Ekkehard Weil in Westberlin vor Gericht. (Bild: Screenshot von YouTube/AP)
NS-Szene | AIB 6 / 1.1989 | 01.04.1989

Das Umfeld des Berliner Neonazi-Terroristen Ekkehard Weil

Ekkehard Weil (40) wurde von der Westberliner Polizei als Tatverdächtiger für eine antisemitische Denkmalschändungen vom 7. Januar 1989 ermittelt. Als Käuferin der Schweinekopfhälften soll die 28-jährige Pia B.1 durch Zeugen wiedererkannt worden sein.

Ekkehard Weil ist seit fast 20 Jahren in der internationalen Neonazi-Terrorszene aktiv. Mitte der 1960er Jahre gehörte er der rechtsradikalen "Gemeinschaft Deutscher Jugend" (GDJ) in Westberlin an. Als Mitglied der "Europäischen Befreiungsfront" (EBF) hatte er im November 1970 einen Wachsoldaten des Sowjetischen Ehrenmals am Brandenburger Tor beschossen und schwer verletzt. "Obwohl die politische Polizei die Namen aller acht am Attentat beteiligten Täter kannte, wurde Weil zum alleinigen Sündenbock gemacht" fasste die Zeitschrift „Konkret“2 seinerzeits zusammen. Vor einem britischen Gericht erhielt er die milde Strafe von sechs Jahren und nach vier Jahren wurde er vorzeitig entlassen.

1975/1976 reiste er mit weiteren Neonazis in Richtung Libanon, wo sie an einem militärischen Ausbildungslager teilnehmen wollten. Er wurde u.a. mit dem Kieler Gunnar P. und dem Berliner Günter Bernburg  jedoch in Jugoslawien verhaftet.

Günter Bernburg

Der Mann von Pia B. ist in Berlin in der Neonazi-Szene organisiert. Günter Bernburg wurde 1983 im Berliner ANS/NA- Prozeß 3 verurteilt. Neben Kontakten zur Berliner NSDAP Neugründung (1977) und seiner Beteiligung an NS-Treffen in der Gärtnerei Müller in Mainz, war er auch in den Kreisen der Westberliner "Bürgerinitiative Demokratie und Identität" (BDI) aktiv, von der einige Aktivisten heute in Westberliner Rathäusern unterwegs sind.

Günter Bernburg sitzt allerdings zur Zeit im Berlin-Moabiter Gefängnis wegen der ANS/NA-Gründung. In Jugoslawien wurden er und seine Begleitung verhaftet, wegen Urkundenfälschung zu drei Monaten Haft verurteilt und des Landes verwiesen. Sie wurden laut Berichten der "Frankfurter Rundschau" mit Unterstützung von dem Berliner Ex-NPDler Johannes Kösling dort wieder herausgeholt4. Johannes Kösling trat in Berlin als Funktionär für die „Nationale Deutsche Befreiungsbewegung (NDBB) auf.5

Das Ehrepaar Röthke

Am 1. August 1979 verübte Ekkehard Weil mit anderen Neonazis zusammen einen Brandanschlag auf das Charlottenburger Büro der "Sozialistischen Einheitspartei Westberlins" (SEW). Ekkehard Weil wurde zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt. Während der Verhandlung attackierte er einen Journalisten und zerschlug ihm das Nasenbein, dafür bekam er ein zusätzliches halbes Jahr. In der Nähe des Büros war in der selben Nacht ein Auto in einen Unfall verwickelt, dessen Fahrer geflohen war. Das Auto gehörte Ingrid „Inge“ Röthke (geb. Richter). Das Ehepaar Ingrid Röthke und Helge Röthke war in Berlin bekannt für seine Neonaziaktivitäten, etwa im "Bund Heimattreuer Jugend" (BHJ), in Reinickendorf und im Märkischen Viertel. 6 Wegen des Ermittlungsverfahrens im Zusammenhang mit dem Brandanschlag, verließ Ingrid Röthke den BHJ, wenig später auch ihr Mann Helge Röthke. Seit Januar 1979 soll Ingrid Röthke zeitweilig als Westberliner Vorsitzende der „Jungen Nationaldemokraten“ (JN) in Erscheinung getreten sein. 7

