Rezensionen | AIB 112 / 3.2016 | 06.12.2016

Das Karbid-Kommando

Günter Rückert

Der Comic „Das Karbid-Kommando“ von Günther Rückert erschien zum ersten mal 1987 in Dortmund. Die Handlung beginnt am selben Ort fünfzig Jahre früher. Das erste Panel reicht über die ganze Seite und zeigt einen Aufmarsch der Nationalsozialisten. Während am Rand die jubelnden und Hakenkreuzfahnen schwenkenden Stadtbewohner den Aufmarsch verfolgen, wird die Aufmerksamkeit der Leser_innen durch eine Zoombewegung in den folgenden Panels auf eine kleine Gruppe gelenkt. Die fünf Jugendlichen schauen dem Treiben missmutig zu bis sie beschließen zu gehen. In einem Hinterhof lassen sie sich nieder, um Karten zu Spielen und ihren Frust über die Nazis und besonders deren Jugendorganisation Hitlerjugend (HJ) Luft zu machen, denn die Protagonist_innen der folgenden Geschichte sind Edelweißpiraten.
In einem eindrücklichen, emotionalen und spannenden Comic erzählt Günther Rückert vom Kampf der fünf Jugendlichen gegen die Pimpfe (Bezeichnung der Edelweißpiraten für die HJ) und die Schikanen, denen sie durch Repräsentanten der NSDAP in ihrer Stadt ausgeliefert sind. Immer wieder werden die Antifaschist_innen zu Disziplinar-Verfahren zitiert und schließlich unter Zwang in die HJ eingliedert. Mit viel Gefühl, aber auch mit einer ordentlichen Portion Humor berichtet der Comic von diesen Kämpfen.

Die Erzählung beruht auf den Berichten des Edelweißpiraten Kurt Piehl, der dem Zeichner Günther Rückert während der Fertigstellung beraten hat, um neben anderen Quellen ein möglichst authentisches Bild der Edelweißpiraten in Dortmund, ihrer Organisierung und Sprache zu ermöglichen. Das wird besonders in dem umfangreichen Anhang deutlich, der in der in diesem Jahr erschienen Neuauflage die Geschichte der Edelweißpiraten durch Interviews und Berichte untermauert. Auch die Titel gebende Karbidflaschen-Aktion, mit der die Edelweißpiraten eine Veranstaltung der Nazis empfindlich gestört hatten, hat ihr Vorbild in der Realität.

Günther Rückert verortet sich in einem Interview, das ebenfalls im Anhang zu finden ist, in der Comic-Undergroundszene. Deutlich wird dies auch in der zeichnerischen Umsetzung. So dienen die gezeichneten Bilder nicht als ein beliebiges Medium für eine Geschichte, die erzählt werden soll, sondern sind in Kombination mit Schrift, Sprechblasen und Panelstruktur ein Kunstwerk, das gleichwertig neben dem Inhalt steht. Die schwarz-weißen Zeichnungen ergänzen sich, ebenso wie die Panelstruktur, kreativ zu einem unterhaltsamen und spannenden Ensemble, das den Leser_innen ein Einblick gewährt in das Leben der jungen Edelweißpiraten, ohne dabei den humoristischen Umgang mit ernsten Themen, der typisch für die Comic-Undergroundszene ist, aus dem Blick zu verlieren.

Die nun erschienene 2. Auflage ist Thomas Schulz, genannt „Schmudel“, gewidmet, der am 28. März 2005 in Dortmund von Neonazis ermordet wurde. Die Neuauflage schafft es, die Geschichte der Edelweißpiraten präsent zu halten und einen Bezug zur Gegenwart herzustellen. Durch die  Zusammenarbeit mit der Dortmunder Geschichtswerkstatt, die sich als ein Projekt versteht, das „Geschichte von unten“ beleuchten will, wird in diesem Comic die Geschichte der Jugendlichen und ihres Widerstands gegen den Nationalsozialismus in den Vordergrund gerückt, um auch dem „verdrängten, verleugneten, diffamierte Widerstand der Menschen ohne Parteiabzeichen, ohne Funktionen in Verbänden, Militär und Kirchen — dem Widerstand der an den Rand gedrängten, der ArbeiterInnen, der Marginalisierten, Armen und Jugendlichen zu gedenken“, so der Herausgeber Heiko Koch.

Günter Rückert:
Das Karbid-Kommando

Hrsg. von Heiko Koch, mit Textbeiträgen von Hans Müller, Günther Rückert, Kurt Piehl und Andreas Müller

1. Auflage Tapir-Verlag, Dotmund, 1987.
2. Auflage Verlag Edition AV, Lich/Hessen, 2016.