Screenshot der JouWatch-Homepage mit Werbung für die „Identitäre Bewegung“ und „Pax Europa“. Links: Chefredakteur Thomas Böhm mit Christian Jung.
Braunzone | AIB 123 / 2.2019 | 27.09.2019

Das rechte Online-Portal „Journalistenwatch“

Eine neue Studie, die die Social-­Media-Analysefirma Alto in Kooperation mit NDR- und WDR-Journalisten durchgeführt hat, belegt: „Jouwatch“ ist eines der populärsten deutschen Portale; es wird deutlich öfter geteilt als FAZ oder Tagesschau.

Was muss man tun, um eine der am häufigsten in Sozialen Netzwerken geteilten Websites zu kreieren? Das Portal „Journalistenwatch“ („Jouwatch“) macht es vor. Zunächst muss man so exzessiv wie möglich das rassistische Stereotyp vom „kriminellen Ausländer“ bedienen: „Libanese randaliert im Rathaus“, „Asylantenterror in Deggendorf“, „Dunkelhäutige Sex-Täter“, „Nigerianer versucht Schülerin in Zugtoilette zu ziehen“, „Syrer prügeln auf Deutsche ein“ - solche Phrasen drischt „Jouwatch“ den Leser_innen in den Kopf. Was noch? Nun, man kann natürlich den üblichen Generalverdacht gegen Muslime schüren („Muslime wollen Kritiker flächendeckend denunzieren“), den Verfassungsschutzbericht als „linkslastig“ attackieren, mehr Abschiebungen fordern, Aktivitäten einer liberalen Ex-Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirchen in Deutschland (EKD) mit dem Etikett „Klapsmühle“ versehen und Bemühungen um mehr Klimaschutz als „Grünen-Wahn“ diffamieren. „Jouwatch“ glänzt in diesen Disziplinen. Und in der Tat, die Macher des Portals haben laut der Alto-Studie Erfolg.

Von links nach rechts

Der Mann, der „Jouwatch“ fast im Alleingang aufgebaut hat, heißt Thomas Böhm. Als er Ende 2011 die Website online stellte, hatte er bereits eine bemerkenswerte Karriere hinter sich. 1954 geboren, hatte er sich zunächst bei der frischgegründeten links-alternativen "die tageszeitung" (taz) als Musikredakteur betätigt, dann eine Weile als freier Journalist gewirkt. Schließlich ging er für mehr als ein Jahrzehnt zum Berliner Boulevardblatt B.Z; von den Hundekolumnen, die er dort schrieb, hat er später einige als Buch herausgebracht (Titel: „Herrchen hüpf!“).

Politisiert hat sich Böhm laut eigener Aussage ab dem 11. September 2001. Der Weg, den er dabei einschlug, führte ihn schließlich zu der antiislamischen Partei „Die Freiheit“, an deren Gründung er Ende Oktober 2010 beteiligt war. Mit seiner zeitweiligen Arbeit als Pressesprecher für „Die Freiheit“ vollzog er den Einstieg in das dichte Organisationsgeflecht desjenigen Teils der äußer­sten Rechten, das sich auf aggressiv antiislamische Agitation spezialisiert. Heute fungiert er als Bundesgeschäftsführer der „Bürgerbewegung Pax Europa“, die gleichfalls vor allem gegen den Islam mobilisiert.

„Jouwatch“ nach rechts vernetzt

Mit „Jouwatch“ verfolgte Böhm von Anfang an ein doppeltes Ziel. Zum einen stand er im Jahr 2011 vor der Notwendigkeit, neue Wege zum Geldverdienen zu finden: Der bisherige Abnehmer seiner Schreibprodukte, die B.Z., wandte sich - so schildert er es jedenfalls - nach seinem Auftritt als Pressesprecher von „Die Freiheit“ umgehend von ihm ab. Eine neue Quelle für den Broterwerb musste also her - und ein eigenes Onlineportal bot sich dafür an. Zum anderen verspürte Böhm, zur antiislamisch agitierenden Rechten übergelaufen, offenbar das Bedürfnis, den Kollegen, die seine politischen Auffassungen nicht teilten, intensiv auf die Finger zu schauen - daher der Name „Journalistenwatch“. Jahre bevor der Ausdruck „Lügenpresse“ in der äußeren Rechten Mode wurde, zielte der einstige B.Z.-Mann darauf ab, den medialen Mainstream als vermeintlich links und die Fakten fälschend zu attackieren. Entsprechend nannte Böhm den Verein, den er im Jahr 2012 als Trägerorganisation für seine Webplattform ins Leben rief, „Verein für Medienkritik und Gegenöffentlichkeit“.

In der (äußersten) Rechten ist Böhm damit schon bald recht gut angekommen. „Der Ansatz, die Öffentlichkeit über faktenarme, aber meinungsreiche linke Medien aufzuklären, ist ... goldrichtig“, applaudierte im Mai 2012 die rechte Wochenzeitung "Junge Freiheit" (JF): „Daß die überwiegende Mehrheit der deutschen Journalisten links eingestellt ist ..., ist nur einem Teil des Publikums bekannt.“ Die kurzen, simplen Textchen, die „Jouwatch“ Tag für Tag bringt, werden nicht nur in einschlägigen, auf rassistische, antiislamische Hetze spezialisierten Onlinemedien wie „PI-News“ fleißig rezipiert, sondern punktuell auch in inhaltlich breiter angelegten Publikationen. Zu nennen sind:  „Compact“, „Blaue Narzisse“ und das „Lightbeat Radio“. Letzteres wird von André Lichtschlag, dem Macher der libertären Zeitschrift „eigentümlich frei“, betrieben und sende neben „Big Band, Country, Schlager“ („Die deutschen Charts von 1941 - ‚Hoch drob‘n auf dem Berg‘“) ab sofort auch „werktäglich einen tagesaktuellen Jouwatch-Artikel“, jubelte Böhms Portal Ende Juni 2018. Umgekehrt publiziert „Jouwatch“ Artikel von Götz Kubitschek, stellt Videos von Jürgen Elsässers „Compact-TV“ und von „Identitären“-Veranstaltungen online - und lobt beharrlich die AfD. Im Mittelpunkt: „Der Flügel“ und Björn Höcke.