Helge Röthke wurde seit 1971 mehrfach wegen Waffenbesitzes und Sachbeschädigungen verurteilt. Auch er wurde der "NDBB" in Berlin zugerechnet. Bei Wohnungsdurchsuchungen gegen diese Organisation fand die Polizei 1971 17 Gewehre, 9 Pistolen, Munition, Hakenkreuzfahnen und NS-Schriften.8 1978 saß er zusammen mit Michael Pohl von der "Hansa-Wehrsportgruppe" in Westberlin vorübergehend in Untersuchungshaft. Die Gruppe hatte rund 40 Mitglieder. 9 Sie wurden u.a. beschuldigt an einem Waffenraub aus dem Bundeswehrdepot in Reinbek beteiligt gewesen zu sein. Wenig erstaunlich das sich Ingrid Röthke in einem Artikel für Michael Pohl einsetzte, der sich als "Pressesprecher der illegalen NSDAP in Berlin zu erkennen gab".10

Ekkehard Weils Netzwerk

Nachdem Ekkehard Weil 1979 nicht mehr von einem Hafturlaub zurückgekehrt und über Belgien und Frankreich nach Österreich geflohen war, wird er am 30. Januar 1980 in Brüssel festgenommen. Im Sommer 1982 konnte er erneut aus deutscher Haft nach Österreich fliehen. Dort wird er im Herbst des Jahres wegen der Verübung von vier Sprengstoffanschlägen verhaftet. Einer dieser Anschläge war gegen das Haus von Simon Wiesenthal, der Nazi-Kriegsverbrecher in der ganzen Welt aufgestöbert hat, gerichtet. Einen Tag vor seiner Festnahme soll er sich mit dem „bevollmächtigten Repräsentanten“ des "Freundeskreises der Wehrsportgruppe Hoffmann", Helmut Schönangerer getroffen haben. 1982 kandidierte Schönangerer auf der Liste der „Volkstreuen Sozialen Ordnung“ bei den Gemeinderatswahlen in Salzburg. Die Festnahme Weils erfolgte durch den Verrat des Chefs der "Nationaldemokratischen Partei" (NDP) Norbert Burger. Er verriert den Behörden, das sich Ekkehard Weil in einem Zweitdomizil des NDP-Funktionärs Gernot Moser aufhielt. Die beiden NDP-Kader Alfred B. und Viktor B. fuhren Ekkehard Weil mit einem Auto in eine Polizeifalle.

Ekkehard Weil wurde außerdem beschuldigt, zusammen mit acht Österreichern ein Waffenlager angelegt zu haben, das "geeignet ist, eine größere Zahl von Menschen zum Kampf auszurüsten". Er erhielt mit fünf Jahren die Höchststrafe für zwei nachgewiesene Sprengstoffanschläge auf jüdische Geschäftshäuser. Da die Österreicher ihn nicht vorzeitig laufengelassen haben, wurde er 1987 in die BRD abgeschoben, wo er seine Reststrafe antreten mußte.

Weil verfügt über gute internationale Kontakte zu NS-Terrororganisationen, u.a. nach Belgien und Österreich. Seine Beteiligung an der Denkmalschändung der "Bewegung 20. April" läßt darauf schließen, daß Aktionen in nächster Zeit nicht nur von den mehr oder weniger öffentlich auftretenden Neonazis der "Freiheitspartei" oder FAP, bzw. NF, zu erwarten sind, sondern auch von verdeckt arbeitenden terroristischen Neonazigruppen.

Terrorplanungen im Hintergrund ?

