Rezensionen | AIB 123 / 2.2019 | 29.09.2019

Der letzte Weg

Thomas Fatzinek

Wilna, die Hauptstadt Litauens, im Juni 1941: Die Nazis treiben die jüdische Bevölkerung der Stadt zusammen, um sie in einem Ghetto zu internieren. Chaika Grossman, Mitglied von Hashomer Hatzair, einer sozialistisch-zionistischen Jugendbewegung und Protagonistin des Comics „Der letzte Weg“ von Thomas Fatzinek, schließt sich dem Widerstand an. Gemeinsam mit ihren Genossinnen Chasia Bielicka, Rivkele und Liza Czapnik organisiert sie die Kommunikation zwischen den Ghettos in Wilna, Bialystok, Grodno und den Partisan_innen in Rudnicki, einem Wald bei Wilna und organisiert Waffen und Medikamente. Mit falschen Papieren, die die Gruppe als christliche Polinnen ausweisen, arbeiten sie als Hausmädchen in polnischen und deutschen Haushalten. Rivkele ist bei einem deutschen Arzt angestellt, der für die Gestapo arbeitet und rassistische Untersuchungen durchführt. Durch einen Verrat gerät sie in die Hände der Gestapo, wird verhört und ermordet.

Das ist eine der vielen kurzen, skizzenhaften Geschichten, die in diesem Comic erzählt werden. Die Szenerien wechseln schnell zwischen den Zeiten, Orten und Personen. Die Partisaninnen Chaika, Chaisia, Rivkele und Liza verbinden die Geschichten miteinander und bauen so nicht nur inhaltlich eine Verbindung zwischen den verschiedenen Teilen des Widerstands von 1941 bis 1947 auf, sondern halten den Comic auch formal zusammen.

Die Ereignisse, die hier beschrieben werden, beruhen auf historischen Tatsachen. Auch die meisten Figuren beruhen auf real existierenden Personen, deren Leben nach dem Zweiten Weltkrieg teilweise im Anhang skizziert werden. Die Geschichte von Chaika und ihren Mitkämpferinnen ist bewundernswert. Unter falschen Namen, in den Häusern derjenigen, die ihre Familien und Freun­d_innen getötet haben, riskierten sie ihr Leben, um den Widerstand mit Informationen und Waffen zu versorgen.

Leider bleibt die visuelle Darstellung hinter diesen großen Geschichten zurück. Die Figuren sind nur schemenhaft gezeichnet und haben kaum individuelle Züge. Zum Teil kann man sie nur anhand ihrer Frisuren wiedererkennen, was das Nachvollziehen der Handlung unnötig verkompliziert. Was als maskenhafte Darstellung der von den Ereignissen traumatisierten Menschen interpretiert werden könnte, rutscht jedoch immer wieder ins Groteske. Die leeren Gesichter wirken teilnahmslos, scheinen in den falschen Momenten fast zu lächeln. Das überträgt sich leider auch auf die Rezeption. Die Figuren verbleiben in der Distanz. Genau wir ihre Gesichter bleiben auch ihre Persönlichkeiten flach und eine richtige Verbindung zu ihnen bleibt den Leser_innen verwehrt.

Die fehlenden individuellen Züge der Figuren passen nicht zu einer historischen Erzählung über Menschen, die im Widerstand gekämpft haben und die durch die Nennung ihrer Namen identifizierbar werden. Eine solche Darstellung hätte Sinn gemacht, wenn die Widerstandskämpfer_innen anonym geblieben wären, um eine exemplarische Geschichte von vielen zu erzählen, die gegen die Nazis gekämpft haben. Als Erzählung über konkrete, historische Personen funktioniert es nicht.

Dabei ist das Buch eine wichtige Geschichte zum richtigen Zeitpunkt. So verweist der Comic zum Beispiel auf die polnische Mittäterschaft bei der Judenverfolgung der Nazis, die die konservative polnische Regierung der Gegenwart mit dem seit März 2018 in Kraft getretenen sogenannten „Holo­caust-Gesetz“ zu unterschlagen versucht. Darüber hinaus ist die Geschichte der Partisan_innen eine, die erzählt werden muss, denn sie wird viel zu selten erzählt. So kann dem Comic zu Gute gehalten werden, dass er die Kämpferinnen Chasia Bielicka, Rivkele, deren Nachname unerwähnt bleibt, Liza Czapnik und Chaika Grossman wieder in Erinnerung bringt und, indem er aus der Autobiographie von Chaika Grossman zitiert, ihre Stimmen sichtbar macht.

Thomas Fatzinek
Der letzte Weg

bahoe books
Wien 2019
120 Seiten, 17 Euro
ISBN 978-3-903290-02-0