Rezensionen | AIB 93 / 4.2011 | 30.12.2011

Distanzieren, Leugnen, Drohen

Bernhard Schmid

Ausgangspunkt des Buchs »Distanzieren, Leugnen, Drohen« von Bernhard Schmid sind die grausamen Anschläge in Utøya und Oslo in Norwegen vom 22. Juli 2011 Jahres. Der Attentäter Anders B. Breivik greift ein Regierungsgebäude und ein Jugendcamp der regierenden sozialdemokratischen Arbeiterpartei mit Bomben und Schußwaffen an. Ein Mensch aus dem reichen Norden Europas tötet auf kaltblütige Art und Weise 77 seiner Mitbürger_innen. Ein Umstand, den es in dieser Konstellationen so noch nicht gegeben hat. Breivik entstammt einer extremen Rechten, die in Europa stark an Zuwachs gewinnt und den Islam sowie Migration als Quelle allen Übels ausmachen. Dieser extremen Rechten nimmt sich der Autor an. Anhand von Beispielen aus verschiedenen westeuropäischen Ländern wird die Entstehung, Struktur und Ideologie dieser, verharmlosend als "islamkrititisch" titulierten, Bewegung genauer untersucht. Schwerpunkt des Buchs sind die Reaktionen eben dieser Bewegung auf die Attentate von Norwegen. Die offiziellen Reaktionen reichen von Distanzierung bis zu Beileidsbekundungen, wie z.B. beim französischen »Front National«.

Doch der Autor zeigt anschaulich auf, dass es hinter den Kulissen brodelt und längst nicht alle mit solcher Zurückhaltung zufrieden sind. Sehr spannend ist der Artikel über das deutsche Forum »PI News« und den unterschiedlichsten Reaktionen der UserInnen dort. An den Beispielen Niederlande, Frankreich, Belgien und Italien wird die Gedankenwelt und die schrittweise Radikalisierung dieser Rechten, hin zu einer hetzerischen und rassistischen Bewegung aufgezeigt, garniert mit Verschwörungstheorien über eine »islamische Invasion«. Das Buch gibt einen guten Überblick über diese extreme Rechte im westlichen Europa und eine leicht verständliche Sprache rundet das Werk ab. Einziges Manko ist die spärliche Einbeziehung der Entwicklung in den skandinavischen Ländern. Nicht nur, weil das ideologische Vorbild für Breivik, der Blogger »Fjordman« aus dem Norden kam, wäre eine Thematisierung dieser Länder spannend gewesen. Der Rechtspopulismus ist in Ländern wie Dänemark, Norwegen und Finnland weit fortgeschritten. Eine aggressive antimuslimische Rhetorik ist an der Tagesordnung und vollständig als politisches Mittel anerkannt. Hier haben sich spannende Debatten darüber entzündet, inwiefern diese Rechte eine ideologische Mitverantwortung an dem Massaker hat.

Bernhard Schmid
DISTANZIEREN, LEUGNEN, DROHEN
Die europäische extreme Rechte nach Oslo
120 Seiten, 12.80 EUR
ISBN 978-3-942885-09-6
edition assemblage, Oktober 2011