Geschichte | AIB 89 / 4.2010 | 11.12.2010

Das Auswärtige Amt. Aus dem Zwielicht erfolgreich herausgearbeitet?

Die Debatte um die Studie »Das Amt und die Vergangenheit« dokumentiert den Wandel deutscher Vergangenheitspolitik zum Instrument moralischer Selbstlegitimation Deutschlands.1

Seit dem Erscheinen wurde die Debatte über das Buch zur NS-Vergangenheit des Auswärtigen Amtes (AA) mit großem öffentlichem Echo geführt. Doch die Rahmenbedingungen haben sich grundlegend gewandelt. Die Täter sind tot. Und je kontrastreicher der Schatten der Vergangenheit, in umso hellerem Lichte erscheint die Gegenwart.

»Das Auswärtige Amt war eine verbrecherische Organisation.« Dieser Satz war Ende Oktober 2010 gleich mehrfach in der Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) zu lesen, jenem Blatt, in dem die alte Garde der deutschen Diplomaten vor Jahren in Anzeigen und Leserbriefen für die Ehre ihrer ehemaligen Nazikollegen fochten. Selbst FAZ Autor Volker Zastrow gestand, dass wer diesen Satz vor wenigen Jahren ausgesprochen hätte, sich selbst isoliert hätte. Im Jahr 2005 hatte der Erlaß des damaligen Außenministers Joseph Fischer, alten Nazis keinen ehrenden Nachruf im Namen des Amtes mehr zu gewähren, einen Sturm der Entrüstung unter ehemaligen Diplomaten ausgelöst.

Dieses schlug sich in einer großen Todesanzeige für den ehemaligen SS-Untersturmführer und nachmaligen Botschafter der Bundesrepublik in Japan, Franz Krapf nieder. Ausweislich eines Artikels in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 5. Februar 2005 erbitterte die ehemaligen Diplomaten besonders die Pauschalität, mit welcher Fischers Erlaß eine NSDAP-Mitgliedschaft bewertete. Mit dem Verweis auf die von den Nazis hingerichteten AA-Mitarbeiter und Widerständler Adam von Trott zu Solz und Ulrich von Hassel konnten die ehemaligen Diplomaten ihre Empörung moralisch rechtfertigen.

Vergangenheitspolitisches Vorspiel in den 1990er Jahren

Als im Zuge der öffentlichen Debatte um die Entschädigung von NS-Zwangsarbeiter_innen zum Ende der 1990er Jahre die Rolle deutscher Firmen ins Rampenlicht des Medieninteresses trat, taten deren Chefetagen, was sie knapp ein Jahrzehnt zuvor noch rigoros abgelehnt hatten. Im Jahr 1989 hatte das Hamburger Institut für Sozialforschung jene Firmen mit der Bitte um Geld für den Erhalt von KZ-Gedenkstätten angeschrieben, die von der Sklavenarbeit der Häftlinge profitiert hatten. Die Zeitschrift »konkret« dokumentierte damals die Ablehnungsschreiben jener Nachfolgeunternehmen der Degussa und der IG Auschwitz, sich finanziell an dem Erhalt der KZ Gedenkstätte Neuengamme zu beteiligen.

Nun ließen Thyssen und die Deutsche Bank, Kirchen und kommunale Betriebe sukzessive ihre NS-Vergangenheit durch Historikerkommissionen aufarbeiten. Die beauftragten Historiker_innen bekamen Zugang zu jenen Firmenarchiven, in welche Einsicht zu nehmen zuvor jahrzehntelang linken Historikern wie Karl Heinz Roth, Hans G. Helms oder Eberhard Czichon verwehrt worden war. Am Ende der Forschungsarbeit stand zumeist ein als Buch publizierter Bericht, der einen recht ungeschminkten Einblick in die Verstrickung der Firmen in das System der NS-Zwangsarbeit bot.

Die Enthüllungen wurden nicht schamhaft in abgelegenen Fachzeitschriften publiziert, sondern von den Chefetagen öffentlichkeitswirksam auf Pressekonferenzen vermarktet. Aus dem vormaligen Malus der NS-Verstrickung deutscher Firmen war so binnen weniger Jahre ein moralischer Bonus geworden, auf welchen man in der strategischen Kommunikation der Firmenphilosophie stolz verwies. Der Grund für die  Offenheit der Firmen im Umgang mit ihrer NS-Vergangenheit liegt auf der Hand. Zum Zeitpunkt der Inauftraggabe der Forschungsberichte waren alle relevanten handelnden Akteure der NS-Zeit tot, sodass sich hieraus kein neues Konfliktpotential entstand.

