(Bild: de.wikipedia.org; Holger Ellgaard/CC BY-SA 3.0)
Gesellschaft | AIB 64 / 3.2004 | 12.09.2004

Deutsche Geschichtsschreibung

»Tor! Tor! Tor für Deutschland!« Aufdringlich schrill hallt die Rundfunkaufnahme vom Sommer 1954 durch die Räume des Bonner Hauses der Geschichte. Das Bundesmuseum soll die Vergangenheit »als Erlebnis präsentieren ­– besucherfreundlich und unterhaltsam«, heißt es in einer Selbstdarstellung: »Originalobjekte – Dokumente, Fotos und Gegenstände –faszinieren und machen Geschichte lebendig.« Multimedial, bunt und zuweilen etwas laut vollzieht sich der Spaziergang durch die letzten 60 Jahre deutscher Geschichte – genauer: durch die Selbstdarstellung der Bundesrepublik Deutschland anhand einer historischen Rückschau.

Die Planungen für das Haus der Geschichte gehen zurück bis in die erste Hälfte der 1980er Jahre. Damals war die Bonner Republik zu einer der stärksten Wirtschaftsnationen weltweit aufgestiegen, hatte sich eine Machtposition in der internationalen Politik zurückerobert. »Die Bundesrepublik hat weltpolitische und weltwirtschaftliche Verantwortung«, schrieb der damalige Kanzlerberater Michael Stürmer im April 1986 in der FAZ. Es sei Zeit, deutete er an, die eigene Geltung durch nationale Selbstvergewisserung zu untermauern: »In ge­schichts­losem Land (gewinnt) die Zu­kunft (...), wer die Erinnerung füllt, die Begriffe prägt und die Vergangenheit deutet.«

Dieser Aufgabe hatte sich seit seinem Amtsantritt Bundeskanzler Helmut Kohl gewidmet. Die Bundesrepublik benötige »eine Sammlung zur Deutschen Geschichte seit 1945«, betonte er in seiner ersten Regierungs­erklärung vom 13. Oktober 1982. Bald darauf berief der Bundesinnenminister eine Sachverständigenkommission ein, in der – entsprechend den damaligen Mehrheitsverhältnissen – vor­wiegend konservative Historiker die Fäden zogen.

Das Haus der Geschichte – ein Hort des deutschen Konservatismus?

Be­tritt man die 1994 für die Öffentlichkeit freigegebene Dauerausstellung, dann scheint die These auf den ersten Blick plausibel. Der erste Abschnitt stellt den Zusammenbruch Nazideutschlands und die frühen Jahre der staatlichen Reorganisation dar. Gleich hier finden sich Schwerpunktsetzungen, die gerne den Konservativen zugeordnet werden. Das beginnt beim Widerstand gegen Hitler: Die Opposition aus Mili­tär, Adel und Kirchen steht an erster Stelle. Sozialdemokratischer Widerstand wird kurz angerissen, kommunistische Untergrundpolitik nur am Rande erwähnt. Die politische Ausrichtung zeigt sich auch bei den Wehrmachtssoldaten: Nicht als Vernichtungskrieger werden sie dargestellt, sondern als darbende Kriegsgefangene. Sympathie erheischend zeigt die Ausstellung einen ärmlichen Wanderstock: 800 Kilometer hat sein ach so tapferer Besitzer mit ihm zu Fuß zurückgelegt, aus dem sowjetischen Kriegsgefangenenlager weit im Osten zurück in die deutsche Heimatstadt.

Ja, »der Osten«: Er differenziert sich im Haus der Geschichte nicht in verschiedene Nationalstaaten, wird fast zum Wesensbegriff und ist eindeutig unangenehm. Das »Schicksal« der gefangenen Wehrmachtssoldaten, so heißt es im Begleittext, »hängt auch davon ab, wo sie in Gefangenschaft geraten. Hunderttausende von ihnen sterben in östlichen Kriegsgefangenenlagern.« Auch »Flucht und Vertreibung«, ein weiterer Schwerpunkt der Ausstellung, kommen von dort: »Millionen Deutsche aus dem Osten gehören zu den Leidtragenden des von Deutschland verursachten Krie­ges und der Machtpolitik Stalins (!). Bei Flucht, Vertreibung und Verschleppung (!) verloren Hunderttausende ihr Leben.«

Opfer waren die Umgesiedelten, so stellt es das Haus der Geschichte dar, im »Osten« (zuweilen mit der Füh­rungsmacht Sowjetunion identifiziert) in doppelter Weise. »Nicht Vertriebene, sondern Umsiedler werden sie auf so­wjet­ischen Druck in der SBZ ge­nannt«, erfährt man: »Der Name beschönigt die Wirklichkeit.« Am Rande der Falsch­aus­­sage bewegt sich der Ausstellungstext hier. »Am Ende des Zweiten Weltkrieges war die Verwendung des Begriffes 'Vertreibung' in seiner heute gängigen Bedeutung noch gänzlich unbekannt«, schreibt Samuel Salzborn in seinem Grundlagenwerk über die »Vertriebenen«-Verbände (»Grenzenlose Heimat«). Er wird bestätigt durch ein Plakat aus der britischen Besatzungszone, das man im Haus der Geschichte finden kann: »Merkblatt für Flüchtlinge« steht darauf, »Hannover, den 05. Oktober 1945«. Der Begriff »Vertriebene« setzte sich eben erst mit dem Beginn des Kalten Kriegs durch – als Kampfbegriff gegen »den Osten«.

