Axel Reitz ist häufiger Redner auf Neonazidemonstrationen. Hier im Gespräch mit anderen Neonaziaktivisten auf einem Neonaziaufmarsch am 3. Oktober 2003 in Leipzig. V.l.n.r.: Hartmut Wostupatsch, Axel Reitz, Yvonne Mädel, Gerd Ittner und Christian Worch
NS-Szene | AIB 70 / 1.2006 | 06.03.2006

Axel Reitz: Ein Neonazi-Kader unter der Lupe

Axel Reitz hatte es geahnt: Schon vor Prozessbeginn ließ er verlauten, dass er dieses Mal nicht so glimpflich davonkommen werde und mit einer Gefängnisstrafe rechne. Er sollte sich nicht täuschen. Als er am 9. September 2005 das Landgericht Bochum verließ, lastete eine Gesamtstrafe von zwei Jahren und neun Monaten auf seinen schmalen Schultern. Angeklagt worden war er wegen einer volksverhetzenden antisemitischen Rede, die er am 26. Juni 2004 auf einem von der NPD angemeldeten Aufmarsch gegen den Bau einer Synagoge in Bochum gehalten hatte.

Ein Sommertag des Jahres 2000 in einer Kneipe im hessischen Langen: »Nach oben, nach oben«, ruft der Neonazi-Altaktivist Thomas Brehl. Sein 17-jähriger Zögling soll beim Sprechen nicht stets zu Boden blicken. »Und dann so seherisch in die Ferne schauen, wie der Führer es getan hat«, verlangt Brehl. Drei Jahre später: Die rhetorische Niete von damals hat ihre Lektion gelernt – jedenfalls so gut, dass das Neonazi-Fußvolk johlt, wenn Reitz, inzwischen 20, ruft, »dass der letzte demokratisch gewählte, und meiner Meinung nach auch der letzte, rechtmäßige Kanzler des deutschen Volkes Adolf Hitler gewesen ist. Und ich würde an dieser Stelle bewusst lügen müssen, wenn ich sage, es wäre mir unangenehm, wenn dieser Mann heute die Geschicke Deutschlands in seinen Händen halten würde«.

Was ihm physisch an Größe und Kraft fehlt, kaschiert Reitz durch Verbalradikalität und indem er sich outfitmäßig abhebt vom Gros der Neonazis. Hemd, Krawatte und akkurater Scheitel sind obligatorisch und selbst an Hochsommertagen verzichtet er nicht auf den Mantel. Er tobt gegen »Neger, Alis, Mustafas« und gegen Antifas »von der Aids-Station«. Je radikaler, desto besser: »Wir müssen immer das bleiben, was wir sind: Nationalsozialisten und keine Nationaldemokraten«.

Der »Hitlerjunge Quex«

In Bergheim, vor den Toren Kölns ist Reitz aufgewachsen. Politisch startet er, Eigenangaben zufolge, mit 13 Jahren bei der »Jungen Union«, wechselt dann zum NPD-Nachwuchs, aber der ist ihm nicht radikal genug. Mit 15 ist er Mitbegründer der »Kameradschaft Köln«, schwingt sich zu deren Anführer auf. Benannt wird sie später nach einem Kölner SA-Mann: Walter Spangenberg. Reitz tritt der NSDAP/AO bei, von der er sich später vor Gericht wieder distanzieren wird, heute sei er »ein freier politischer Mensch«. »Quex« nennen ihn seine »Kameraden« – wie den Hitlerjungen im NS-Propagandafilm. Er verlässt nach der 10. Klasse die Realschule mit einem Hauptschulabschluss und hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Eine Ausbildung habe er, so Reitz, aufgrund seines schlechten Abschlusszeugnisses und seiner Schwerbehinderung als Diabetiker nie begonnen. Zu Hause fliegt er Anfang 2000 raus, seit einigen Jahren lebt er nun in Pulheim. Seinen Lebensunterhalt bestreite er, von Arbeitslosengeld II. Zudem erhalte er noch zirka 100 Euro pro Monat vom »Kampfbund Deutscher Sozialisten« (KDS) – allerdings nur für seine »Auslagen«.

Der »Gausekretär Rheinland«

Als sich der KDS im Mai 1999 bildet, gehört Reitz zu den Gründungsmitgliedern. Seine Kölner »Kameradschaft« tritt der neuen Organisation geschlossen bei. Das Pathos, das im KDS gepflegt wird, kommt Reitz entgegen. Die Titelsucht ebenfalls. Brehl ist der »Stabschef«, auf der Ebene darunter, wo Reitz zu finden ist, avanciert man zum »Gausekretär«. Auch die Ehrungen gefallen ihm. Kaum ein Mitglied bleibt ohne Auszeichnung, wenn es fehlerfrei die Krawatte binden kann. Reitz ist nun selbst in der Lage, Auszeichnungen huldvoll zu vergeben. Und der KDS garantiert ihm mehr Aufmerksamkeit. Eine Fernsehkamera surrt, als er Gegnern droht: »Die werden auf den Marktplatz gestellt und werden erschossen für das, was sie getan haben.« Er schließt seine Rede mit »Heil Hitler!«