Erfolgreich bewältigte Vergangenheit – moralische Überlegenheit

Im Falle des »Auswärtigen Amts« nahmen die Dinge einen anderen Lauf. Über Jahrzehnte hatte sich die von der Verteidigung im sogenannten »Wilhelmstraßen Prozess« gestrickte Legende gehalten, das AA habe sich um eine Mäßigung der NS-Außenpolitik bemüht. Gegenstand des Verfahrens war die Frage, in welchem Maße der Staatssekretär des AA, Ernst von Weizsäcker in die Verbrechen des NS-Regimes verstrickt war. Zum Erhalt der Legende, die distinguierten Diplomaten des AA hätten mit dem schmutzigen Geschäft des Judenmordes nicht zu tun gehabt, trug die in der Nachkriegsgesellschaft auf breiten Zuspruch stoßende Metapher bei, die Nazis seien immer die Anderen gewesen.

An diesem Bild von einer dem Nazismus ablehnend bis widerständig gegenüberstehenden nationalkonservativen Elite, hatten Akteure des »preußisch-protestantisch-publizistischen Komplexes«(Volker Zastrow; FAS 31.10.2010) wie die spätere ZEIT Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff wesentlichen Anteil. Der Vorhang dieses Entlastungsdiskurses zerriss nur stückchenweise. War es zunächst der Frankfurter Auschwitz-Prozess, der die Mähr von den Nazis einerseits und der Gesellschaft andererseits hinterfragte, so folgten in den nächsten Jahrzehnten immer wieder Diskurswellen, welche die Verstrickung aller gesellschaftlichen Sphären in die Praxis des NS-Staates belegten.

Was die NS-Vergangenheit des AA betrifft, so war es keineswegs so, dass diese zuvor nicht Gegenstand wissenschaftlicher Erörterung gewesen war. So publizierte der Historiker Hans Jürgen Döscher 1987 eine Untersuchung über das AA in den Jahren 1933–1945. Dass diese ebenso wie sein 2005 erschienenes Buch »Seilschaften – Die verdrängte Vergangenheit des Auswärtigen Amts« nicht auf einer allumfassenden Auswertung der Archivquellen des AA basieren konnten, ist nicht dem Autor anzulasten, sondern dem politischen Archiv des AA, das Personalakten als »nicht vorlagefähig« deklarierte und somit unter Verschluss hielt. Mit Fug und Recht kann man Döschers Arbeiten jedoch als gewichtige Vorlagen für die jetzt erschienene Studie bezeichnen.

In einem Interview mit der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung« (FAZ) skizzierte Joseph Fischer Sinn und Ziel der von ihm verordneten kritischen Selbstbefragung des AA in knappen Sätzen. Auf die entlastende Behauptung des Interviewers, FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher: »Wir müssen also sagen: Es gab eine Kontinuität, aber sie war eben keine ideologische«, antwortet Fischer: »Nein. […] Die Bundesrepublik Deutschland hat sich aus diesem Zwielicht erfolgreich herausgearbeitet.«2 Der ehemalige Außenminister variiert hier ein Motiv des Umgangs mit der NS-Vergangenheit, welches während der rot-grünen Ära zur dominierenden Sichtweise dieser Zeit aufstieg: Aus der als erfolgreich angesehenen Bewältigung der NS-Vergangenheit leitete das politische Etablisment die Berechtigung ab, nicht nur im Konzert der Großmächte eine erste Geige zu spielen, sondern zugleich auch anderen Ländern Lektionen im Umgang mit ihrer Vergangenheit zu erteilen.

Dass Joseph Fischer um eine Instrumentalisierung der NS-Vergangenheit aus Anlass der deutschen Beteiligung am Krieg gegen Jugoslawien nicht verlegen war, ist bekannt. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis sich jene Bußfertigkeit die sein Nachfolger Westerwelle anlässlich der Vorstellung3 der verdienstvollen Studie der Historikerkommission an den Tag legte, in moralischen Triumphalismus verwandelt.

  • 1. Vgl. AIB 68; Korpsgeist und Kontinuitäten. Eine kleine Geschichte des Auswärtigen Amtes
  • 2. FAS 24.10.2010 S. 39
  • 3. www.auswaertiges-amt.de/diplo/de/Infoservice/Presse/Reden/2010/ 101028-BMHistorikerkommission.html (eingesehen am 02.11.2010)