Rezensionen | AIB 118 / 1.2018 | 25.06.2018

Antifeminismus in Bewegung. Aktuelle Debatten um Geschlecht und sexuelle Vielfalt

Juliane Lang, Ulrich Peters

„Volkstod“ und „Gender-Wahn“

Im Herbst 2014 schrieben Juliane Lang und Ulrich Peters im Antifaschistischen Infoblatt (AIB Nr. 104), dass „AntifeministInnen [...] sich unterschiedlichster Strategien und Aktionsformen im Ringen um gesellschaftlichen und politischen Einfluss [bedienen].“ Deutlich werde dabei aber, „dass Antifeminismus einen gemeinsamen ideologischen Bezugsrahmen mit Schnittmengen zwischen Konservatismus, religiösem Fundamentalismus und der extremen Rechten bietet.“ In den letzten zwei Jahren hat sich diese These bestätigt. Antifeminismus fungiert immer häufiger als verbindendes Moment zwischen den verschiedenen Spektren. Daher ist es nur sinnvoll, dass die beiden Autor_innen Anfang des Jahres einen Sammelband zum Thema herausgebracht haben.

„Antifeminismus in Bewegung. Aktuelle Debatten um Geschlecht und sexuelle Vielfalt“ versucht dabei sowohl einen Blick auf die verschiedenen antifeministischen AkteurInnen und ihre Aktionsformen zu werfen, als auch die Verbindungen zwischen den unterschiedlichen Gruppen zu beleuchten und gemeinsame Motive und Erklärungsmuster herauszuarbeiten.
Die ersten Beiträge beschäftigen sich zunächst überblicksartig mit dem Phänomen in Deutschland und Österreich und leiten so in das Thema ein. Es ist sinnvoll, dass dieser einführende Teil eher kurz gehalten ist, da es zum Thema Antifeminismus schon einige einleitende und das Phänomen erklärende Veröffentlichungen gibt.1

Spannender ist es zu erfahren, wie die einzelnen AkteurInnen ihre antifeministischen Thesen begründen und mit zum Beispiel rassistischen und/oder antisemiti­schen Erklärungsmustern verbinden. Gide­on Botsch und Christoph Kopke werfen in ihrem Artikel einen Blick auf die extrem Rechte und erklären, dass der Begriff „Volkstod“ immer schon mit biologistischen Ansichten verbunden ist: „Es ist daher nicht verwunderlich, dass der Kampf der extrem Rechten als ‚biopolitischer‘ Kampf geführt wird und stets geführt wurde. Dieser ist immer auch ein unmittelbarer Kampf um den Zugriff auf die Körper von Frauen (und Männern).“2 Jegliches Infragestellen heteronormativer und konservativer Vorstellungen von Familie, Geschlecht oder Sexualität sowie Debatten über das Recht auf Abtreibung werden als Bedrohung der bürgerlichen Kleinfamilie, der Keimzelle der Nation und somit als Angriff auf Nation und Volk verstanden.

Besonders fruchtbar ist die historische und über den deutschen Sprachraum hinausgreifende Perspektive des Beitrags. Aufschlussreich ist auch der Beitrag von Kevin Culina über das verschwörungsideologische Magazin „Compact“. Culina zeigt an Beiträgen verschiedener AutorInnen, wie antifeministische Argumentationen in das antisemitische Erklärungsmodell von „Compact“ eingebunden werden. „Ungreifbare Mächte [Feminismus; Anm. der Verf.] und elitäre Zirkel, die in strukturell antisemitischer Logik als eine Form der geheimen Weltregierung halluziniert werden, würden diese Strategie zur Zerstörung vermeintlich natürlicher Grundlagen der Gesellschaft vorantreiben.“3 Als Höhepunkt bezeichnet Culina den Besuch Jürgen Elsässers bei den „Besorgten Eltern“ 2014. Es sind gerade im Vordergrund stehende Einzelpersonen, die immer wieder zwischen den unterschiedlichen Spektren vermitteln. So verweist Kirsten Achtelik auf Personen wie Beatrix von Storch, Martin Lohmann und Alexandra Linder, die als Scharniere zwischen christlichen FundamentalistInnen, sogenannten LebensschützerInnen und der AfD fungieren. Die Debatten um Abtreibung oder sexuelle Aufklärung von Kindern zeigen, wie grundlegend Antifeminismus als Motiv für sowohl rechts-konservative als auch völkische Denkweisen ist.

Die drei ausgewählten Beiträge zeigen exemplarisch, dass das Spektrum der Anti­feministInnen ein weites ist, es jedoch Motive und Erklärungsmuster gibt, die diese miteinander verbinden. Der Sammelband ermöglicht so einen umfassenden Blick auf antifeministische AkteurInnen und Diskurse. Besonders interessant sind dabei die Analysen konkreter Phänomene, ihr Wirken innerhalb des antifeministischen Netzwerkes und die Verknüpfung mit anderen Ideologien gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.

Juliane Lang, Ulrich Peters (Hg.):
Antifeminismus in Bewegung.
Aktuelle Debatten um Geschlecht
und sexuelle Vielfalt
Marta Press, Hamburg 2018, 336 Seiten
ISBN: 9783944442525
20,00 Euro

  • 1. u.a. Hark, Sabine / Villa, Paula-Irene: Anti-Genderismus. Sexualität und Geschlecht als Schauplätze aktueller politischer Auseinandersetzungen, Bielefeld, 2015. / Wamper, Regina: Das rechte Geschlecht. Geschlechterkonstruktionen in extrem rechten Medien und deren Relevanz für das völkische Denken, Dissertation, Aachen: 2016. / Kemper , Andreas: Keimzelle der Nation? Familien- und geschlechterpolitische Positionen der AfD – eine Expertise für die Friedrich Ebert Stiftung, Berlin, 2014. / Rosenbrock, Hinrich: Die antifeministische Männerrechtsbewegung . Denkweisen, Netzwerke und Online-Mobilisierung . Eine Expertise für die Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin, 2012. / Kemper, Andreas: Die Maskulinisten. Organisierter Antifeminismus im deutschsprachigen Raum, Münster, 2012. / Claus, Robert: Maskulinismus. Antifeminismus zwischen vermeintlicher Salonfähigkeit und unverhohlenem Frauenhass, Berlin, 2014.
  • 2. Lang / Peters, S. 65.
  • 3. Lang / Peters, S. 96.