Rezensionen | AIB 116 / 3.2017 | 23.12.2017

Die autoritäre Revolte

Volker Weiß

Lange wurde das Spektrum der sogenannten Neuen Rechten eher am Rande behandelt. Zu isoliert waren die Denkzirkel, zu wenig präsent die Akteure. Erst mit dem Aufsteig der AfD und Pegida, wo mit Götz Kubitschek einer der zentralen Akteure dieses Spektrums als prominenter Redner auftrat, rückte die Neue Rechte fast schon schlagartig in den Fokus. Dennoch war auf dem Buchmarkt kein aktuelles Werk zu finden, das sich kritisch diesem Spektrum widmete und dessen Denktraditionen analysierte.

Insofern war das Buch „Autoritäre Revolte“ längst überfällig, und es ist obendrein auch überaus lesenswert. Im ersten Teil analysiert Weiß mit der sogenannten „Konservativen Revo­lution“ der Weimarer Republik die Ursprünge dieser Nouvelle Droite. Dabei fokussiert der Autor weniger auf die doch sehr unterschiedlichen Schriften national gesinnter Autoren der Vorkriegszeit, sondern vielmehr auf die „Erfindung einer Tradition“ jenseits des Nationalsozialismus, die nach 1945 für das rechte politische Spektrum zur Selbstlegitimation überlebensnotwendig war.

Die Geschichte heute noch relevanter Publikationen und Institutionen wie die Junge Freiheit (1980er Jahre) oder das Institut für Staatspolitik (2000) sowie ihr Verhältnis zueinander ist Gegenstand eines weiteren Kapitels. Auch die IB ist Gegenstand der Analyse, wobei dem Heidegger-Buch der zwei Identitären Walter Spatz und Martin Sellner eine gesonderte Betrachtung zukommt. Deren philosophischen Exkurse seien „Karikatur von Philosophie“ und dienten der IB dazu, ihrem popkulturellen Auftreten einen „Anstrich von Intellektualität“ zu geben. In einem ausführlichen Exkurs zum „Abendland“-Mythos zeichnet Weiß die Verwendung dieses Terminus als „traditio­nellen Schlüsselbegriff konservativer Euro­padebatten“ nach.

Weitere Abschnitte analysieren geostrategische Verortungen der Neuen Rechten, etwa im Verhältnis zu Russland oder den USA, den autoritären „Feldzug gegen jede Form der Verunsicherung eines festen Geschlechterideals“ oder die „Hassliebe zum Islam“. Dessen konservative Variante müsse aufgrund starker identitärer Prägungen auf der neurechten Suche nach „dem Eigenen“ gleichermaßen als Sehnsuchtsort und Hassobjekt begriffen werden. Dies zum Anlass nehmend schwenkt Weiß am Schluss des Buches zu den Leerstellen progressiver Politik und moniert die Konfliktvermeidungsstrategien linksliberaler Milieus gegenüber dem fundamentalistischen Islam.

Ausbuchstabiert wird dies am Beispiel des islamistischen Sexualitätsdiskurses, dessen Repressionstechniken mittels Foucaults Analysen der europäischen Geschichte längst bekannt sind. Die herrschende Sprachlosigkeit sei daher nicht nachvollziehbar: „Aus der ständigen Betonung des Respekts vor den angeblichen Traditionen und Identitäten sowie der Warnung, diese aufgrund eines postkolonialen Gefälles zu kritisieren, spricht ein tief konservatives Menschenbild.“

Volker Weiß
Die autoritäre Revolte –
Die NEUE RECHTE und der
Untergang des Abendlandes
Klett-Cotta Verlag 2017,
304 Seiten, 20 Euro