Der deutsche Neonazi-Terrorist Ekkehard Weil wurde 1982 in Österreich verhaftet. Er stand mit Gottfried Küssel und weiteren Neonazis aus den Kreisen der ANR vor Gericht. (Bild: Screenshot YouTube/AP)
International | AIB 20 / 5.1992 | 24.01.1993

Ein ehemaliger Mitstreiter Gottfried Küssels berichtet

Stefan S. zählte früher zum harten Kern um Gottfried Küssel in Österreich. Er legt wert auf die Feststellung, sich längst vom Neonazismus losgesagt zu haben. In dem folgenden Interview spricht er über die „Auschwitzlüge“, Wehrsport, Saufgelage und Gottfried Küssels Rolle in der Szene. Wir dokumentieren dieses Interview zu einem Zeitpunkt, zu dem sich Küssel wegen NS-Betätigung im Wiener Gefängnis befindet. Mit seinem Prozeß ist im November 1992 zu rechnen. Es fallen eine Reihe Namen von neonazistischen Personen und Organisationen. Sie im einzelnen aufzuschlüsseln, würde den Rahmen des Interviews sprengen - stattdessen wollen wir lieber in Zukunft verstärkt über die österreichische Situation informieren.

Interviewer: Die unvermeidliche erste Frage: Wie sind Sie überhaupt zu den Neonazis gekommen?

Stefan S.: Die haben massiv Propaganda gemacht, an meiner Schule. Da bin ich halt zu der Partei dazugekommen. In meiner Schule waren einige Leute bei der ANR.

Interviewer: ANR - das war die »Aktion Neue Rechte«?

Stefan S.: Genau. Meine Kollegen, die haben mich mitgezogen. Ich habe an Sitzungen teilgenommen, dabei hab ich unter anderem den Gottfried Küssel kennengelernt. Der war damals schon wehrsportbegeistert. Wir haben Wehrsportübungen auf dem Lindenhof1 abgehalten.

Interviewer: Gab es politische Inhalte?

Stefan S.: In der Anfangsphase kaum. Das Politische war mir damals wurst, ich bin von denen nur sehr langsam indoktriniert worden. Die Kameradschaft, die hat gezählt.

Interviewer: Wie war das mit dem Nationalsozialismus?

Stefan S.: Für mich war das nicht Nationalsozialismus. Für mich war dort Action.

Interviewer: Welche Action?

Stefan S.: In ein Lokal gehen, Wickel machen, bedingungslos zusammenhalten, aufs Land fahren, Wehrsportübungen, Schießen, Nachtmärsche, Abenteuer.

Interviewer: Und dann?

Stefan S.: Dann hab ich angefangen, mich mit Teilen von deren Inhalten zu identifizieren. Obwohl: dieses martialisch-militaristische Getue von denen, das war für mich immer lächerlich. Und dann hab ich die Szene kennengelernt, bin eingestiegen. Ich hab die Szene kennengelernt, NDP 2, Babenberger3, es hat ja gemeinsame Übungen gegeben.

Interviewer: In Rapottenstein?

Stefan S.: Nein, in einem Steinbruch südlich von Wien. Mehr will ich nicht sagen.

Interviewer: Trotzdem: Wie viele waren da dabei?

Stefan S.: So 30 bis 40 Leute, würde ich sagen.

Interviewer: Und was ist dort passiert?

Stefan S.: Dort ist streng nach Bundesheer-Reglement exerziert worden. Fortbewegung im Gelände, Nahkampf, Tarnen und Täuschen, Umgang mit Waffen, mit scharfer Munition.

Interviewer: Woher kamen die Waffen?

Stefan S.: Die Waffen waren privat. Die haben die Leute selber aufgestellt. Das waren amerikanische Karabiner Automatik, ursprünglich zugeschweißt, die wir aufgemacht haben.

Interviewer: Irgendwie lächerlich...

Stefan S.: Ganz bestimmt nicht lächerlich. Weil der Drill ist so gelaufen, daß du es dir auch in einer Situation zutraust, wo dir einer sagt: „Mach das!“, und du machst es. Das war Kasernenhofdrill mit anschließendem Saufgelage.

Interviewer: Und der Küssel?