Erst kürzlich verabschiedete sich der KDS übrigens mittels eines »revolutionären Manifestes« von seinem »in Anachronismus verhafteten Erscheinungsbild«, das von potenziellen Mitstreitern »als Relikt alter Tage wahrgenommen worden« sei. »Straff geführte Organisationsformen« seien »nicht mehr zeitgemäß«. Aus dem »Gauleiter Rheinland« wurde die »Kontaktperson« Axel Reitz. Man darf hier von einem Zugeständnis an die »Autonomen Nationalisten« ausgehen, mit denen Reitz eng zusammenarbeitet. Mehrere KDS-Aktivisten waren zuvor auch zu den »Autonomen Nationalisten« abgewandert. Aus geschniegelten und dem Führerprinzip verhafteten Braunhemdträgern und Michael-Kühnen-Fans, die bislang keine Scheu davor hatten, ihre Namen nebst Bild zu veröffentlichen, wurden vermummte »Autonome Nationalisten«.

Strategie und Störungen

Im Mai 2002 versucht Reitz, seine politische Strategie zu skizzieren. Während er die NPD-Postulate des Kampfes um die Straße und um die Köpfe teilt, hält er vom Kampf um die Parlamente wenig. »Sollen wir unsere Anklagen gegen die Missstände in diesem System in einer demokratischen Quasselbude erheben, wo sie vom Volke ungehört verhallen? (...) Wir sind dazu angetreten, Deutschland zu retten, nicht dieses System. Wir wollen ein gänzlich neues System, eine neue Ordnung.« Der »Schicksalskampf unseres Volkes und der Nation« werde auf den Straßen entschieden. »Unser Ziel ist die Versöhnung aller Klassen und Stände unseres Volkes.«

Trotz des Bekenntnisses zum NS und seiner Kritik an der real existierenden NPD: Eine Zusammenarbeit mit der Partei schließt das nicht aus. So nahm er am 1. Mai 2004 an der NPD-Demo in Berlin teil und nicht am zeitgleich stattfindenden Aufmarsch, den Christian Worch – dessen enger Parteigänger er ansonsten ist – in Leipzig organisierte. Auch die antisemitischen Äußerungen, die ihn jetzt hinter Gitter bringen dürften, fielen bei einer NPD-Veranstaltung. Selbst als Kandidat auf der Liste der NPD zur Landtagswahl in NRW war er im Gespräch – wurde allerdings von der Partei abgelehnt.

In Nordrhein-Westfalen gehört Reitz seit Jahren zu den Demo-Stammrednern. Auch bundesweit wird er immer häufiger angefragt. Längst gehört er zum Führungspersonal der Neonazi-Szene in NRW. Als Ende Juli 2004 erstmalig das neu gegründete »Aktionsbüro Westdeutschland« (ab-west) an die Öffentlichkeit tritt, ist er es, der gemeinsam mit dem Dortmunder Pascal Zinn die Gründungserklärung unterzeichnet. Seitdem ist er nicht mehr ›nur‹ als Redner auf Aufmärschen zu finden, sondern oftmals auch als Anmelder und zwischenzeitlich erfahrener Versammlungsleiter.

Das Urteil

Sehr zum Verdruss von Reitz und seiner den Prozess beobachtenden »Kameraden«, unter ihnen auch der Landesvize der NPD-NRW Claus Cremer, wurde Reitz wegen seiner Bochumer Rede zu einem Jahr und neun Monaten Haft verurteilt. Sein Verteidiger Markus Beisicht, Vorsitzender der extrem rechten »Bürgerbewegung Pro Köln«, hatte zuvor Freispruch beantragt. Aufgrund einer älteren Bewährungsstrafe erhöht sich das Strafmaß auf insgesamt zwei Jahre und neun Monate.

In ihrer Urteilsbegründung sieht die Kammer Reitz als Leitfigur der neonazistischen Szene an. In seiner Rede habe er hetzen und seine zutiefst antisemitische Gesinnung verbreiten wollen. Kritisiert wurden vom vorsitzenden Richter zudem die bisher gegen Reitz verhängten Urteile, die nie zu einer Gefängnisstrafe geführt hatten. Ob das Urteil Bestand haben wird, wird sich erst nach dem Berufungsverfahren zeigen. Bis zu dessen Abschluss kann es noch dauern. Bis dahin kann Reitz also erst einmal weitermachen, bereits einen Tag nach der Urteilsverkündung sprach er schon wieder auf einer Demo in Hamm/Westfalen. Die Polizei stoppte ihn jedoch und kündigte eine weitere Strafanzeige an, dieses Mal wegen Beleidigung von Repräsentanten der BRD.