustellen. Es ist aber ein Unterschied, wofür und wozu Menschen angeleitet werden sollen. Deshalb ist das antiautoritäre Hinterfragen des eigenen Standpunktes und der eigenen Motivation immer wieder von Nöten. Dass autoritäre Staatsformen, dogmatische Ideologien und die daraus entstehenden Bewegungen religiösen Charakter besitzen, ist eine banale Erkenntnis, die in der Auseinandersetzung mit Faschismus ihren Zweck erfüllt und deshalb diese Betrachtung sinnvoll macht. Jedoch genauso banal wie notwendig ist die Feststellung, dass es sich unbedingt verbietet, hieraus eine Gemeinsamkeit oder Spiegelbildlichkeit von Faschismus bzw. NS und kommunistischen Ideen oder Realitäten abzuleiten - historisch wie theoretisch.

  • 1. Voegelin hält sich an der Hegelschen Staatsbetrachtung, wonach »das Volk als Staat der Geist in seiner unmittelbaren Wirklichkeit und daher die absolute Macht auf Erden sei.«
  • 2. Sakral bedeutet heilig und ist das Gegenteil von profan.