Thomas P. (links) als Ordner bei einem Neonazi-Aufmarsch.
NS-Szene | AIB 45 / 4.1998 | 05.12.1998

Die NPD im brandenburgischen Neuruppin

Neuruppin, eine idyllische Kleinstadt im Norden Brandenburgs, hat in diesem Sommer nicht nur als »Fontanestadt« von sich reden gemacht. Neuruppin war eine der über 30 Kommunen des Landes Brandenburg, in denen die NPD versuchte, zu den gleichzeitig zur Bundestagswahl stattfindenden Kommunalwahlen anzutreten. Daß es dazu doch nicht kam, lag wohl vor allem daran, daß das lokale Aushängeschild der NPD - der 82jährige Wilhelm Lange - sich nach eigenen Angaben gesundheitlich nicht mehr zur Kandidatur in der Lage fühlte.

Um die Entwicklung der rechten Szene Neuruppins nachvollziehen zu können, ist ein kleiner Ausflug in die Vergangenheit nötig. Nach der sogenannten Wende machten auch in Neuruppin die "Stiefelnazis" mit Schlägereien und Übergriffen auf sich aufmerksam. Höhepunkt dieser Entwicklung war die Ermordung des Obdachlosen Emil Wendtland. Er wurde in der Nacht zum 1. Juli 1992 von den Neonazi-Jugendlichen Mirko Handke1, Remo Buchholz2 und Matthias P. erschlagen. Im November 1992 zünden rechte Jugendliche um Enrico Engel3 eine Aussiedlerunterkunft in der Nähe von Neuruppin an. Nach weiteren Angriffen auf kirchliche und alternative Jugendeinrichtungen reagierten die Stadt und ein freier Träger mit dem Angebot eines Jugendclubs für die rechte Jugendszene - der »Bunker«. Dort wird seit 1992 »akzeptierende Jugendsozialarbeit« ausprobiert.

Nach einer erfolgreichen Hausbesetzung war das linke "Infocafe Mittendrin" dann immer wieder Zielscheibe von rechten Übergriffen. Im Oktober 1995 wurde das "Mittendrin" von 30 Neonazis angegriffen und teilweise zerstört. Weitere Angriffe gegen vermeintliche Linke und Ausländer sind bis heute Alltag.

Vor zwei Jahren kam Bewegung in die eher unorganisierte rechte und Neonaziskin-Szene: Der 82jährige Wilhelm »Opa« Lange zog kurz nach der Wende aus Schwelm bei Wuppertal ins Dörfchen Vielitz bei Lindow. Schon dort fiel er durch seine »präventive« (O-Ton Lange) politische Arbeit auf. So spendete er Anfang 1996 rund 1.000 DM für den Aufbau eines rechten Jugendtreffs in Lindow, in dem sich rund 20 Neonaziskinheads regelmäßig trafen, und verteilte - wie auch heute in Neuruppin - Propagandamaterial verschiedenster neonazistischer Couleur vor Schulen und Jugendclubs.

Wilhelm Lange macht aus seinen politischen Überzeugungen keinen Hehl. Er ist stolz auf seine Vergangenheit in der "Hitlerjugend", trat dann in die NPD ein und ist nach einem Intermezzo bei der "Deutsche Liga für Volk und Heimat" (DLVH) heute wieder für die NPD aktiv. 1996 zog Lange nach Neuruppin. In Neuruppin versucht er offenbar, eine »nationale Jugendbewegung« aufzubauen. Wilhelm Lange vertreibt seine Propaganda unter dem Namen "Volkstreue Deutsche Jugend". Zu seinem Repertoire gehören auch Kugelschreiber mit entsprechenden Aufschriften, die er kostenlos verteilt. Eine Zeitlang versuchte Lange, mit Leserbriefen an die Regionalpresse seine rechte Propaganda möglichst effektiv zu verbreiten. Seitdem die örtlichen Zeitungen seine Pamphlete nicht mehr abdrucken, schreibt er vorzugsweise für Neonazipublikationen, so beispielsweise im Neonaziskinhead-Fanzine "Freya" aus Hennigsdorf, das neuerdings in Neubrandenburg erscheint.