Die antikommunistische Propaganda entlarvt sich noch öfter selbst. »Die hungernde Bevölkerung wird von den Sowjets nicht immer ausreichend versorgt«, heißt es vorwurfsvoll über die Ernährungslage nach der deutschen Kapitulation. Wer die Ausstellung kritisch betrachtet, findet ein paar Meter weiter Bestätigung. »Der Krieg hat eine Nahrungsmittelknappheit in der ganzen Welt verursacht«, erklären die britischen Besatzungsbehörden ganz sachlich auf einem Plakat: »Eine unmittelbare Besserung der Lage ist nicht zu erwarten, da eine Erhöhung der deutschen Lebensmittelzuteilung nur mit einer Vergrößerung der Hungersgefahr in den alliierten und in den früher von Deutschland besetzten Ländern erkauft werden könnte.«

Doch die Propaganda gegen »den Osten« hat natürlich ihren Sinn: Die Westbindung der Bundesrepublik ge­hör­te bis vor kurzem zu den unumstößlichen Dogmen der deutschen Außenpolitik. Entsprechend identifiziert das Haus der Geschichte den Marshall-Plan mit beginnendem Wohlstand, den NATO-Beitritt der BRD mit politischer Freiheit.

»Zwangsstaat«, »SED-Diktatur« nennt die Ausstellung die östlich dominierte DDR, »Totalitarismus« schreibt sie dem Staat zu, der bei allen Mängeln wenigstens versuchte, aus dem kapitalistischen Wahnsinn auszubrechen. Die europäische Einigung, so erfährt man im Haus der Geschichte, ist das Projekt der Zu­kunft. Die Europapläne der NS-Bürokratien, die viele Momente des europaweiten Einigungsprozesses vorwegnahmen, bleiben selbstverständlich unerwähnt.

Das Haus der Geschichte – ein Hort des Konservatismus also? Keinesfalls. Im Juli 2001 hat Bundeskanzler Gerhard Schröder die überarbeitete Dauerausstellung neu eröffnet, seitdem präsentiert der Museumsbau in der Bonner Willy-Brandt-Allee auch das Milieu, dem das gegenwärtige Regierungsteam mehrheitlich entstammt. »Aufbruch und Protest« heißt der Abschnitt, der 1968 ff. mit vielen aufmerksamen Details thematisiert: Die 40 blauen Bände finden sich dort, Mao-Bibeln auf arabisch, neben der rasch verbürgerlichten »Emma« ist auch eine Ausgabe der autonom-feministischen »Courage« ausgestellt. Ein Lichtblick gegenüber »Flucht und Vertreibung«? Nicht wirklich.

Paradigmatisch erklärt der Begleittext im Haus der Geschichte, wie der deutsche Staat Protestpotential für sich nutzbar macht und entschiedenem Widerstand die Spitze nimmt. »Die parlamentarisch-rechtsstaatliche Demokratie«, heißt es leicht doktrinär, »greift Impulse auf, die von Bürgerinitiativen und von Protestgruppen ausgehen.« Die Spaltung der Bewegung, vielleicht am besten verkörpert von den Grünen, gelingt: »Trotz massiver Proteste vieler Bürger und Zusammenstößen mit der Polizei bleibt die Übereinstimmung mit dem politischen System der Bundesrepublik im Grundsatz ungebrochen.«

Parteiübergreifend präsentiert sich das Haus der Geschichte, und das hat durchaus seinen Sinn. Schließlich soll das zu 100 Prozent aus Bundesmitteln finanzierte Staatsmuseum das »Ge­schichts­bewusstsein der Bürger« fördern, und das lässt sich nicht bei jedem Regierungswechsel austauschen. Im Mittelpunkt muss daher stehen, was für jede deutsche Regierung nicht umzustoßen ist: Deutsche Interessen. Die vertreten schließlich auch ein sozialdemokratischer Kanzler und ein grüner Außenminister.

Und deshalb kann die Bonner »Tourismus & Congress GmbH« jetzt schon ankündigen: Vom 8. Dezember 2005 bis zum 17. April 2006 wird im Haus der Geschichte eine Sonderausstellung über »Flucht und Vertreibung« zu besichtigen sein. Das ist weder ein konservatives noch ein sozialdemokratisches Thema, sondern ein deutsches, eines, das der Stützung deutscher Ostexpansions-Interessen dient. Vielleicht wird die Sonderausstellung das angebliche deutsche Opferdasein nicht so schroff in den Vordergrund stellen wie die Dauerausstellung, vielleicht wird sie unter einer sozialdemokratischen Regierung den Westalliierten eine größere Schuld an der Umsiedlung zuschieben als das Vorgängerprojekt. Dass die Umsiedlung in Wirklichkeit »Vertreibung« und »Unrecht« gewesen sein soll, ergibt sich allerdings aus deutschen Staatsinteressen. Und die kennen – wie der Sieg bei der Fußball-WM 1954 – keine Parteien.