Rezensionen | AIB 103 / 2.2014 | 27.09.2014

Broschüren zur Goldenen Morgenröte

Maik Fielitz, Dimitris Psarras

Chrysi Avgi (engl.: Golden Dawn oder dt.: Goldene Mor­gen­röte) ist mit 9,4 % bei den Europawahlen in Griechenland drittstärkste Partei geworden. Das Wahlergebnis wurde vom neonazistischen Part der extremen Rechten in Europa intensiv verfolgt, da die Goldene Morgenröte als role model für Neonazis verschiedenster Couleur dient.

Dieser „transnationale Einfluss der griechischen Chrysi Avgi“ ist der Fachinformationsstelle Rechtsextremismus München die Herausgabe der lesenswerten Broschüre  „Goldene Morgenröte für Europas extreme Rechte?“ wert. Diese im November 2013 erschienene Broschüre ist die Masterarbeit von Maik Fielitz. Der Publikation merkt man dies am Aufbau und akademischen Duktus an, was sie manchmal sperrig zu lesen macht: Sie besticht aber durch einen systematischen Aufbau. Leider bleiben Antifa-Broschüren unberücksichtigt, die Kollektivprodukte verschiedener Urheber sind.

Die Leserschaft wird durch Forschungsstand, Definition der Goldenen Morgenröte als „faschistische Bewegungspartei“ nach State-of-the-Art der Faschismustheorie und Vorstellung des Untersuchungsgegenstands Chrysi Avgi geführt, bevor sich der Hauptfrage, dem „transnationalen Einfluss“ der griechischen Partei, gewidmet wird. Diesen „transnationalen Einfluss“ unterscheidet Fielitz in zwei Sphären. Den Einfluss von Chrysi Avgi auf von Griechenland ausgehende ausländische Parteien und Bewegungen der extremen Rechten auf der einen und den Einfluss auf die Omogéneia auf der anderen Seite. Omogéneia ist die griechische Diaspora. Auf diese rund sieben Millionen Menschen griechischer Herkunft außerhalb der Nationalstaatsgrenzen versuchen sowohl der Staat als auch verschiedene Parteien und Interessensgruppen Einfluss zu nehmen.

Der Einfluss von Chrysi Avgi auf die extreme Rechte in verschiedenen Ländern macht sich von der Übernahme ihrer Symbolik bis hin zu ihrem Namen bemerkbar. Der Autor nennt hier auch Beispiele aus Ländern, die nicht so sehr im Fokus der Antifa-Öffentlichkeit stehen. Durch Reisen von Delegationen zu wichtigen Aufmärschen oder dem gemeinsamen Besuch des griechischen Parlaments versuchen deutsche Neonazis, auch ein wenig vom Glanz des Erfolgs der Goldenen Morgenröte zu erhaschen.

Als Chrysi Avgi von einer Neonazisekte zur erfolgreichen Wahlpartei aufstieg, machte sie einen „strategic turn“. Sie bezog sich in der griechischen Öffentlichkeit nun nur noch auf die eigene Nation und ging zu Neonaziorganisationen in anderen Ländern formal auf Distanz bzw. erwähnte diese nicht mehr in der eigenen Öffentlichkeitsarbeit. Viel mehr galt ihr Interesse nun der Omogéneia in anderen Ländern bzw. dortige extrem rechte Griechen gründeten Chrysi Avgi Zellen. Hier liegt die absolute Stärke der Masterarbeit von Fielitz. Er schlüsselt auf, wie diese Zellen in New York und Melbourne entstanden sind. Der einzigen deutschen Zelle, einer Gruppe Jugendlicher mit griechischem Migrationshintergrund aus Nürnberg, nähert sich Fielitz über Experteninterviews. So interviewt er einen Lehrer eines der Jugendlichen, der auf dem Gründungsfoto der Gruppe posiert. In seinen Interviews recherchiert er nicht nur Infos über diesen Zusammenschluss, sondern auch wie die griechische Community in Nürnberg zum Treiben dieser Chrysi Avgi-Jugendlichen steht. Hier erhält der Leser Einblicke, die sonst nirgendwo in der Literatur zu Chrysi Avgi zu finden sind.

Will man sich generell über  Chrysi Avgi und über die Geschichte der extremen Rechten in Griechenland informieren, sollte man hingegen auf die Analyse „Neonazistische Mobilmachung im Zuge der Krise — Der Aufstieg der Nazipartei Goldene Morgenröte in Griechenland“ von Dimitris Psarras zurückgreifen. Diese ist kostenlos in broschierter Form sowie als PDF-Down­load von der Rosa Luxemburg Stiftung herausgegeben worden. Die Publikation liefert eine gute Anatomie der Partei.

Psarras’ Veröffentlichung handelt als erstes die Geschichte extrem rechter Parteien in Griechenland ab. So konnten nach dem Ende der Militärdikatur 1974 immer wieder Parteien der extremen Rechten in Griechenland Wahlerfolge mit über 5 % erreichen. Diese Parteien waren aber rückwärtsgewandt, da sich ihr politisches Engagement auf die Rehabilitierung der Militärjunta bezog, während der moderne Rechts­populismus schon in anderen Ländern Westeuropas Wahlerfolge feierte. Gleichzeitig stellten Umfragen in Griechenland immer wieder eine weite Verbreitung von Rassismus fest. In noch einem anderen Punkt ragt Griechenland aus der europäischen Politikkultur heraus. Im Rahmen der politischen Bewältigung der Wirtschaftskrise kam es zu einer großen Koalition von Konservativen und Sozialdemokraten mit der rechtspopulistischen LAOS-Partei. Es war das erste Mal, dass in einem westlichen EU-Land eine sozialdemokratische Partei mit einer Partei der extremen Rechten koalierte. Diese Koalition machte den Siegeszug der Chrysi Avgi im doppelten Sinne erst möglich: Zum einen durch die Aufhebung des Tabus, zum anderen konnte sich Chrysi Avgi so im Gegensatz zu LAOS als systemoppositionelle Kraft inszenieren.

In den weiteren Kapiteln, in denen sich Psarras  mit den unterschiedlichen Facetten der Ideologie, der politischen Praxis und der Wählerzusammensetzung der Goldenen Morgenröte beschäftigt, zeichnet der Autor von Chrysi Avgi das Bild einer neuen, zeitgemäßen und den nationalen Gegebenheiten entsprechenden NSDAP.

Fielitz, Maik
„Goldene Morgenröte für Europas extreme Rechte? — Der transnationale Einfluss der griechischen Chrysi Avgi“
Hrsg.: Fachinformationsstelle Rechtsextremismus München, 50 Seiten, 3 Euro

Psarras, Dimitris
„Neonazistische Mobilmachung im Zuge der Krise — Der Aufstieg der Nazipartei Goldene Morgenröte in Griechenland“
Hrsg.: Rosa Luxemburg Stiftung |48 Seiten | kostenlos