Winfried Petzold (mit Schirm) und Uwe Leichsenring (mitte) vom sächsischen ND vorstand.
NS-Szene | AIB 45 / 4.1998 | 08.12.1998

Die Neonazi-Szene in Sachsen (1998)

Die NPD hat in Sachsen ihren mit Abstand stärksten Landesverband. Warum? Daß die Partei und ihre Jugendorganisation "Junge Nationaldemokraten" (JN) gerade im Freistaat einen enormen Zulauf haben, ist nicht zufällig, sondern eine Reihe von Faktoren spielen dabei eine Rolle. Neben der weitverbreiteten rassistischen und nationalistischen Grundstimmung, etablierte sich in Sachsen innerhalb der vergangenen Jahre eine kontinuierlich arbeitende Neonazi-Skinhead-Subkultur. Parallel dazu bildeten sich »Autonome Kameradschaften«, die das Bindeglied zwischen den neonazistischen Nachwendestrukturen und der heutigen NPD bildeten. Zwei dieser Faktoren, die maßgeblich zur Entwicklung der Neonaziszene in Sachsen beitrugen, werden im Folgenden näher beleuchtet und ihre Auswirkungen auf NPD und JN dargestellt.

Die Skinhead-Subkultur als Rekrutierungsfeld für »unpolitische« Rechte

In mehreren Gegenden Sachsens begannen ab spätestens 1994 Einzelpersonen oder kleinere Gruppen mit der Organisation von Neonazikonzerten. Hochburgen waren dabei die Regionen Chemnitz und Ostsachsen. Der Freistaat entwickelte sich innerhalb der letzten zwei Jahre zum bundesweiten Schwerpunkt von Neonazi-Skinheadkonzerten mit internationaler Besetzung. So fanden in diesem Zeitraum annähernd 50 Veranstaltungen statt, bei denen entweder Neonazi-Bands auftraten oder der größte Teil der BesucherInnen Neonazis waren. Einige RechtsRock-Konzerte der letzten Monate: Im Januar 1997 organisierte der Kreis um Jan W. (Chemnitz) in Chemnitz ein Konzert mit "Noie Werte", im Februar 1997 organisierten Neonazis um Marcel D. ("Riese") aus Gera und Thomas St. (Chemnitz) in Eilenburg bei Leipzig ein Konzert mit "Reichssturm", "Störfaktor", "Vlajka", "Proissenheads" und "Senfheads". Ende Februar 1997 folgt in Chemnitz ein Konzert mit "Blue Eyed Devils" und "Störfaktor", das der Kreis um Andreas G. ("Mucke") aus Chemnitz organisierte. Im Juli 1997 organisierte der Kreis um Jan W. ein Konzert mit "Blue Eyed Devils" und "Aggravated Assault". Mitte Mai 1998 traten in Breitenbrunn die RechtsRock-Bands "Proissenheads" (Potsdam), "Frontstadt" (Berlin), "Pluton Svea" (Schweden) und "Warhammer" auf. Ende September 1998 traten in Triebischtal bei einem "Ian Stuart"-Gedenkkonzert die Neonazi-Bands "Gesta Bellica", "Senfheads" und "Max Resist" auf. Im November 1998 folgte in Freital ein Konzert mit der schwedischen Band "Ultima Thule". Die Konsequenz daraus war eine Festigung von rechtem bis neonazistischen Gedankgengut bei sächsischen Jugendlichen.

Bereits ab Anfang der 1990er Jahre wurden eigene Rechtsrock-Bands gegründet und (un)professionelle Neonazi-Fanzines herausgegeben. So wirkt(e) der Chemnitzer Jens Schaarschmidt, aus dem Kreis der RechtsRock-Band "AEG", gemeinsam mit Rocco Fritzsche an der Veröffentlichung des Fanzines »Der Henker« mit. Michael Probst, ebenfalls aus dem Kreis der RechtsRock-Band "AEG", gab bereits 1991/1992 das Neonazi-Heft "Sachsens Glanz" heraus.1 Das Neonazi-Heft "Victory" (Pulsnitz) wurde von Annett Wendefeuer und Mandy Neff herausgebracht.

