(Foto: Christian Ditsch)
Diskussion | AIB 117 / 4.2017 | 26.03.2018

Basisorganisierung statt Spezialstrategie!

In Zeiten des gesellschaftlichen Rechtsrucks stellt sich drängender denn je die Frage, wie linke Perspektiven gestärkt werden können. Wir haben Robert Maruschke und Christian Lelek gefragt, wie eine antirassistische Basisorganisierung aussehen kann und warum sie auf soziale Fragen fokussieren sollte.

Robert Maruschke und Christian Lelek

Die AfD ist programmatisch eine nationalistische Oberschichtspartei. Der Zuspruch aus der gesamten Gesellschaft zu dieser rassistischen Gurkentruppe offenbart uns seit Jahren, dass linke Gruppen, Organisationen und Parteien gegenwärtig kein überzeugendes Angebot haben. In diesem Artikel gehen wir zwei zentralen Missverständnissen linker Strategiedebatten nach und unterbreiten Vorschläge, wie linke Bewegungen den Karren dennoch aus dem Dreck ziehen können.

Wir sehen dabei keinerlei Notwendigkeit, für den Osten der Republik oder für das sogenannte „AfD-Klientel“ ein besonderes Angebot oder eine Spezialstrategie zu entwerfen. Diese Annahme entspringt dem Transformativen Organizing1, welches politische Niederlagen nicht an Wähler_innen, sondern am eigenen Handeln festmacht und versucht, dieses zu korrigieren. Unser Vorschlag richtet sich also nicht am scheinbaren Klientel rechter Parteien aus, sondern rückt aufgrund strategischer Überlegungen ausgebeutete und diskriminierte Menschen in den Fokus linker Basis­organisierung. Dies — und nur dies — kann unserer Meinung nach zu linker Hege­monie und zu zählbaren Erfolgen führen.

Die zentralen Missverständnisse linker Strategiedebatten werden bei einem Blick in die Beilage zur Zeitschrift "Analyse & Kritik" (ak) aus dem Winter 2016/2017 deutlich. Zehn Texte thematisieren dort den zukünftigen Umgang mit der AfD, doch keiner behandelt im Detail Fragen der Organisierung. Es scheint absurd: Die Rechte hechelt von Wahlerfolg zu Wahlerfolg und die Linke beschäftigt sich mit akademischen Analysen oder fragt nach optimalen Bündnissen. Es kann aber nicht darum gehen, die letzten Reste einer marginalisierten Linken besser zu vernetzen, sondern die Basis zu vergrößern.

Soziale Frage ohne Antwort

Die große Traurigkeit linker Praxis wird in den Neubauvierteln des Berliner Ostens, als Beispiel für die gesamte ehemalige DDR, unmittelbar erfahrbar. Seit der Wende wird über den Leuten diskursive Geringschätzung ausgekippt. Was, du kommst aus Hellersdorf? Peripherie, Randgebiet, Neubau-Ghetto, Platte, Brennpunkt. Es werden Leistungen gekürzt, Jobs vernichtet und Mieten erhöht, was das Zeug hält. Die Leute wissen seit der Wiedervereinigung, wie sich flächendeckender sozialer Abstieg anfühlt. 28 Jahre hätte es für die gesellschaftliche Linke viele Gelegenheiten gegeben, die soziale Frage praktisch aufzurollen und damit das politische Kräfteverhältnis zu beeinflussen.

Aus dieser Perspektive überrascht es wenig, dass die soziale Frage in der media­len Öffentlichkeit zwar angekommen ist, linke Bewegungen in diesen Debatten aber kaum vorkommen. Obwohl ihnen nichts besseres passieren kann, als dass relevante Teile der Bevölkerung mit dem Regierungs­handeln unzufrieden sind, können sie kaum Beispiele einer organisierenden Praxis vorweisen. Es fehlt ein praktisches Gegenangebot auf der Grundlage von Gleichheit, das logischerweise auch Flüchtlinge mit einbezieht. Das linke Handlungsrepertoire hingegen repräsentiert eine hilflose Strategie, die oft nur noch an die Moral appellieren kann.

Viel zu oft überspringen linke Gruppen die Phase der Organisierung und mobilisieren stattdessen unter großer Kraftanstrengung die üblichen Verdächtigen zu Protesten gegen rechte Veranstaltungen. So wichtig solche Kampagnen und Aktionen mitunter sind, sie liefern keine überzeugende Antwort auf die Frage, wie wir bitte auf diesem Weg zu gesellschaftlicher Hegemonie kommen sollen? Wenn der nächste rechte Anlass regelmäßig wichtiger ist als die eigene dauerhafte Präsenz in einkommensarmen Nachbarschaften, stehen linke Gruppen im besten Fall noch für Konfetti und Symbolpolitik.

Vom Konfetti zur Hegemonie

Kommt die beschriebene Dramatik in linken Strategiedebatten an? Beim Blick in die oben genannte Beilage der Zeitschrift müssen wir feststellen: Nein. Wir sehen zwei Missverständnisse als Ursache für die Flucht in vertraute Gefilde. Es besteht eine handfeste Verwirrung um das Verhältnis von Organisierung und Mobilisierung auf der einen, sowie um den Unterschied zwischen Selbst- und Basisorganisierung auf der anderen Seite.

