Rezensionen | AIB 126 / 1.2020 | 16.06.2020

Bruchlinien. Drei Episoden zum NSU

Paula Bulling (Zeichnung) und Anne König (Text)

Drei Episoden. Drei Orte. Drei Menschen: Susann Eminger, Sibylle und Gamze Kubaşik. Drei Frauen, von denen zwei in den NSU Komplex involviert sind, eine, die von dessen Taten betroffen ist. Sie alle haben in der Berichterstattung und im Prozess gegen die fünf Hauptangeklagten eine untergeordnete Rolle gespielt. Der Comic „Bruchlinien. Drei Episoden zum NSU“ thematisiert ihre Geschichten.

Episode 1: Zwickau. Schwarze Panel. Nur Stimmen in Sprechblasen sind zu sehen. Eine Person wird in eine Praxis begleitet. Sie ist blind. Wir sehen zunächst das, was sie sieht: Schwärze. Als ihre Begleiterin die Praxis verlässt, um im Auto zu telefonieren, erscheinen hellblau unterlegte Bilder in dünnen schwarzen Linien. „Ich hab auch was für dich.“ sagt die Person am Telefon. Sie will, dass Sus vorbei kommt. Zwei Seiten später sehen wir sie. Es ist Beate Zschäpe. Die Frau, die sie besucht: Susann Eminger, Unterstützerin des NSU. Sie lieh Zschäpe ihre Krankenkassenkarte, mietete mutmaßlich ein Wohnmobil. Zschäpe schenkt ihr einen Gutschein für vier Tage Disneyland in Paris. Als Dankeschön. Für ihre Hilfe.

Episode 2: Daun. Zwei Menschen mit Masken. Sie unterhalten sich. Nun sind es goldene Flächen, die die Zeichnungen durchziehen. Es fallen Namen. Namen von Führungspersonen beim Verfassungsschutz: Lingen, Winterfeldt, Stolz. Sie sind alle mit einem blauen Auge davon gekommen. In der Rückblende tragen sie alle Masken. Sibylle, die auf Anweisung die Akten über den NSU schredderte, ist in Frührente. Sibylle ist nicht ihr richtiger Name. Es ist ein Deckmantel wie die Masken, hinter denen sich die Figuren verstecken und Verantwortlichkeiten von sich weisen.

Episode 3: Dortmund. 28. April 2006. Eine Küche, zwei Personen: „Heute hat ein Herr Yozgat aus Kassel hier angerufen. - Sein Sohn Halit ist zwei Tage nach Papa ermordet worden. Mit der gleichen Waffe.“ - „Ich weiß“. Die zwei Personen sehen müde aus. Es sind Gamze Kubaşik und ihre Mutter. Ihr Vater, ihr Ehemann wurde vom NSU ermordet. Lila und grau sind nun die tragenden Farben der Zeichnungen. „Mehmet Kubaşik dealte mit Drogen.“ Immer wieder wird diese Behauptung wiederholt: Auf der Beerdigung, im Verhör, auf der Straße, in der Schule. Von den Behörden, von Nachbar*innen, von Mitschüler*innen. Jahrelang. Erst 2011 nach der Selbstenttarnung des NSU hören die Gerüchte auf. Jetzt gibt keine Möglichkeit mehr zu leugnen, dass Mehmet Kubaşik von Neonazis ermordet wurde. Doch der Leidensweg ist noch nicht zu Ende: Fünf Jahre Prozess, milde Urteile und ein Staat, der schweigt, wenn es um die eigene Schuld geht.

Die drei Episoden beleuchten das, was bei der öffentlichen Berichterstattung und während des Prozesses keine Rolle gespielt hat: Die vielen Unterstützer*innen des NSU, die Rolle des Verfassungsschutzes, die rassistischen Ermittlungen der Polizei und die Perspektive der Opfer, ihr Leid, die Schikane. Die gezeichneten Bilder stellen dar, was durch Fotos nicht gezeigt werden kann, weil es sie nicht gibt. Die Episoden sind farblich getrennt. Es sind drei sehr unterschiedliche Rollen, die hier beschrieben werden und trotzdem hängen sie zusammen – wie die Bilder, die keine festen Grenzen haben, sondern ineinander fließen, wie die Figuren, die keine festen Konturen besitzen. Die Ästhetik der Comic­bilder verdeutlicht das, was übrig bleibt: Unklarheit, Fragen und die Forderung nach Aufklärung.

Ergänzt werden die drei Comic-Episoden durch einen langen Anhang von Interviews. Paula Bulling und Anne König haben für die Recherche des Comics mit vielen Menschen gesprochen: Unter anderem mit Sebastian Scharmer, Anwalt der Opfervertreter; Ayşe Güleҫ, Kunstvermittlerin und Unterstützerin der Recherchen vom Institute for Forensic Architecture aus London. Und mit Candan Özer-Yilmaz, deren Ehemann beim Anschlag in der Keupstraße verletzt wurde.Der Comic will neue Perspektiven aufzeigen und mahnen – dies gelingt durch das Medium im besonderen Maße. Leseempfehlung.

Paula Bulling (Zeichnung),
Anne König (Text):
Bruchlinien. Drei Episoden zum NSU
Spectator Books, Leipzig 2019
96 Seiten mit 37 Comicseiten
ISBN: 9783959052986
24,- Euro