Spenden, Anzeigen und „Counter-Jihad“ aus den USA

Finanziell steht „Jouwatch“ auf mehreren Säulen. Zu Beginn, als das Portal noch keine 2.000 Zugriffe pro Tag verzeichnete, half Philipp Wolfgang Beyer aus. Der Jenaer Rechtsanwalt, der im Sommer 2011 an der Gründung des thüringischen Landesverbandes von „Die Freiheit“ beteiligt war und dabei Thomas Böhm kennenlernte, schaltete auf dessen neuer Website bezahlte Anzeigen, über die er Mandanten akquirierte. Das lohnte sich für beide. Anzeigen bringen Böhm bis heute Geld in die Kasse; geschaltet werden sie etwa von „Pax Europa“ oder von Martin Sellners und Patrick Lenarts Label „Phalanx Europa“.

Daneben kann „Jouwatch“ laut Aussage von Böhm auch Spenden verzeichnen; begünstigt wird das dadurch, dass der Trägerverein vom Finanzamt Jena als gemeinnützig eingestuft wurde und diesen Status auch nach dem Umzug ins sächsische Meißen beibehalten hat. Zusätzlich zu Anzeigenhonoraren und zu Spenden verfügt „Jouwatch“ über ein drittes finanzielles Standbein: Gelder des US-Think-Tanks „Middle East Forum“ von Daniel Pipes.

Der US-Publizist Pipes hat das „Middle East Forum“ 1994 gegründet, um „amerikanische Interessen im Mittleren Osten zu fördern“. Offiziell legt der Think-Tank besonderen Wert darauf, nach Wegen zu suchen, um den „radikalen Islam zu besiegen“. Tatsächlich aber hat Pipes mit seinem Forum oft Personen und Organisationen unterstützt, die unter dem Deckmantel des Kampfs gegen Jihadisten („Counter-Jihad“) den gesamten Islam attackieren. So hat er Robert Spencer gefördert, einen der einflussreichsten Aktivisten der Counter-Jihad-Szene. Im vergangenen Jahr hat er Stephen Yaxley-Lennon („Tommy Robinson“) finanziell den Rücken gestärkt, dem ehemaligen Anführer der „English Defence League“ (EDL) und heutigen „Berater“ von Gerard Batten, dem Chef der erheblich nach rechts gerückten UKIP. Und er hat Geert Wilders fette Sümmchen zukommen lassen, als der vor Gericht stand und Geld brauchte. Wilders hat bekanntlich nicht Jihadisten, sondern den Koran ganz allgemein „faschistisch“ genannt. Über Wilders wiederum ist Böhm vermutlich in Kontakt mit Pipes gekommen: Der war dabei, als sich - in Anwesenheit von Wilders - im Oktober 2010 in Berlin „Die Freiheit“ gründete. Zu den Parteifunktionären zählte damals bekanntlich Thomas Böhm.

Wechselnde Chefredakteure

Den Posten des „Jouwatch“-Chefredakteurs hat der in Naumburg ansässige Böhm inzwischen weitergereicht. Zunächst, Anfang 2018, folgte ihm in dieser Funktion seine Ehefrau Marilla Slominski, die ihrerseits auf mehreren Blogs der Szene publiziert - auf „conservo“ zum Beispiel, das der CDU-Mann Peter Helmes verantwortet. Dieses Jahr hat Max Erdinger aus dem mittelfränkischen Bad Windsheim die Chefredaktion übernommen. Erdinger kennt man etwa aus der „Blauen Narzisse“, in der er - tief männerrechtsbewegt - schon vor Jahren einen „Zeugungsstreik der Männer“ erkannt haben wollte: Einer der „Hauptgründe des demografischen Niedergangs“ sei, dass Väter „nach einer Scheidung oft genug nur noch die Zahlesel“ seien und „aufgrund ihrer Unterhaltspflichten auch unter das wirtschaftliche Existenzminimum gedrückt werden“. Männer seien heutzutage halt unterdrückt.

Erdinger gehen, das teilt er auf seiner privaten Website mit, ganz allgemein „sämtliche ideologisch motivierten Umerziehungsversuche des Nannystaates mitsamt seiner angepassten Medienmeute - und hier ganz besonders die zerebralen Blähungen von rot/grün und ihren medialen Speichelleckern - ganz gewaltig auf den Geist“. Und deshalb hat er sich fürchterlich aufgeregt, als AfD-Chef Alexander Gauland für seine Äußerung kritisiert wurde, es gelte „stolz zu sein auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“. „Schnappatmung vor der Bundestagswahl“, kommentierte der heutige Chefredakteur im September 2017 auf „Jouwatch“. Selbstverständlich hätten die deutschen Soldaten etwas „geleistet“ - und „die Leistung als solche war nicht übel, so von 1939 bis 1941. Innerhalb von zwei Jahren so etwas wie eine EU zu schaffen, das kann nicht jeder.

Eine inhaltliche Mäßigung ist also auch mit den neuen Chefredakteur nicht zu erwarten. Ganz im Gegenteil.