Mit zunehmender Routine, die mit einer Kommerzialisierung der rechten Skinheadszene einherging, entstanden qualitativ verbesserte Neonazi-Skinhead-Fanzines. Schaarschmidts Hauptengagement gilt heute dem Neonazi-Fanzine "Foier Frei". Professionell aufgemacht, war es eines der ersten Zines, das zu einem moderaten Preis eine CD beilegte. Es ist extrem rassistisch geprägt und orientiert sich an der Ideologie von "Blood & Honour" (B&H).

Begann die Chemnitzer Neonazimusikszene zunächst mit kleinen Konzerten mit regional ansässigen Bands, so entstand später eine Gruppierung unter dem Label "Chemnitz Concert 88" (CC 88) um Schaarschmidt. Sie war an der Vorbereitung von einigen Konzerten in Westsachsen beteiligt. Ermöglicht wurde das durch jahrelang intensivierte Kontakte zu B&H. Das spiegelt sich beispielsweise darin wieder, daß einige CC 88-Leute an der Herstellung des aus Dänemark verschickten "Blood & Honour"-Magazins beteiligt sein sollen. Einige Chemnitzer Neonazi-Skinheads um Jen Schaarschmidt, Jan W., Andreas G. und Thomas St. reisten im April 1997 in die USA um die RechtsRock-Band "Ble Eyed Devils" zu besuchen. Aus den Kreisen der "Skinheads Chemnitz 88" rekrutierte sich um Jan W. eine eigene lokale "Blood & Honour"- Clique mit großem Einfluß auf die bundesweite Szene. Die überregionale  Einbindung der Chemnitzer hatte auch regionale Auswirkungen, denn mit ihrem Grad der Organisierung wurde es möglich, eine von rechts dominierte kulturelle Hegemonie aufzubauen, ohne dabei auf Parteistrukturen angewiesen zu sein.

Ganz anders als in Chemnitz entwickelte sich die rechte Konzertstruktur im ostsächsischen Raum. Dort wurden die Konzerte ab Sommer 1996 maßgeblich von Mario A. in Zusammenarbeit mit dem JN-Kader Sascha W.  vorbereitet (vgl. AIB Nr. 42). Bis heute organisierte Mario A. annähernd zehn Konzerte. Trotz der teilweise bis zu 1.000 BesucherInnen vermochte er es nicht, vor Ort funktionierende Strukturen zu etablieren. Ein Grund hierfür ist die einseitigen Festlegung auf Konzerte. 1997 stieß die NPD in dieses organisatorische Loch. Offensichtlich wurde das im Juli 1997, als im Anschluß an einen NPD-Aufmarsch ein von Mario A. vorbereitetes Konzert in Weißwasser stattfinden sollte. Auch war zu beobachten, daß bei regionalen Parteiveranstaltungen immer auch für ein musikalisches Rahmenprogramm gesorgt wurde. Damit gelang es der NPD, unorganisierte rechte Jugendliche an die Parteipolitik heranzuführen und ihre führende Position als wichtigste rechte Partei in der Region auszubauen. Nach diversen innerparteilichen Konflikten hatte die sächsische NPD auf einem Landesparteitag im September 1997 Winfried Petzold als Landesvorsitzenden in seinem Amt bestätigt. 1998 folgten ihm Jürgen Schön, Matthias Paul, Helmut Herrmann und Peter Söffner in den Vorstand.