Stefan S.: Der hat sich hauptsächlich dadurch ausgezeichnet, daß er sich nachher bis zur Bewußtlosigkeit zugeschweißt hat. Deswegen haben sich viele „Kameraden“ von ihm distanziert. Der war nicht vertrauenswürdig. Die anderen waren fast alle Jus-Studenten4 aus guten Familien. Der Küssel, der galt als Vertreter des Proletariats. Alle anderen waren „rich kids“. Der Küssel, der hat derbere Späße draufgehabt. Der hat z.B. im Vollrausch auf der Höhenstraße Autos zusammengehaut.

Interviewer: Wie waren die Strukturen?

Stefan S.: Der absolute Chef, das war der Bruno Haas5, der Michael Witt war der Wiener Landesleiter, und der Neidhardt6 hat sich ums Ideologische bemüht.

Interviewer: Und wie war Küssels Rolle dabei?

Stefan S.: Der war beim Saalschutz und solchen Sachen voll dabei. Wegen seiner zahllosen Wirtshausraufereien haben wir ihn als „nahkampferprobt“ eingeschätzt.

Interviewer: Wie war das mit der Finanzierung?

Stefan S.: Das ist streng geheim gelaufen. Das hat alles der Bruno Haas gecheckt. Bei den Babenbergern war jedenfalls einer mit einem VW-Schwimmwagen, dem gehört eine Yuppie-Friseurkette in Wien. Den Wagen kannst heut noch anschauen. Und dem Kameraden K.7, denen gehört der Hein-Gericke-Laden und ein B.8, aber momentan sitzt einer. Geld war immer genug da, das war kein Problem.

Interviewer: Stichwort: Babenberger?

Stefan S.: Wirtshauspartie. Aber als kampferprobte Vorbilder haben sie schon gegolten.

Interviewer: Was fällt dir zu dem Namen Ussner9 ein?

Stefan S.: Kenn ich nur vom Sehen. Kann ich nix sagen.

Interviewer: Stichwort: NDP?

Stefan S.: Diskutierverein. Bis auf die Simmeringer Abteilung, Vor denen haben wir Respekt gehabt. Aber insgesamt war die NDP ein legaler Ableger, von dem jeder gewußt hat, daß er wichtig ist. Wir selber haben uns immer als illegaler Arm verstanden.

Interviewer: Wo stehen die Babenberger politisch?

Stefan S.: Altherrenverein, das war das Image. Inaktiv. Aber militärisch gut beieinander. Im Notfall haben wir uns die geholt. Die waren zehn Jahre zu alt, mindestens, das war ihr Problem.

Interviewer: Stichwort: Gottfried Küssel?

Stefan S.: Am Anfang galt der als unberechenbar, als einer, der zu viel säuft. Ein „nützlicher Idiot“, haben die Chefitäten gesagt.

Interviewer: Und seine Funktion?

Stefan S.: Bei Wickeln in die erste Reihe. Der hat zu viel fraktioniert, weil er sich ewig zurückgesetzt gefühlt hat. Was den Umstand erklären würde, warum sich der Herr Küssel bei seinen DDR-Auftritten stets mit mehreren Reporterteams umgab. Mit ist erzählt worden, daß der Küssel beim P.10 und beim Haas damals „Filmerl“ geheißen hat, so überwichtig war der.

Interviewer: Was ist mit Gerd Honsik11?

Stefan S.: War ein Babenberger. Sehr gesetzt.

Interviewer: Was macht den Mythos vom Gottfried Küssel in der Szene aus?

Stefan S.: Das Gefährliche am Küssel ist, daß der, wenn er enthemmt war, sich über Sachen drübergetraut hat, die sich die anderen aus Gründen der Optik oder aus Angst vor möglicher Strafverfolgung nie getraut hätten. Der Küssel hat immer dadurch, daß er Aktionen durchgezogen hat, die einhellig abgelehnt worden sind, die Strategie torpediert. Ehrlich gesagt: der Küssel hat immer nur Leute fasziniert, die gleich dumm oder noch dümmer waren wie er selber.

Interviewer: Was kannst du über die VAPO12 sagen?

Stefan S.: No comment. Aber der Küssel hat in der Zwischenzeit seine Strategie sicher verfeinert, einfach Erfahrungen gesammelt. jetzt schafft er es, mehr Leute anzusprechen.

Interviewer: Was denken Sie heute über die heimische Neonazi-Szene?

