Die extreme politische Ausrichtung des Hetendorfer Neonazi-Zentrums blieb Gernot Holstein angeblich verborgen. (Bild: Faksimile Spiegel 8/1998)
Braunzone | AIB 49 / 4.1999 | 27.12.1999

Die Rechtsschreiber

In diesem Jahr scheiterte in Berlin ein Volksbegehren, mit dem der Berliner Verein für deutsche Rechtschreibung und Sprachpflege e.V. (BVR) die Umsetzung der Rechtschreibreform verhindern wollte. Zu diesem Zweck wurden Unterschriftenlisten öffentlich ausgelegt, in denen sich Berlinerinnen und Berliner eintragen konnten.

Unter den Gegnern der Rechtschreibreform tummeln sich etliche Rechte

Seit Anfang Mai 1999 ist bekannt, daß der Sprecher des BVR und langjährige Aktivist gegen die Rechtschreibreform, der Berliner Gernot Holstein, Mitglied in verschiedenen sehr rechten Organisationen gewesen ist.

Nach Bekanntwerden der Vorwürfe, die das Antifaschistische Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin (Apabiz) gegen den Spandauer erhoben hatte, stritt dieser vehement ab. Auch der BVR nahm seinen medienwirksamen Sprecher, der schon als Kläger gegen das Land Berlin bekannt geworden war, erwartungsgemäß in Schutz: Eine »Schmutzkampagne« sei gegen ihren Sprecher angezettelt worden, und, so spekulierte der BVR in einer Pressemitteilung, es werde »mit den >Bertelsmännern<, den Vertretern des zweitgrößten Medienkonzerns der Welt (...), gemeinsame Sache« gemacht.

Inzwischen wurde jedoch durch vielfältige Dokumente belegt, dass Gernot Holstein zum einen am 7. März 1990 in Berlin an der Gründungsversammlung des Berliner Ablegers der Deutschen Kulturgemeinschaft (DKG) teilnahm, ein 1983 von NPD-Mitgliedern gegründetes Sammelbecken Berliner Rechtsextremisten unter Einschluß neonazistischer Gruppen. Holstein wird dort zum stellvertretenden Vorsitzenden der DKG gewählt, tritt aber noch im selben Jahr aus dem neonazistischen Verein wieder aus. Die DKG nennt sich heute Berliner Kulturgemeinschaft Preußen (BKP), da der Gründungsname vom Vereinsgericht nicht anerkannt wurde.

Zum anderen war Holstein, genauso wie seine Ehefrau Sabine Holstein, zeitweilig Mitglied der Artgemeinschaft Germanische Glaubensgemeinschaft e.V., einem heidnisch-germanischen Verein des Hamburger Neonazis Jürgen Rieger. Noch im Jahre 1994 nimmt Gernot Holstein am jährlichen Treffen der Artgemeinschaft, dem sogenannten Gemeinschaftsthing teil. Das Treffen fand vom 17. bis 19. Juni 1994 auf dem Gelände Hetendorf Nummer 13 in Niedersachsen im Rahmen der jährlichen »Hetendorfer Tagungswoche« statt. AntifaschistInnen aus Niedersachsen kämpften jahrelang gegen diese neonazistische Versammlungsstätte, bis im Februar 1998 der Trägerverein, Heideheim e.V., vom Land verboten und das Gelände eingezogen worden. Begründet wurde dies u.a. wegen dort abgehaltener, »in unerträglicher Weise den Nationalsozialismus verherrlichenden Vorträge«. Ende 1994 trat das Ehepaar Holstein nach internen Querelen aus dem Verein aus.

Gernot Holstein versucht heute den Eindruck zu erwecken, zu seiner Zeit nicht mit extrem rechten Inhalten konfrontiert gewesen zu sein, bzw. die oben genannten Organisationen hätten zumindest damals keine derartigen Inhalte vertreten. Dies wirkt alleine in Anbetracht seiner Gesinnungsfreunde jedoch wenig glaubwürdig.

Weder der BVR noch dessen Sprecher Holstein haben sich bisher in befriedigender Weise zu den bekanntgewordenen Kontakten zu Rechten und Neonazis geäußert. Gernot Holstein ist immerhin in den Berliner Sprachschützer-Kreisen sehr präsent. Bereits 1997 trat Gernot Holstein zusammen mit Ernst Steppan für eine Berliner Bürgerinitiative mit dem Namen „Wir sind das Rechtschreibvolk!“ in Erscheinung. Wenig später folgte eine Bürgerinitiative „Wir Spandauer Eltern gegen die Rechtschreibreform“, die ebenfalls von Holstein mit initiiert worden sein soll. Das Berliner Volksbegehren, in das die Gegner der Rechtschreibreform nach dem Erfolg in Schleswig-Holstein so große Erwartungen gesetzt hatten, ist deutlich gescheitert. Die Aktivisten des BVR geben sich jedoch nicht geschlagen: Der Sprecher des BVR Gernot Holstein wurde schon 1994 als Mitglied im Bund für deutsche Schrift und Sprache begrüßt, so deren Quartalsschrift »Die deutsche Schrift«. Unter den Mitgliedern des Bundes, deren Verlautbarungen oftmals von völkischer Tradition strotzen, befinden sich Mitglieder der Deutschland Bewegung, bekennende Anhänger des antisemitischen Bund für Gotteserkenntnis (Ludendorff) und Mitglieder diverser anderer rechter Organisationen.

Für dieses Umfeld beschreibt der Student der Rechtswissenschaften Holstein Anfang 1998 in »Die deutsche Schrift« den »Stand der Rechtsprechung zur Rechtschreibung« und referiert zuletzt auf der Mitgliederversammlung 1999 zum gleichen Thema.

Der Vorsitzende des BVR, Ernst Steppan, hingegen, der schon 1997 der rechten Zeitung Junge Freiheit als Interviewpartner zur Verfügung stand, tritt zur Berliner Abgeordnetenhauswahl als Einzelkandidat an. Und auch sonst wird weiter der Rechtsweg eingeschlagen: Über eine gerichtliche Klage soll eine Neuauflage des Volksbegehrens durchgesetzt werden.