Wegbereiter für »bessere« Zeiten

Nach den Parteiverboten kam es ab 1994 zu einer Aufsplittung des Neonazi-Lagers. Die Zeit der Neuorganisierung von unten begann. In vielen Regionen Sachsens bildeten sich sogenannte »Autonome Kameradschaften«, was teilweise eine Weiterführung der Arbeit verbotener Organisationen bedeutete. Die Kader waren vor allem in ihren »Wohngebieten« aktiv. Dort gelang es ihnen, eine große Anzahl von rechtsgerichteten Jugendlichen an sich zu binden. Mit der Zeit bildeten sich aus lockeren Zusammenhängen festere Gruppen, die sich schließlich als "Kameradschaften" begriffen. Diese Art der Umstrukturierung erlaubte ihnen freies Agieren. Und im Unterschied zu jeder Partei ermöglichte diese Unabhängigkeit ein militantes Auftreten. Durch Übergriffe auf alle, die sich nicht dem rechten Mainstream anpaßten, entstand in vielen Gebieten Sachsens, wie z.B. der Muldentalkreis, eine rechte Hegemonie. Ab 1996 ist anhand verschiedenster rechter Publikationen nachweisbar, daß einzelne "Kameradschaften" regen Kontakt mit NPD/JN pflegten. So die Dresdner Kameradschaft "Sachsenfront", die schon im Dezember 1995 in der sächsischen NPD-Zeitschrift »Sachsenstimme« vorgestellt wurde. Mit zunehmender Organisierung gestalteten die "Kameradschaften" ihre Öffentlichkeitsarbeit professioneller; eigene Plakaten und Zeitschriften wurden hergestellt.2

Mit dem NPD-Großaufmarsch gegen die Ausstellung »Verbrechen der Wehrmacht« in München wurden die Vereinzelungstendenzen der sächsischen "Kameradschaften" aufgebrochen. NPD/JN konnten erstmals einen überregionalen Führungsanspruch behaupten. Ab diesem Zeitpunkt traten die "Kameradschaften" immer weniger an die  Öffentlichkeit. Dagegen waren ihre Führungsfiguren dann ab 1997 in der sächsischen NPD zu finden. Markus Müller, eine ehemaliger Führungsperson der "Kameradschaft Wurzen" und des "Nationalen Jugendzentrum Wurzen", ist heute Kreisverbandsvorsitzender der NPD im Muldentalkreis. Bis zum Herbst 1997 war es der NPD/JN in Sachsen gelungen, fast das gesamte organisierte rechte bis neonazistische Potential an sich zu binden. Die Namen der "Kameradschaften" werden jedoch weiterhin für Aktionen genutzt, die nicht öffentlich auf die NPD/JN zurück geführt werden sollen.3

»jung, national, erfolgversprechend« ?

Schon ab Ende 1995 wurde der Versuch unternommen, »ein Zusammengehen aller rechtsextremen Gruppierungen«4 zu forcieren. Im Freistaat führte dies zu parteiübergreifenden "Runden Tischen" von rechten und neonazistischen Gruppierungen. Die Veranstaltungen, die vor allem in Leipzig und Dresden ab dem Frühjahr 1996 stattfanden, liefen unter dem Motto »Ein Herz für Deutschland - vereint sind wir stark«. Die Gründung eines "Bündnisses für Deutschland" wurde versucht, denn nur im festen »Bündnis aller Nationalen« 5 wurde eine Chance für die erfolgreiche Umsetzung der »historischen Mission« 6 gesehen. Der Sammlungsversuch aller rechten Gruppierungen scheiterte. Aber nichtsdestotrotz gelang es der NPD, wichtige Kader anderer Organisationen zum Parteiübertritt zu bewegen. Offensichtlichstes Beispiel ist der heutige NPD-Landesvorsitzende Winfried Petzold, der früher dieselbe Funktion bei den "Die Republikaner" inne hatte.

Strukturaufbau der NPD

Parallel zu dieser Entwicklung ging der sächsische Landesverband gezielt in parteipolitisch unorganisierte Gegenden und versuchte, vor Ort Aurbauarbeit zu betreiben. Ziel war die Ausbreitung der NPD innerhalb Sachsens und die Erhöhung des Einflusses an der Basis. So geschehen 1996 in Görlitz, wo der NPD-Landesverband mit zwei Informationsveranstaltungen die Gründung eines Kreisverbandes unterstützte. Im selben Jahr war die sächsische NPD mehr mit der Selbstorganisierung beschäftigt, als daß sie öffentlich auftrat. Der Kauf bzw. die Anmietung eigener Räumlichkeiten und die Werbung neuer Mitglieder standen zu dieser Zeit im Vordergrund ihrer Arbeit. Der Aufschwung in Sachsen begann 1997, vor allem nach dem für die Neonazis erfolgreichen Großaufmarsch in München am 1. März 1997. Neue Kreisverbände schossen wie Pilze aus dem Boden. Möglich wurde dies durch schon vorhandene Neonazistrukturen in Sachsen.

