Rezensionen | AIB 117 / 4.2017 | 02.01.2018

Das Tagebuch der Anne Frank — Graphic Diary

Ari Folman und David Polonsky

Das Tagebuch der Anne Frank ist eines der bekanntesten autobiografischen Dokumente aus der Zeit des Nationalsozialismus. Es han­delt von Anne und ihrer jüdischen Familie, die, nachdem sie 1933 von Frankfurt nach Holland emigrierten, 1942 untertauchten, um der Deportation durch die Nazis zu entkommen. In einem Hinterhaus versteckt lebtn sie mit der Familie van Daan (van Pels) und dem Zahnarzt  Albert Dussel (Fritz Pfeffer) in ständiger Angst entdeckt zu werden. Neben der Angst zeichnet Anne in ihrem Tagebuch auch die Spannungen nach, die sich aus der engen Unterkunft und dem ständigen Eingesperrtsein unter den Bewohner*innen ergeben. Aber auch ihre persönliche Entwicklung und Gedanken über das Erwachsenwerden und Sexualität spielen eine große Rolle. Das Tagebuch ist so historisches Dokument und literarisches Werk in einem. Es ermöglicht einen persönlichen Zugang zum Leiden der von den Nazis Verfolgten. Das Tagebuch der Anne Frank wurde in ca. dreißig Sprachen übersetzt, in mehr als zwanzig Millionen Exemplaren verbreitet und in Theateraufführungen, Filmen und Comics adaptiert.

2017 erschien jetzt nun auch eine Comic-Adaption von Ari Folman und David Polonsky.  "‚Das Tagebuch der Anne Frank: Graphic Diary‘ ist eine einzigartige Kombination aus dem Originaltext und lebendigen dramatisierten Dialogen, eindrücklich und einfühlsam illustriert von den mehrfach ausgezeichneten Ari Folman, Regisseur und Scriptautor, und David Polonsky, Zeichner. Beide sind bekannt für ihr Meisterwerk ‚Waltz with Bashir‘, das für den Oscar nominiert war. So lebendig Anne Frank über das Leben im Hinterhaus, die Angst entdeckt zu werden, aber auch über ihre Gefühle als Heranwachsende schreibt, so unmittelbar, fast filmisch sind die Illustrationen."1

Der Comic behandelt den Zeitraum zwischen Juni 1942 und August 1944 und spart so den Teil der Geschichte aus, in dem die Bewohner*innen des Hinterhauses entdeckt und deportiert werden. Wie es den Einzelenden nach der Entdeckung erging wird in einem kurzen Epilog berichtet. Dennoch ist die Umsetzung eindrücklich. Die scharfen Beobachtungen und tiefgründigen Reflexionen der Tagebuch-Einträge werden durch das Geschehen illustrierende wie Annes Gefühlswelt darstellende Zeichnungen ergänzt. Die Passagen aus dem Tagebuch werden als Blocktexte über den Bildern dargestellt und durch fiktive Dialoge in Sprechblasen untermalt. Immer wieder werden berühmte Bilder zitiert: Unter anderem das Gemälde „Der Schrei“ des norwegischen Malers Edvard Munch oder das Foto der Frau, die einem Neo-Nazi bei einer Demonstration 1985 im schwedischen Växjö die Handtasche über den Kopf zieht.

Trotzdem ist die literarische Vorlage präsent, so gibt es für das Medium Comic ungewöhnlich lange Textpassagen. Gerade die zweite Hälfte ist durch ausführliche Tagebuch-Einträge gekennzeichnet, was die Lektüre immer wieder verlangsamt, aber dem Thema angemessen, eine Reflexion über das Gelesene ermöglicht.
Es handelt sich um eine künstlerische Adaption des Tagebuchs, die das literarische Werk der Anne Frank würdigt und durch die Bilder eine weitere Ebene hinzufügt, die Empathie und Verbindung zu der Geschichte derjenigen schafft, die von den Nazis verfolgt und ermordet worden sind.

Ich fand es unfassbar, dass eine Dreizehnjährige imstande gewesen war, einen so reifen, poetischen, lyrischen Blick auf die Welt um sie herum zu werfen und das, was sie sah, in prägnante, nachdenkliche Tagebucheinträge zu fassen, aus denen nicht nur enorm viel Mitgefühl und Humor spricht, sondern auch ein Maß an Selbstreflexion, wie ich es selten bei Erwachsenen und noch weit seltener bei Kindern angetroffen habe.“, so Ari Folman im Nachwort des Graphic Diary.

Ari Folman und David Polonsky
Das Tagebuch der Anne Frank —
Graphic Diary
Übersetzt von Mirjam Pressler,
Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
S. Fischer Verlag, Basel, 2017.
156 Seiten, Hardcover, 20 Euro.