Rezensionen | AIB 84 / 3.2009 | 18.09.2009

Blood and Politics

Leonard Zeskind

Die wichtigsten Neonazi-Kader in den USA sind tot oder im Knast. Ihre Organisationen sind pleite oder heillos zerstritten. Statt einer antisemitischen Zeitschrift wie »The Spotlight«, die noch in den 1990er Jahren jede Woche Hunderttausende Leser erreichte, bleiben nur noch ein paar Internetportale wie »Stormfront«. In den 1990er Jahren hatte der Rechtspopulist Pat Buchanan, unterstützt von Neonazis, noch ernsthafte Chancen bei den US-Präsidentschaftswahlen. Dagegen hat jetzt, ein Jahrzehnt später, ein kosmopolitaner Afro-Amerikaner die Wahlen gewonnen. Und dann schreibt der US-Antifaschist Leonard Zeskind bei einem seriösen Verlag ein dickes Buch über, so der Untertitel, »die Geschichte der weißen nationalistischen Bewegung von den Rändern in die Mitte«? Der Untertitel deutet Zeskinds Hauptthesen bereits an.

1. Die meisten Bücher z.B. über den Ku-Klux-Klan, über den Neonazi David Duke, über rechtspopulistische Bürgermilizen oder über das Bombenattentat von Oklahoma City gehen davon aus, dass es sich um mehr oder weniger verrückte Einzeltäter oder einzelne Gruppen handelt. Dagegen erkennt Zeskind eine relativ breite Bewegung mit mehreren Zehntausend aktiven Anhängern (und Hunderttausenden Sympathisanten), die sich bei aller Vielfalt doch um eine gemeinsame Ideologie und Kultur gruppieren, und »in der alle eine gemeinsame Liste von Zeitschriften oder Internet-Foren lesen«. Dabei unterscheidet Zeskind zwei Strömungen: die Avantgardisten, von denen manche in den Terrorismus abtauchen, und die Mainstreamers, die respektable Konferenzen organisieren und für öffentliche Ämter kandidieren.

2. Die extrem rechte Ideologie hat sich nach dem Ende des Kalten Krieges gewandelt. Der alte Südstaaten-Rassismus des Ku-Klux-Klans taugt nicht mehr. Extreme Rechte sind heute »weiße Nationalisten«, sie streben eine »weiße Nation« an. Das heißt, sie wollen nicht einfach die weltweite Vormachtstellung der USA verteidigen (wie das normale US-Konservative tun), sondern sie wollen eine andere USA, auf »rassischer« Grundlage. Insofern verstehen sie sich durchaus als revolutionär. Getrieben werden sie dabei von einem Gefühl von »white dispossession«: Viele Weiße fühlen sich heute »enteignet«, benachteiligt gegenüber Schwarzen und aufstrebenden MigrantInnen. Das Ressentiment, das sich daraus speist, dürfte mit dem Wahlsieg Obamas und mit der wachsenden Zahl von Nicht-Weißen in den USA eher noch zunehmen.

3. Diese Ideen sind im 21. Jahrhundert nicht etwa lächerlich geworden, sondern sickern an vielen Punkten in den Mainstream-Diskurs ein. Am sichtbarsten ist dies in der massenhaften Ablehnung gegen Immigranten (Volksabstimmungen in mehreren Bundesstaaten). Hörbar war dies aber auch beim letzten Präsidentschaftswahlkampf, als die republikanische Vize-Kandidatin Sarah Palin vom »wahren Amerika« (das der weißen Kleinstädte) sprach – gegen das Amerika der kosmopolitanen Großstädte.

Zeskind hat die Transformation der extrem rechten Bewegung jahrzehntelang genau beobachtet.  Dabei beschreibt er auch ausführlich die internationalen Verbindungen der US-Nazis (deutsche Wiedervereinigung, Holocaust-Leugner,  Jugoslawien-Kriege). Deutsche Leser mögen sich dabei gelegentlich in der Vielzahl von Namen und Organisationen verheddern.  Das sollte das gewichtige Buch aber zu einem wichtigen Teil eines jeden Antifa-Archivs machen. Das ausführliche Register verweist auf Personen, Publikationen und Ereignisse aus den 1980er und 1990er Jahren, über die man im Internet oft nur wenig findet.

Leider kommen die Entwicklungen seit »9/11« bei Zeskind etwas kurz. Wie es jetzt,  unter Obama, mit den US-Neonazis weiter geht, kann man aber in seinem 14-tägigen Blog unter  www.leonardzeskind.com weiterlesen.

Leonard Zeskind
Blood and Politics
The History of the White Nationalist Movement from the Margins to the Mainstream

Farrar Straus Giroux, New York 2009
670 Seiten, ca. 25 Euro