»Während im Raum Weißwasser ehemalige Mitglieder der Republikaner (darunter ein Kreistagsabgeordneter) mit bisher parteilosen Bürgern den NPD-Kreisverband Niederschlesischer Oberlausitzkreis gründeten, sind es im KV Muldentalkreis zumeist junge Parteimitglieder7 Mit der nunmehr fast flächendeckenden 8 Präsenz der NPD ist sowohl eine vielfältige Öffentlichkeitsarbeit, als auch ein reges innerparteiliches Leben festzustellen. Seit 1998 sind jedes Wochenende in Sachsen Aktivitäten von NPD/JN zu registrieren. So finden immer wieder Vortragsveranstaltungen mit bekannten Referenten aus der NPD-Führung statt, wie z.B. Per Lennart Aae und Thomas Salomon. Neben der ideologischen Weiterbildung der Mitglieder gibt es häufig von der NPD organisierte Konzerte. Exemplarisch ist die Frank Rennicke-Tour im März 1998 in Ostsachsen.

Die »vorbildliche« Arbeit des sächsischen Landesverbandes wurde schließlich im Januar 1998 in Stavenhagen beim NPD-Bundesparteitag belohnt, als der Leipziger Jürgen Schön abermals zum stellvertretenden Bundesvorsitzenden gewählt und der Rechtsanwalt Gregor Janik aus Zittau neu in den Bundesvorstand berufen wurde. Doch obwohl der sächsische NPD-Landesverband der derzeit stärkste in der Bundesrepublik ist, hat er einige Probleme. Die NPD ist nicht mehr in der Lage, Sachsen flächendeckend mit fähigen Führungspersonen abzudecken. Nachzuvollziehen ist diese Entwicklung beispielsweise an Oliver Händel (Dresden, ehemals Köln), dessen Aufgaben liegen laut Aussagen in der Szene irgendwo zwischen bundesweiter Geschäftsführer der NPD-Jugend (JN), JN-Landesvorsitzender in Sachsen und stellvertretender NPD-Landesvorsitzender in Sachsen. Vor Ort übernehmen oft unerfahrenere Mitglieder die Führung und scheitern daran. So geschehen Anfang diesen Jahres in Dresden mit der Wahl von Ronny Thomas zum neuen NPD-Kreisvorsitzenden. Er war aber mit seiner Aufgabe, Führungsperson einer zugelassenen Partei zu sein, überfordert. Mitte Mai 1998 war der als "Schläger" bekannte Ronny Thomas erneut an einem Überfall auf Punks beteiligt und  wurde inzwischen verurteilt.

Daß sächsische NPD-Anhänger an gewalttätigen Übergriffen beteiligt sind, ist für AntifaschistInnen nichts Neues. In Freiberg beteiligte sich ein NPD-Anhänger an einem Brandanschlag auf ein Asylbewerberheim. Im Zuge der Ermittlungen zu einem Brandanschlag im Juni 1998 in Kamenz wurde ein JN Anhänger als Tatbeteiligter gefaßt. Diese Beispiele sind keine Zufälle. Denn durch ihre Öffnung für alle, hat es die NPD schwer, die Kontrolle über die Disziplin ihrer Aktivisten zu behalten. Die derzeitige NPD-Rekrutierungspolitik beschreibt der Landespressesprecher der NPD, Matthias Paul, wie folgt: »Uns ist es eigentlich egal, woher einer kommt oder ob er früher mal Mist gebaut hat.«9

