Rezensionen | AIB 72 / 3.2006 | 15.09.2006

Die Sicherheitsgesellschaft. Soziale Kontrolle im 21. Jahrhundert

Tobias Singelnstein, Peer Stolle

Die Autoren sind Kriminologen, die jeweils an strafrechtlichen Lehrstühlen gearbeitet haben. Diese Tatsache lohnt der Hervorhebung, finden sich in ihrem Werk doch kriminologisch-soziologische und strafrechtskritische Analysen zusammengeführt, die die komplexe Materie so nicht nur verständlicher machen, sondern auch weiterführen.

Als Sicherheitsgesellschaft bezeichnen die Autoren die gegenwärtige Formation sozialer Kontrolle. Bevor sie diese beschreiben und einer Kritik unterwerfen, wird zunächst einmal skizziert, wie es zu dieser Formation gekommen ist. Als Ausgangspunkt dient ihnen die Phase des Fordismus, also des Sozial- und Wohlfahrtsstaates, dessen Instrumente (»strafende Wohlfahrt« und Disziplinargesellschaft) und Ziel (Ausgleich und Kontrolle) näher beschrieben werden.

Im Anschluss daran wird erklärt, warum es diese Formation sozialer Kontrolle nicht mehr gibt, warum sie sich also gewandelt hat: Änderung des Gesellschaftsmodells (strukturelle Veränderung) und Einfluss von Protagonisten (neoliberale Konzepte, moralisch-religiöser Konservatismus, Sicherheitsproduzenten sowie Medien) haben neue Mechanismen und Techniken sozialer Kontrolle geschaffen (Selbstführung, instrumentelle Kontrolle und Ausschluss lassen den klassischen Behandlungsansatz von Resozialisierung und Disziplinierung zurücktreten) und Institutionen sozialer Kontrolle verändert (Globalisierung und Internationalisierung der Sicherheitspolitik, Ökonomisierung, Neubestimmung der Funktion von Recht, Neuformierung von demokratischer Willensbildung, die die Legislative schwächt und die Exekutive stärkt). Als Ergebnis dieser Transformation steht nun die Sicherheitsgesellschaft.

Kennzeichen dieser Gesellschaft ist, dass aufgrund gesellschaftlicher Verunsicherung das Sicherheitsbedürfnis des Einzelnen steigt und damit einhergehend auch das Bedrohungsgefühl und sich so eine Risikologik entfalten konnte, die wiederum eine proaktive Sicherheitspolitik ermöglichte, die zu einer Stärkung der Bedeutung der Polizei führte. Diese Formation sozialer Kontrolle wird einer kritischen Analyse unterzogen.

Als zentrale Elemente der Kritik werden dabei ausgemacht: die Macht- und Herrschaftsförmigkeit sozialer Kontrolle zur Absicherung gesellschaftlicher Strukturen, die Verlagerung der sozialen Kontrolle von Institutionen des sozialen Nahraums hin zu professionellen Strukturen, der Ausschluss derjenigen, die von den Kontrolltechniken nicht mehr leitbar sind sowie das gewandelte Verständnis von Abweichung und sozialer Problemkonstellationen. Bereits diese Analyse wäre für einen neuen Schub in der gesellschaftspolitischen – wie auch wissenschaftlichen – Diskussion um die Formation sozialer Kontrolle ausreichend gewesen. Jedoch gehen die Autoren weiter. Aufbauend auf die eben geschilderte kritische Analyse stellen sie Überlegungen zu einer alternativen Perspektive von Sozialkontrolle an.

Die folgenden Schlagworte müssen für ein Interessewecken genügen: Demokratisierung von Sozialkontrolle, Schaffung von Ressourcengerechtigkeit und partizipativer Demokratie, Gewährung von Freiheit und Autonomie des Einzelnen mittels Offenheit, Respekt, Solidarität sowie Toleranz und der Bruch mit der hegemonialen Risikologik. Das damit bedingte Dilemma sehen auch die Autoren. Da diese alternative Perspektive eine grundlegende gesellschaftliche Veränderung bedingt, liegt sie derzeit in weiter Ferne. Gleichwohl ist dieser Blick doch geeignet, Argumentationsstränge aufzuzeigen.

Schließlich wird auch noch ein Rechts- und gesellschaftspolitischer Ausblick geliefert – wie eine Änderung erreichbar erscheint. Neben dem Rechtsstaat (der in seinen Grundsätzen und Ausprägungen gerade nicht abzulehnen ist) sind selbständig die Grund- und Menschenrechte zu stellen und daran alternative Konfliktlösungsmodelle zu entwickeln.

Es ist sich auf die ursprüngliche Funktion von Recht zurückzubesinnen: der Begrenzung staatlicher Macht und der Bekämpfung von Ungerechtigkeit, Ungleichheit und Unfreiheit. Des Weiteren muss das diffuse Bedrohungsgefühl in der Bevölkerung aufgebrochen werden und die Sicherheit als Inszenierung bzw. Fiktion enttarnt werden (Dekonstruktion der Rationalität der Sicherheit). Schließlich – und dem ist zuzustimmen – kommt es nicht auf die Antworten, sondern auf das Stellen der richtigen Fragen an, damit die in dem Buch aufgeworfenen Sachverhalte neu beschrieben werden.

Auch wenn das Buch sprachlich sehr anspruchsvoll ist und zweimal gelesen werden sollte, kann dies seinen Verdienst nicht schmälern. Der Verdienst ist nämlich einerseits die gegenwärtige Ist-Situation der sozialen Kontrolle nachvollziehbar beschrieben und zum anderen Gedanken zu alternativen Perspektiven entwickelt zu haben. Geeignet ist die Lektüre nicht nur für den wissenschaftlich Tätigen, sondern gleichermaßen auch für die politisch Engagierte.

Tobias Singelnstein, Peer Stolle
Die Sicherheitsgesellschaft. Soziale Kontrolle im 21. Jahrhundert
VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2006
ISBN 3-531-14897-4
159 Seiten, Euro 19,90