Der Neonazi-Kader Stephan A. Niemann (2.v.l.) mit Norbert Weidner (3.v.l) und Bela Ewald Althans. (Bild: Faksimile)
NS-Szene | AIB 20 / 4.1992 | 13.01.1993

Die »Initiative Gesamtdeutschland«

Im Frühjahr 1992 teilte das »Amt für Öffentlichkeitsarbeit« des neonazistischen AVÖ-Ladens (Althans Vertriebswege und Öffentlichkeitsarbeit) in München mit, daß der Betreiber Bela Ewald Althans einen neuen Geschäftsführer ernannt hat. Für die AVÖ-Filiale, sollte ab diesem Moment Stephan A. Niemann verantwortlich sein.

Aus dem Umfeld des AVÖ wurde bekannt, dass Bela Ewald Althans die Arbeit im AVÖ-Laden angeblich zu sehr vernachlässigt habe. Zu seinen Mitarbeitern hier zähl(t)en u.a. Stefan Jahnel von der Nationalen Offensive (NO) und Stephan W., der als geeigneter Nachfolger von Althans gehandelt wurde. Doch nun wurde Stephan Niemann der Öffentlichkeit als neuer AVÖ-Laden Geschäftsführer präsentiert. Der AVÖ-Laden ist seit einigen Jahren mehr oder weniger eine Zweigstelle für die Aktivitäten von dem Holocaust-Leugner Ernst Zündel (Toronto) und seines Verlages „Samisdat-Publishers Ltd.“ in Europa. Auch das neonazistische »Deutsches Jugendbildungswerk« (DJBW) wirkt von hier aus. Stephan Niemann ist seit langem in der Neonazi-Szene aktiv und bekannt und laut Szene-Kennern eine wichtige Figur in der Bonner »Initiative Gesamtdeutschland«. Er war bereits 1991 einer der Mitveranstalter von Zündels und Althans »Revisionisten- Kongress« in München.

Die Bonner Szene

Bonn und besonders der Kreis Siegburg sind trotz der relativ starken antifaschistischen Organisierung Zentren der nordhein-westfälischen Neonazi-Szene. Besonders bedeutend sind die »Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei« (FAP) und die »Wiking Jugend« (WJ). Beide sind stark miteinander verbunden, besonders wegen personeller Überschneidungen. Die FAP leitet Friedhelm Busse und ihr Bonner Keisvorsitzender Norbert Weidner gilt als so etwas wie Busses rechte Hand. Nachdem Rene M. aus Königs-Wusterhausen (Brandenburg) in die Nähe von Bonn gezogen ist, gibt es hier auch einen Stützpunkt der Neonazi-Gruppe „Nationalistische Front „(NF). Die zur Kader-Organisation gewandelte NPD-Jugend »Junge Nationaldemokraten« (JN) haben hier eine Gruppe, darüberhinaus gibt es diverse rechte Burschenschaften. Die in der ganzen BRD laufende Welle von Anschlägen auf Flüchtlinge und ImmigrantInnen fand auch im Raum Bonn/Rhein-Sieg Wiederhall. In Bonn fanden zwar keine Pogrome statt, dafür rassistische Anschläge nach dem selben Muster: Einmal Brandflaschen, einmal scharfe Schüsse und am selben Abend ein Angriff mit Hilfe eines Gullydeckels.

Stephan Niemann

Stephan A. Niemanns Karriere begann 1983 bei einer »Rechten Front« in St. Augustin, die später in der „Wiking Jugend“ (WJ) aufging. Von dort war der Weg nicht weit zur FAP. Wegen verschiedener Delikte mußte er eine neunmonatige Haftstrafe verbüßen. 1986 entging er einer gerichtlichen Verurteilung wegen einer schweren Gewalttat. Er war wegen Totschlag und schwere Körperverletzung angeklagt gewesen, da er verdächtigt wurde in einem Streit in Siegburg drei seiner »Kameraden« schwer bzw. tödlich verletzt zu haben.

Gemeinsam mit Hans-Peter Krieger, Norbert Weidner und Stephan W. (ursprünglich als Ersatz für Althans in der AVÖ vorgesehen) gilt er innerhalb der Neonazi-Szene als »Motor« der »Initiative Gesamtdeutschland« (IG), die der »Arbeitskreis Antifaschismus Bonn« für identisch mit dem Bonner Ableger des »Deutschen Jugendbildungswerkes« (DJBW) hält. Die »Initiative Gesamtdeutschland« (IG) war im November 1990 in Salzburg gegründet worden. Die regelmäßigen Veranstaltungen, die von diesem Spektrum durchgeführt werden, laufen jeweils unter dem Namen einer dieser beiden Organisationen. Ihnen stehen hierfür auch Räume der Vertriebenen-Verbände zur Verfügung. Die »Initiative« besteht seit 1990 als Sammlungsorganisation für ein rechtes bis neonazistisches Spektrum. Auch Personen aus dem rechten Flügel der bündischen Jugend wie dem »Nerother Wandervogel« und dem „Sturmvogel“ fielen in Bonn im Zusammenhang mit neonazistischen Veranstaltungen auf. 

Eingeladen zu Veranstaltungen in Bonn waren diverse internationale Redner aus der rechten und Neonazi-Szene. So der WJ-»Barde« Frank Rennicke, der Holocaust-Leugner David Irving (London), der frühere KKK'ler Kirk Lyons von der "C.A.U.S.E.-Foundation (USA) , Hans-Dietrich Sander von der rechten Zeitung »Staatsbriefe« und Ernst Zündel (Kanada).  Einige der aus dem Spektrum der »Initiative Gesamtdeutschland« durchgeführten Veranstaltungen, so der Auftritt Rennickes und der Vortrag Irvings, fanden in der Bonner Universität statt, organisiert von dem »Ost-West-Arbeitskreis« (auch »Politischer Arbeitskreis«).  Für diesen trat an der Universität auch Andreas Jahrow in Erscheinung. Eine Publikation der »Initiative Gesamtdeutschland« (IG) war mit einer Landkarte der „verlorenen Ostgebiete“ Deutschlands bebildert, für die sich Andreas Jahrow verantwortlich zeichnete. Als eine Art Mentor des „Ost-West Arbeitskreis“ galt der Politologe Knütter. Er sorgt mit seinen Anti-Antifa-Forschungen für die ideologische Begründung der Hetze gegen „die Antifa“.