Alte Konflikte

Die oben erwähnte dünne Kaderdecke ist auch den massiven innerparteilichen Differenzen der Vergangenheit geschuldet. Diese haben ihre Ursachen im Streit um die Entmachtung des ehemaligen NPD-Parteivorsitzenden Günter Deckert. Was innerhalb der bundesweiten NPD zu einer Spaltung der Mitglieder führte, hinterließ auch in Sachsen seine Spuren. Ein Rückblick: Beim Vereinigungsparteitag von NPD und der kurzzeitigen "Ost-NPD" ("Mitteldeutschen Nationaldemokraten"/MND) 1990 in Erfurt landeten die Sachsen Jürgen Schön und Thorsten Keil im Vorstand. In der sächsischen NPD zählten dann neben Jürgen Schön (Leipzig) und Uwe Leichsenring (Sächsische Schweiz) auch noch Uwe Grasemann (Leipzig) und Werner Guttentag (Leipzig) zur Führungsmannschaft. 1992 wechselte Jürgen Schön von der NPD zu den REPs und Torsten Keil (Rochlitz) bildete die Folgejahre mit Rene Singer und Uwe Grasemann den Vorstand. 1995 wurden Jürgen Schön, Peter Söffner und Matthias Hahn die Stellvertreter von Torsten Keil. Durch innerparteiliche Konflikte wurden die sächsische NPD-Geschäftsführer Wolfgang Dallmer und Siegfried Otto aus ihren Ämtern gedrängt. Jürgen Schön übernahm im August 1995 wieder die Geschäftsführung im Oktober 1995 verhängte der Landesvorsitzende Winfried Petzold sogar den "organisatorischen Notstand" über den NPD-Landesverband Sachsen. Im Auftrag des NPD-Parteivorstandes führte Jürgen Schön provisorisch den Landesverband und Torsten Keil und Ralf Meyer wurden aus ihren Ämtern und der NPD ausgeschlossen. Matthias Hahn kandidierte nicht wieder und Winfried Petzold übernahm seinen Posten. Torsten Keil ist seit September 1997 Mitherausgeber der Publikation »Sachsenspiegel«. Begründet wurde die Herausgabe dieser Publikation damit, daß das innerparteiliche Meinungsgleichgewicht in Sachsen wieder hergestellt werden sollte10. Dieses Ungleichgewicht wird mit dem absoluten Führungsanspruch von Jürgen Schön begründet. Einer der Autoren in dieser Zeitschrift ist der NPD-Anhänger Stefan Giemsa aus Bad Schandau/Altenberg (Vgl. AIB Nr. 42).11  Aufgrund der innerparteilichen Säuberung dürften jetzt alle Kreisverbände in Sachsen zum Voigt-treuen Flügel der NPD gehören.

Die JN in Sachsen - bundesweiter Schwerpunkt ohne regionale Bedeutung?

Bewußt haben wir in diesem Beitrag fast ausschließlich die NPD-Strukturen in Sachsen beleuchtet. Gegenwärtig ist die seltene Nennung von expliziten JN-Aktivitäten dem geringen Altersdurchschnitt der sächsischen NPD-Anhänger geschuldet, der eine Trennung in NPD und JN fast unmöglich macht. Mit dem Ende der DDR plante die JN ihre Ausweitung im Osten. Ihr Hauptaugenmerk richtete sie dabei auf Leipzig, wo im Herbst 1990 ihr Bundeskongreß stattfand, um die Vereinigung der mittel- und westdeutschen JN12 zu vollziehen. Die Delegierten wählten den sächsischen JN-Anfüher Frank Kolender aus Leipzig zu ihrem neuen Vorsitzendenden.13 Dieser Schritt zeigte, wie ernst die JN ihre neugewonnenen Kameraden in Ostdeutschland nehmen wollte.

Im Verlauf der folgenden fünf Jahre gelang es ihr aber nicht, sich aus ihrer Bedeutungslosigkeit zu befreien. Eine Änderung dieser Situation stellte sich erst Pfingsten 1996 ein, als in der Messestadt erneut ein JN-Bundeskongreß stattfand. Diese Veranstaltung galt als Startsignal für den Aufbau neuer Strukturen im Freistaat. So wurde u.a. die Dresdnerin Katharina Handschuh zur "Bundesmädelbeauftragten" in den JN-Bundesvorstand gewählt. Katharina Handschuh galt früher als eine "Mädelführerin" der "Wiking Jugend" in Sachsen.14 Zur gleichen Zeit verkündete der sächsische Landesverband, daß »es endlich gelungen [ist], einen Stamm von Aktnisten zu bilden» und daß es »eine eigene Geschäftsstelle in Sachsen«15 gibt. Der damalige Landesbeauftragte der JN war Christian Piche. Im Zuge einer NPD-Demonstration im Juli 1997, kam es innerhalb der sächsischen JN-Struktur zu Differenzen, die mit Versäumnissen und Anmaßungen von Christian Piche begründet wurden. Im Anschluß an seine Absetzung sollte ein »Dresdner Kamerad«16 neuer Vorsitzender werden.

