Rezensionen | AIB 68 / 4.2005 | 18.09.2005

Ein Leben für die Revolution

Die Kommunistin Olga Benario gehört wohl ohne Zweifel zu den beeindruckendsten Frauen des 20. Jahrhunderts. Fand ihr mutiges politisches Engagement und das damit verbundene persönliche Schicksal noch eine offizielle Würdigung der DDR so ist heute der Name Olga Benario fast vergessen. Sie wurde 1908 als Kind jüdischer Eltern in München geboren. Entgegen dem Willen ihrer sozialdemokratischen Eltern trat die politisch interessierte Olga bereits mit 15 Jahren in den Kommunistischen Jugendverband ein. Gemeinsam mit ihrem Genossen und Freund Otto Braun ging sie zwei Jahre später nach Berlin, um sich dort im Arbeiterbezirk Neukölln verstärkt der politischen Arbeit widmen zu können. Unter dem Vorwurf des Hochverrats wurden Benario und Braun 1927 von der Polizei festgenommen. Braun drohten 20 Jahre Haft, im Gegensatz zu Olga, die freikommen konnte. Durch eine spektakuläre Befreiungsaktion entkam Braun unter der wesentlichen Mithilfe von Benario aus dem Moabiter Gefängnis. Nach dieser Aktion wurden Benario und Braun nicht nur polizeilich über die Grenzen von Berlin hinaus bekannt und mussten Zuf lucht in Moskau suchen. Beide waren dort für die Kommunistische Jugendinternationale tätig und wurden umfangreich in Theorie und Praxis der politischen Arbeit geschult. Doch die beiden entfremdeten sich zunehmend voneinander und trennten sich schließlich. Benario reiste unter falschem Namen im Auftrag der Komintern nach Frankreich und Großbritannien. Zurück in Moskau erhielt sie den Auftrag, die kommunistische Revolution in Brasilien gemeinsam mit dem brasilianischen Revolutionär Louis Carlos Prestes vorzubereiten. Auf der Reise in den südamerikanischen Staat begann zwischen den beiden eine Beziehung, die das Leben von Olga und Louis gleichermaßen bestimmen sollte. Trotz der großen Anhängerschaft von Prestes und weitreichender Vorbereitungen wurde der kommunistische Aufstand innerhalb eines Tages von der Regierung niedergeschlagen. Unter den zahlreichen Verhafteten waren neben anderen Führungspersönlichkeiten auch Prestes und die schwangere Benario. Nachdem ihre wahre Identität von der Polizei entdeckt wurde, war die jüdische Kommunistin von der Auslieferung nach Nazideutschland bedroht. Trotz zahlreicher internationaler Solidaritätsbekundungen konnte dies nicht verhindert werden. Nach der erfolgten Auslieferung brachte sie am 27. November 1936 in einem Berliner Frauengefängnis ihre Tochter Anita Leocadia zur Welt. Nach der Trennung von ihrer Tochter Anfang 1938 wurde Olga Benario in das Konzentrationslager Lichtenburg und später Ravensbrück übergeführt. Im Frauenkonzentrationslager zeigte sich Olga gegenüber ihren Mitgefangenen über ein solidarisches Miteinander hinaus voller Kraft und Hoffnung und wurde so zur wichtigen Vertrauensperson für ihre Schicksalsgenossinnen. Nach drei Jahren Ravensbrück wurde Olga Benario 1942 in die "Heil- und Pflegeanstalt" Bernburg überführt und dort ermordet. Ihre Tochter Anita wurde Olgas Schwiegermutter übergeben, die sich Zeit ihres Lebens für die Freilassung von Olga Benario stark machte. Später lebten Anita zusammen mit ihrem freigelassenen Vater Prestes. Im Wechselspiel von historischen Aufnahmen und nachgestellten Szenen wird in diesem Dokumentarfilm von Galip Iyitanir eindrucksvoll das außergewöhnliche Leben der Kommunistin Olga Benario nachgezeichnet. Der historische Teil wird nicht nur durch Interviews mit Wissenschaftlern, die zu Olga Benario und der brasilianischen Revolution geforscht haben, ergänzt, es werden auch Tonaufnahmen von Prestes eingespielt. Dabei wird aber das Scheitern des kommunistischen Aufstandes in Brasilien von 1936 und das Wirken der Kommunistischen Internationale zu wenig einer kritischen Betrachtung unterzogen. Die leider wenigen schauspielerischen Szenen überzeugen durch Margrit Sartorius als Olga Benario. Durch ein umrahmendes brasilianisches Volkslied wird deutlich, dass Olga Benario von der Bevölkerung nicht vergessen wurde. Die chronologisch aufbereitete Biografie versucht erfolgreich die Vieschichtigkeit der Persönlichkeit von Olga Benario zu erfassen und macht den Film damit zu einem sehenswerten historischen Dokument für eine wichtige und beeindruckende Persönlichkeit des vorigen Jahrhunderts.

Olga Benario – Ein Leben für die Revolution
von Galip Iyitanir mit Margrit Sartorius, Michael Putschli, Oliver Betke
D 2004

Als DVD erhältlich bei:
Neue Visionen Filmverleih GmbH
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