Stefan S.: Erstens denk ich mir, daß die Linke ein politisches Vakuum hat. Zweitens weiß ich von mir selber, daß die Identifikation über die reine Gruppenzugehörigkeit möglich ist; du identifizierst dich bedingungslos mit der Gruppe, nicht mir ihren Zielen. Und drittens weiß ich, daß der Küssel absolut unfähig ist, sich analytisch mit politischen Inhalten auseinanderzusetzen; der ist Aktionist, das ist seine Macht.

Interviewer: Noch einmal, welche Strukturen gibt es?

Stefan S.: Autoritär. Führerprinzip. Linienorganisation. Militärische Organisationsform mit Stabstellen. Beim Ochensberger-Prozeß13 hab ich ein Problem gehabt. Drinnen im Gerichtssaal haben der Ochensberger und sein Anwalt die Existenz von Gaskammern geleugnet, und heraußen haben mir die Ochensberger- und Honsik-Fans gesagt, so was wie ich gehörte vergast. Die Leute werden so programmiert, daß es so was wie Gaskammern für sie nie gegeben hat. Wenn sie angesoffen sind, scherzen sie drüber: „Schau doch bei mir daheim vorbei, ich hab einen Lampenschirm mit Tätowierungen.“

Interviewer: Zwei Strategien: Nach außen, nach innen?

Stefan S.: Genau. Nach außen: So was hat es nie gegeben. Intern wird der Holocaust total befürwortet. Ein Beispiel. Es gibt da das Soldatenlied „Ein Bett im Kornfeld“. Beim Kameradschaftsabend heißt das dann: „Der Jude Kornfeld ist ein linkes Schwein - der Jude Kornfeld kommt in die Gaskammer rein“. Mit dem Lied haben wir übrigens in Landgasthäusern Begeisterungsstürme ausgelöst, das solltest du auch schreiben.

Interviewer: Keine Sorge. Deine Erfahrungen aus der Küssel-Szene?

Stefan S.: Es gibt ein totales Umfeld, in dem sie sich bewegen, wo sie sich kein Blatt vor den Mund nehmen müssen, nach außen operieren sie aus Gründen der Legalität mit der „Auschwitzlüge“.

Interviewer: Noch einmal: Wie genau „Auschwitzlüge“?

Stefan S.: Ich sag's jetzt so, wie's intern gesagt wird. Nach außen operieren wir so: es dürfen keine Juden vergast worden sein, weil dadurch ja die Legitimität der Bewegung in Frage gestellt werden könnte. Die Juristen in der Bewegung argumentieren damit, daß sich die NSDAP nie selber aufgelöst hat, rein rechtlich. Und nach innen hab ich nie den Eindruck gehabt, daß es da ein homogenes Konzept gibt. Auf der Ebene haben die nicht einmal die Qualität des Herrn Schicklgruber14.

Interviewer: Was sagt der Küssel dazu?

Stefan S.: Na, der lacht über Leute, die die Auschwitzlüge bis zum letzten I-Pünkterl verteidigen. Für den Küssel ist das diese lächerliche, legalistische Neonazi-Juristen-Partie, die sich auf die Legitimität der NSDAP steht. Der Küssel hat das intern immer torpediert: „Mir brauchen des net“ Öffentlich verteidigt er die Auschwitzlüge. Aber intern meint er, daß das eine „Zeitbombe“ werden kann. Der Küssel hat kein Problem damit zu sagen, daß der und der und die umgelegt oder vergast gehören. Echt nicht.

Interviewer: Und die jetzigen Aktionen?

Stefan S.: Mein Gott, da wollen sich ein paar Leute in der Bewegung profilieren. Wenn du mich fragst: erwisch einen von denen allein im Wirtshaus, er schiebt eine freche Nazi-Meldung, schmierst ihnen eine, und es ist Ruh. Ich sehe genau da die Gefahr der Verharmlosung. Sicher, die jungen Leute sind nicht ideologisch gefestigt. Die haben kein Konzept. Da gibt es Rollenspiele um die Macht, sonst keine Strategie, und aus der Stimmung heraus werden dann Asylantenheime angezündet. So was wie die Babenberger halt ich für viel gefährlicher. Die unterwerfen sich seit Jahrzehnten einer sinnlosen Kommandostruktur. Die anderen, das sind Rowdies, nützliche Idioten, die überhaupt erst die Etablierung der wichtigen Organisation im System ermöglichen.

Interviewer: Nach der Küssel-Verhaftung gab es Gerüchte über „Feindlisten“?