Im Sommer 1997 fand für die sächsische JN ein endgültiger Bruch mit ihrer bedeutungslosen Vergangenheit statt. Oliver Händel verlegte seinen Wohnsitz nach Dresden. Auch sorgte der Sog von München für einen enormen Mitgliederzuwachs in der sächsischen NPD. Neben der Installation eines regionalen NPD-Telefones, betreute Händel zusammen mit Katharina Handschuh ab Herbst 1997 das bundesweite Infotelefon der JN.17 Die Gründung des ersten sächsischen JN-Stützpunktes folgte am 4.Oktober 1997 in Dresden. Seit der Verlegung ihrer Bundesgeschäftsstelle im November 1997, managt die JN nun einen Großteil ihrer Kommunikationsstruktur von Dresden aus. Bis Ende des Jahres 1998 soll in Sachsen ein Landesverband der JN konstituiert werden.18Ob dieses Ziel erreicht wird, ist fraglich, da die organisatorische Ausbreitung der sächsischen JN, getreu dem Motto »Qualität vor Quantität«, nur langsam vorangeht. Dresden ist zwar einer der organisatorischen Schwerpunkte der JN, dennoch konnte sich die JN in Sachsen bisher nicht als eigenständige Kraft gegenüber ihrer Mutterpartei etablieren.

  • 1. Mittlerweile soll der Chemnitzer Thomas R. ("Dackel") die Herausgabe von dem Heft übernommen haben.
  • 2. Materialsammlung »Dresden ganz rechts«, Dresdner Bündnis gegen Rechts, 19. Mai 1998
  • 3. Beispielsweise 1998 im Vorfeld der Ausstellung »Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944« in Dresden.
  • 4. Pressemitteilung des NPD-KV Pirna/Sebnitz,
    3.November 1995
  • 5. "Sachsenstimme" Mai/Juni 1996
  • 6. "Sachsenstimme" Mai/Juni 1996
  • 7. "Sachsenstimme" März/April 1997
  • 8. Die NPD hat Sachsen inzwischen parteipolitisch vollständig erschlossen Eine Ausnahme ist das Gebiet um die Stadt Hoyerswerda: Hier gründete sich am 27. Mai 1998 die »Vereinigte Rechte« unter explizitem Ausschluß der NPD.
  • 9. Bild-Zeitung Dresden 15. Mai 1998
  • 10. "Sachsenspiegel", September 1997
  • 11. Sein Gasthof "Goldener Stern" in Berggießhübel und seine Pension "Zeughaus" im Elbsandsteingebirge galten laut Berichten aus der Szene Anfang der 1990er Jahre als Treffpunkte der sächsischen "Wiking Jugend".
  • 12. Broschüre "Leipzig ganz Rechts", 1995
  • 13. Der vorgerige JN-Vorsitzende Thilo Kabus (Berlin) wurde sein Stellvertreter.
  • 14. Laut Berichten aus Dresden eröffnete Katharina Handschuh 1993 gemeinsam mit  Stephan W. vom "Deutschen Jugend Bildungswerk" (München) eine Buchhandlung in Dresden. Sie soll demnach 1994 zusammen mit Susann Starke und Dorothea Tiesler die "Mädelrundbriefe" der sächsischen "Wiking Jugend" herausgegeben haben.
  • 15. "Sachsenstimme" Juli/August 1996
  • 16. "Die Kameradschaft", September 1997
  • 17. Seit Frühjahr 1998 wird das Infotelefon wahrscheinlich nur noch von Oliver Händel betreut.
  • 18. Diese Ankündigung machte Händel im Anschluß an die Gründung des zweiten JN-Stützpunktes in Bischofswerda im Mai 1998.