Denn wie der Begriff der Selbstorganisation schon sagt, man bleibt unter sich. Ziel von Basisorganisierung ist es stattdessen, stetig mehr Menschen abseits linker Nischen in soziale und politische Prozesse einzubinden, in denen der neoliberalen Demütigung etwas handfestes entgegengesetzt wird. Morgens um 8 Uhr zum Jobcenter zu gehen und  dort  gemeinsam den Kopf über Wasser zu halten, vermittelt mehr Inhalt als jeder Demoaufruf. Gemeinsam eine öffentliche Diskussion zu unserer Alltagserfahrung mit Armut zu organisieren, oder einen Filmabend, hinterlässt Spuren. Und: Gute Basisarbeit spricht sich rum und kann Berge versetzen.

Es geht darum, sich zu überlegen, wie ur-linke Überzeugungen sozialer Gleichheit, gegenseitiger Hilfe und der Ablehnung von Armut und Ausbeutung wieder stärker in den Nachbarschaften formuliert werden können, wo diese Überzeugungen am dringendsten gebraucht werden. Und wo sie am meisten weiterhelfen. Ziel ist es also, die soziale Frage in den Mittelpunkt von Organisierung zu rücken und einen Plan zu entwerfen, wie diese gelingen kann.

Basisarbeit erfordert zwingendermaßen einige strategische Schritte. Der erste beginnt mit der Frage, wie und wo Leute angesprochen werden können. Im ersten Gespräch ist es unerlässlich, nach der Telefonnummer der Menschen zu fragen und sie später persönlich einzuladen. Ohne diesen Schritt gelingt Basisorganisierung nicht. Eine abstrakte Basis in Flyertexten reicht nicht, sie muss konkret und ansprechbar sein. Anschließend braucht es Treffen, auf denen sich alle einbringen können, es verbindliche Ansprechpartner_innen gibt, von aktivistischer Arroganz nichts zu sehen ist, auf denen für alle nachvollziehbare Entscheidungen getroffen und nächste Schritte vereinbart werden.

Der transformative Gehalt der Ehrlichkeit

Zwei Prinzipien leiten dieses Unterfangen: Mehr werden und ernst nehmen. Für eine kuschelige Initiative aus sieben Leuten muss keine Basisorganisierung angeleiert werden. Ziel ist es, hunderte Menschen zu kennen und ihnen zu ermöglichen, Teil politischer und sozialer Prozesse zu sein. Dabei ist es wieder unerlässlich, die Menschen mit all ihren Eigenheiten ernst zu nehmen und sie nicht als Bündel von Defiziten zu betrachten. Jede neue Person bringt etwas mit, was die Gruppe dringend benötigt.

Alle uns bekannten Praxisbeispiele verweisen aber auch darauf, dass Basisorganisierung kräftezehrend ist und uns mit harten Widersprüchen konfrontiert. Einer dieser Widersprüche ist der zwischen Offenheit und Klarheit. Wie kann mit linken Inhalten auf Menschen zugegangen werden, ohne die Offenheit als Gruppe zu verlieren? Wie kann aktivistische Erfahrung genutzt werden, ohne die Tür für Ideen neuer Mitstreiter_innen zuzumachen? Wie kann eine Organisierung in die Tiefe aussehen, die uns alle praktisch besser, theoretisch geschulter und insgesamt versierter werden lässt, ohne für die Organisierung in die Breite die Barrieren zu erhöhen?

Diese Fragen sollten als Warnung vor reflexartigen Antworten verstanden werden, die am Ende nur zurück in die Nische führen. Versteckt euch und eure Ansichten nicht, aber formuliert sie konkret und ohne akademische Detailverbissenheit! Geht auf die Leute ein und hört ihnen mehr zu, als ihr selbst redet! Schmeißt Nazis raus, aber nehmt Zukunftsängste wahr! Denn am Ende motiviert nichts mehr als das ehrliche Angebot, gemeinsam gegen Armut und für soziale Gleichheit zu kämpfen und dabei die eigenen Lebensverhältnisse zu verbessern. Dass unter solchen Bedingungen Zukunftsängste kaum noch eine Rolle spielen, könnten die Menschen im Osten Berlins, auf Rügen oder in Erfurt bestätigen — wenn linke Gruppen sie fragen würden. Rassismus hätte damit keine Grundlage.•

(Wir danken drei weiteren Genoss_innen für ihre maßgebliche Mitarbeit am Text!)

  • 1. Transformatives Organizing ist ein Sammelbegriff für linke Ansätze der Basisorganisierung in Nord- und Südamerika. Es zeichnet sich durch ausdrücklich politische Forderungen und Analysen, durch politisierende Basis­arbeit, durch konfrontative Kampagnen und durch eine — nach innen und außen — grenzenlose Solidarität aus (Vgl. Maruschke 2014).