Stefan S.: Trau ich denen sofort zu. Wenn jemand nix zu tun hat, macht er bald was. Der Gottfried Küssel ist der Typ, der so was anschafft, daß Gegner observiert werden. Paß bloß auf.

Interviewer: Wie charakterisierst du Gottfried Küssel?

Stefan S.: Gestörtes Verhältnis zu Frauen. Machtmensch. Setzt fehlende Strategie in Taten anderer um insofern ist er sicher gefährlich. Der will wichtig sein, ernst genommen werden. Dem geht's um seinen Mythos. Und sonst um gar nix.

Interviewer: Und die Küssel-Szene?

Stefan S.: Jede Publicity ist für die Motivation. Das spricht ja auch gegen das Interview, das ich Dir hier gebe. Die Leute sind immer dann abgesprungen, wenn Null Publicity war. Ohne Rückkoppelung keine Szene. Oder, umgekehrt: Kein Renommee ohne Öffentlichkeit.

Interviewer: Wie läßt sich die Szene unschädlich machen?

Stefan S.: Gib ihnen genug Alk, dann hauen die sich nur mehr gegenseitig in die Goschen.

  • 1. Neonazi- Wehrsportzentrum bei Papottenstein im Waldvierte
  • 2. Die "Nationaldemokratische Partei" (NDP) war eine von 1967 bis zur Aberkennung des Parteistatuts und der behördlichen Auflösung des Vereins wegen nationalsozialistischer Wiederbetätigung 1988 bestehende Kleinstpartei in Österreich.
  • 3. Die „Kameradschaft Babenberg“ war eine Gruppe österreichischer Neonazis, die sich hartem Drill unterzog. Gegründet hatte die „Kameradschaft Babenberg“ 1969 der Ex-Wehrmachtoffizier Arthur Maichanitsch. Die ‚Babenberger-Kraftfahrstaffel‘ war als ‚Verein der Schwimm- und Kübelwagenfahrer‘ vereinspolizeilich gemeldet. Als Anfang April 1980 in der Vereins-Zeitschrift „Der Babenberger“ unter der Überschrift „Der Staatsvertrag ist ein Diktat“ großdeutsche Ideen propagiert wurden, leitete das Innenministerium die Auflösung ein.
  • 4. Mit JuS dürfte "Juristische Schulung" gemeint sein.
  • 5. Bruno Haas war Gründer der “Aktion Neue Rechte“ (ANR)
  • 6. Martin Neidhardt war Gründer des „Nationalistischer Bund Nordland“ (NBN) und neben Gottfried Küssel, Bruno Haas, Michael Witt und dem deutschen Neonazi Ekkehard Weil u.a. Angeklagter im Wiener Neonazi-Prozess ("ANR-Prozeß") von 1983/84. Bei diesem Prozeß ging es u.a. um Verbrechen durch das Verbotsgesetz, die Gefährdung durch die Verwendung von Sprengmitteln und Verstoß gegen das Waffengesetz. Martin Neidhardt wurde dort “bedingt verurteilt”.
  • 7. Name redaktionell abgekürzt
  • 8. Name redaktionell abgekürzt
  • 9. Entsprechend dem Vereinsregisterauszug gehörten u.a. ein Hermann Ussner zu der extrem rechten „Aktionsgemeinschaft für Politik“ (Wien). Anfang der 1980er Jahren galt er als ein „Stableiter“ der „Kameradschaft Babenberg. U.a. das TATblatt vom 9. Dezember 1992 berichtete das Anfang 1992 eine "Wehrsportgruppe Trenck" im „Club Freiheit“ (das ehemalige "Freiherr von der Trenck-Heim" in Wien-Ottakring) polizeilich ausgehoben wurde. Als Kopf der Gruppe und „Heimwart“ galt der damals 49jährige Hermann Ussner.
  • 10. Name redaktionell abgekürzt
  • 11. Gerd Honsik war ein führender Funktionär der Nationaldemokratischen Partei (NDP) in Österreich.
  • 12. Neonazi-Gruppe "Volkstreue außerparlamentarische Opposition"
  • 13. Der Neonazi Walter Ochensberger ist seit den 1970er Jahren eine zentrale Figur der Neonaziszene, u.a. Herausgeber der Neonazi-Zeitschrift „Sieg“ und mehrmals u.a. wegen NS-Wiederbetätigung verurteilt worden.
  • 14. Offenbar wird in  Anspielung auf die unklare familiäre Herkunft Adolf Hitler als Adolf Schicklgruber bezeichnet.