Rezensionen | AIB 124 / 3.2019 | 19.12.2019

Captain America

Ta-Nehisi Coates

Ist Captain America Antifaschist?

Diese Frage beschäftigt nicht nur einige Alt-Right-Vertreter auf Social Media Kanälen: „Cap is now #Antifa? WTF @Marvel? Why do you hate #Captain America so much?“ Mit der neuen Captain America-Serie „Winter in America“ entwickelt sich eine Art zweite Comicsgate-Affäre. Nachdem sich die erste Hasswelle 2018 auf nicht-­weiße, homosexuelle oder non-binary Super­held*innen und ihre Produzent*innen entlud, ist die Diskussion 2019 davon geprägt, ob der Cap im ersten Heft der neuen Serie zum Antifaschisten wird. Und wenn sich Rechte über etwas ärgern, lohnt sich für uns ein genauerer Blick.

Comic-Kenner*innen mag diese Frage jedoch etwas repetitiv vorkommen. Denn schon von Anfang an ließen die jüdischen Erfinder von Captain America, Joe Simon und Jack Kirby, diesen gegen Hitler antreten. Auf dem ersten Captain America-Cover, das im März 1941 erschien, schlägt der Cap Hitler ordentlich auf die Fresse. Auch damals gab es Protest: „But not everyone was a fan in 1941 – according to Simon, the German American Bund and America Firsters bombarded the publisher’s offices with hate mail and obscene phone calls that screamed ‘Death to the Jews!’”1

Doch in der Zwischenzeit ist im Marvel-­Universum viel passiert. In der letzten Captain America-Serie „Secret Empire“ wurde die USA von Hydra, einer faschistischen Terror-Organisation übernommen, die nicht nur ästhetisch, sondern auch inhaltlich mit dem Nationalsozialismus verbunden ist. Vielen ist Hydra und ihr Anführer und Erzfeind von Captain America Red Skull nicht nur aus den ­Comics bekannt, sondern auch aus den Captain America Filmen. Die faschistische Ästhetik und Ideologie der Organisation ist un­übersehbar. Das Überraschende der letzten Serie war jedoch, dass eine alternative Version von Captain America geschaffen wurde, die Hydra nicht bekämpft, sondern loyal gegenüber steht. Dieser alternative Captain tötet Red Skull und wird selbst zum faschistischen Anführer. Gemeinsam schafft es die Welt jedoch Hydra zu besiegen: Superheld*innen aus dem Untergrund und russische Partisa­n*in­nen kämpfen neben us-amerikanischen Soldaten.

Die neue Serien startet nach dem Ende von Hydra und mit einem verwirrten Amerika, das nicht mehr weiß, was gut und was böse ist. Die Dialoge zwischen den Figuren erinnern an Aussagen im deutschen Kontext á la „Sie sorgten für uns, gaben uns Jobs usw. War denn alles schlecht an Hydra?

Und besonders weiß Amerika nicht mehr, ob es dem Cap, Inbegriff des American Dream, noch trauen kann. US-amerikanische Cyborg-Soldaten mit der amerikanischen Flagge im Gesicht kämpfen gegen den Cap, fragen ihn immer wieder, warum er sie betrogen habe, sprechen von „our boys“ und davon, dass Amerika wieder groß werden müsse. Eine Verschwörung gegen Captain America ist im Gange. Als er den Hinweisen folgt, scheinen diese direkt ins Weiße Haus zu führen und nach Russland.

Wir brauchen nicht viel Fantasie, um eine Idee zu haben, auf welche realen Ereignisse angespielt wird. Auch Art Spiegelman, Autor des berühmten Comic „Maus“, zieht im Vorwort einer Sammelausgabe von Golden Age Comics eine Verbindung zwischen den Skandalen rund um den US-amerikanischen Präsidenten und den Captain America Comics: „In today’s all too real world, Captain America’s most nefarious villain, the Red Skull, is alive on screen and an Orange Skull haunts America. International fascism again looms large […] and the dislocations that have followed the global economic meltdown of 2008 helped bring us to a point where the planet itself seems likely to melt down.

Das Vorwort wurde nicht veröffentlicht, da der Marvel-Verlag unpolitisch bleiben wolle. Vielleicht aber auch weil CEO von Marvel Entertainment, Isaac „Ike“ Perlmutter, langjähriger Freund und Spender von Donald Trump ist. Das Statement von Spiegelman kann man jedoch als Artikel in „The Guardian“ nachlesen.2
Die Zeichnungen sind großartig, die Analogien passen und Trump als den Orange Skull zu sehen, bereitet Freude. Trotzdem bleiben der Patriotismus, der Kampf für das wahre Amerika und jede Menge Kalter Krieg-Rhetorik im Halse stecken.

Ta-Nehisi Coates
Captain America
Vol. 1: Winter In America
Art by: Leinil Francis Yu
Cover by:  Alex Ross
$10.99/16,99€

  • 1. https://www.theguardian.com/books/2019/aug/17/art-spiegelman-golden-age-superheroes-were-shaped-by-the-rise-of-fascism
  • 2. Ebd.