Immer wieder werden Neonazi-Waffen-Stützpunkte in Berlin bekannt. Anfang März 1985 wurde von der Polizei bei dem Neonazi Michael Abbas-Yacoub ein umfangreiches Neonazi Waffenlager entdeckt. Der "Waffenmeister" einer "Wehrsportgruppe" aus Berlin Charlottenburg hatte sich vor einer Festnahme selbst erschossen - die genauen Hintergründe blieben unklar.11

Seit längerer Zeit ist eine verstärkte Arbeitsteilung in der militanten Neonaziszene zu beobachten. Alte NSDAP (AO)-Anhänger treten nicht mehr öffentlich auf, sind aber in einigen Fällen nach wie vor aktiv. Wir halten es für unwahrscheinlich, daß Ekkehard Weil ein notorischer "Einzeltäter" ist. Seine langjährigen Kontakte, nicht nur zu Westberliner NS-Kreisen, lassen darauf schließen, daß er auch bei der Vorbereitung des 20. Aprils nicht alleine stand. Zu erwähnen bleibt noch die Tatsache, daß Ekkehard Weil wegen der Denkmalschändung nur vorübergehend festgenommen worden ist und sich jetzt wieder auf freiem Fuß befindet: Er wurde am 1. Juni 1988 aus entlassen. Genauso erging es der 28-jährigen Pia B., die als Käuferin der Schweinsköpfe identifizert worden ist.

  • 1. Bei Pia B., handelt es sich um die Ehefrau von dem Berliner Neonazi Günter Bernburg.
  • 2. Konkret 11/80
  • 3. ANS/NA steht für Aktionsfront Nationaler Sozialisten/Nationale Aktivisten
  • 4. Laut „Der Spiegel“ (46/1970) war Johannes Kösling Chef der "Deutschen Volkspartei" (DVP), welche als "DVP-Wählergemeinschaft" am 14. März 1971 in Berlin zur Wahl anzutreten versuchte.
  • 5. So im August 1973 als Mitaufrufer zu eine Kundgebung in Westberlin am Mahnmal für Peter Fechter. Angekündigt als Redner waren u.a. Justus Bülow (Vorsitzender der DVP), Manfred Plöckinger (Vorsitzender der Aktion 17. Juni), Roland Tabbert (Vorsitzender der NDBB) und ein "Fräulein Richter" als Vorsitzende des BHJ in Berlin.
  • 6. Vgl. „Neues Deutschland“, 14. Januar 1978: Neofaschistisches Treffen fand in Westberlin statt
  • 7. In: Wie kriminell ist die NPD?: Analysen, Dokumente, Namen, Buntbuch-Verlag, (1980), S. 130.
  • 8. Zu den NDBB-Gründern in Berlin sollen laut Recherchen von Fachjournalisten neben Johannes Kösling auch der Berliner Neonazi Georg Retza gehört haben, der demnach ein SDS-Büro überfiel, mit einer Neonazi-Bande Schüsse auf die DDR-Grenze abgab und eine gestohlene Rosa-Luxemburg-Gedenktafel in eine APO-Kneipe warf. Als weitere NDBB-Aktivisten galten Karl-Heinz Schröter und Udo Pahlow. (Vgl. Burkhard Schröder: "Spuren der Macht")
  • 9. So berichtet 1979 der Fachautor Dr. Jan Peters in dem Buch „Neofaschismus: Die Rechten im Aufwind“ (Sozialpolitischer Verlag): „Helge Röthke und Michael Pohl wurden in West-Berlin festgenommen. Beide sind Mitglieder des Hansa-Ablegers „Nationale Deutsche Befreiungsbewegung" und des „Bundes Heimattreuer Jugend" (BHJ).
  • 10. Vgl. Anne Huhn/Alwin Meyer: "Einst kommt der Tag der Rache". Die rechtsextreme Herausforderung 1945 bis heute.
  • 11. Vgl. Anne Huhn/Alwin Meyer: "Einst kommt der Tag der Rache". Die rechtsextreme Herausforderung 1945 bis heute.