Obwohl Langes Schriften über »Disziplin«, »Opferbereitschaft« und die Verherrlichung des "Rittertums der Deutschen Wehrmacht« mehr als antiquiert wirken, ist seine Wohnung längst zum Treffpunkt der sehr jungen rechten Szene geworden. Auch zu Jugendlichen aus den umliegenden Städten und Dörfern hält er Kontakt. Seine Gäste werden mit allem versorgt - rechte Videos, Musik, massenhaft Aufkleber und Neonazipostillen.

In Neuruppin folgte eine schnelle Kontaktaufnahme zu den wichtigsten Neonazi-Aktivisten vor Ort: Renald Christopeit4 und dem Notariatsgehilfen Thomas P. Als dritter Neonazi-Aktivist gesellte sich der in Neuruppiner Antifa-Kreisen als "Skinheadschläger" bekannte Volker a. d. T. ("Tange") zum Kreis um Wilhelm Lange.

Die drei bildeten zeitweilig eine Art "harten Kern" des am Anfang des Jahres gegründeten Vereines »Jugendtreff e.V.«. 1997 war den rechten Skinheads im "Bunker" die Eigenverantwortung für den laufenden Betrieb des »Jugendclub« übertragen worden. In dieser Situation begannen u.a. auch Thomas P. und Renald Christopeit unter Anleitung Wilhelm Langes sowie der Berliner Neonazikader Frank Schwerdt und Christian Wendt von "Die Nationalen e.V.", eine rund 10köpfige Kerngruppe um sich zu sammeln, um durch die Gründung des »Jugendtreff e.V.« den »Bunker« in die organisierten Neonazistrukturen zu überführen. Anfang 1998 meldeten sich Vertreter des »Jugendtreffs e.V.« dann mit einer Satzung beim Jugendamt der Stadt Neuruppin und beantragten Fördermittel sowie die Nutzung des »Bunkers« bzw. einen eigenen Treffpunkt. Als Ziele gaben die Neonazis an, sich mit dem Verein um »Hausaufgabenhilfe« und »Wanderfahrten« kümmern zu wollen. Zunächst signalisierte das Jugendamt auch Unterstützung für den Verein und begann mit Verhandlungen. Erst nachdem Sozialarbeiter das Jugendamt über die Hintergründe des Vereins informierten, brach die Stadt die Verhandlungen im Februar diesen Jahres wieder ab. Seitdem fühlen sich Mitarbeiter des Trägervereins durch die Neonaziszene bedroht.

Auch ohne diesen Organisierungsversuch ist der »Bunker« bis heute einer der wichtigsten rechten Treffpunkte, und das nicht nur für die Neuruppiner Neonazi-Szene. Der in der linken Szene Neuruppin als (ehemals) gewalttätiger Neonazi bekannte Rene H. betreibt hier mittlerweile eine Art Kneipe.

Auch wenn die NPD bei den Bundestagswahlen im Kreis Neuruppin gerade einmal 1% der Zweitstimmen erhielt und ihr Wahlkampfstand am 12. September 1998 von AntifaschistInnen massiv behindert wurde, könnte die Zusammensetzung von alten und jungen (Neo)Nazis auch über Neuruppin hinaus durchaus zu einer brisanten Entwicklung führen.

Daß dem rechten Treiben etwas entgegengesetzt werden muß, haben nun endlich auch bürgerliche Kreise und verschiedene Parteien/Organisationen erkannt. Es existiert mittlerweile ein antifaschistisches Bündnis, das sich hauptsächlich um Aufklärung und Öffentlichkeitsarbeit bemüht. Anfang September 1998 wurde beispielsweise die »Aktion Noteingang« ins Leben gerufen. In Neuruppin gibt es noch etliche Menschen, die antifaschistisch aktiv sind und das macht Hoffnung. In anderen Städten Nord-Brandenburgs sieht es da eher düster aus.

  • 1. Anmerkung AIB: Verurteilung deswegen zu sieben Jahren Haft
  • 2. Anmerkung AIB: Verurteilung deswegen zu drei Jahren Haft
  • 3. Anmerkung AIB: Verurteilung deswegen zu zwei Jahren Haft
  • 4. Nachtrag AIB: Renald Christopeit war 1999 Direktkandidat der NPD beim Landtagswahlkampf