Johnny Bangerter von der Neonazi-Gang "Army of Israel". (Bild: Screenshot YouTube/CityWeekly)
International | AIB 45 / 4.1998 | 13.12.1998

Antifaschisten in Las Vegas ermordet

Am 4. Juli 1998 sind zwei antirassistische Skinheads in der Wüste bei Las Vegas ermordet worden. Anfang September 1998 verhaftete die Polizei einen 26jährigen Mann, der über gute Verbindungen zur Neonaziskinszene und zur militanten Neonaziskingruppe "Army of Israel" verfügt. Ende August 1998 organisierte die "Anti Racist Action" (ARA) eine Gedenkdemonstration für ihre beiden ermordeten Mitglieder in Las Vegas, an der sich ca. 200 Menschen beteiligten.

Daniel Shersty, ein weißer 21jähriger Flieger vom Luftwaffenstützpunkt Nellis und Lin Newborn, ein 25jähriger Afroamerikaner, der in einem Tattoo-und Piercing-Laden arbeitete, waren Mitglieder der "Las Vegas Unity Skins". Antirassisten sind der Ansicht, daß die Beiden in jener Nacht von zwei jungen Frauen in die Wüste gelockt wurden. Eine von ihnen war kurz vorher Kundin in dem Tattoo-Laden und hatte Newborn telefonisch ein Treffen vorgeschlagen. Shersty wurde 500 Meter vor der Autobahn in der Nähe seines Wagens gefunden. Ein Schuß hatte ihn mitten ins Gesicht getroffen. Newborn wurde einige hundert Meter weiter gefunden - offensichtlich erschossen, als er zu fliehen versuchte.

Erste Ermittlungsergebnisse

Am 9. September 1998 gab es mit der Verhaftung von John Edward Butler einen Durchbruch bei den Ermittlungen: Der 26jährige wurde wegen zweifachen Mordes angeklagt. Ihm wurde eine Waffe zugeordnet, die im Zusammenhang mit dem Mord an den beiden Antirassisten steht. Augenzeugen berichteten, daß sie Butler und zwei weitere Persoen vom Tatort hatten wegfahren sehen. Das Kennzeichen des Autos wurde Butlers Freundin Melissa Hack zugeordnet, die zusammen mit dem 19jährigen Joseph Michael Justin auch vor Ort gewesen sein soll.

Butler soll in Aktivitäten von rassistischen Skinheads in Las Vegas involviert gewesen sein. Außerdem sei er ein Vertrauter des lokalen Neonaziskin-Anführers Johnny Bangerter und seiner Gruppe namens "Army of Israel". Bangerter sitzt zur Zeit eine Haftstrafe wegen Waffenbesitzes ab.

Neonazi Organisierung in Las Vegas

Aktivitäten rassistischer Skinheads in Las Vegas haben zugenommen. Nur wenige Wochen vor den Morden hatten rassistische Skinheads einen Afroamerikaner bis nach Hause verfolgt und in seiner Wohnung auf ihn geschossen. Bewohner erwiderten das Feuer und vertrieben dadurch die Angreifer. Der Mord an Shersty und Newborn paßt jedoch nicht in die bisherigen Gewaltmuster von weißen rassistischen Skins. In den meisten Fällen war diese Gewalt spontan und durch Drogen und Alkohol gefördert. Die Morde vom 4. Juli 1998 könnten eine neue Qualität der Gewalt einläuten.

Las Vegas liegt an der Autobahn zwischen Orange County, California und St. George, Utah. Orange County ist seit Jahrzehnten eine Hochburg von Neonazigruppen. Im St. George-Zion Nationalpark gibt es einen Stützpunkt der Neonazi Skinheads um Johnny Bangerter und seiner schwer bewaffneten "Army of Israel". Bangerter war laut Berichten aus der regionalen Musik-Subkultur füher als "Johnny Bangs" Mitglied der Punk-Szene und spielte in der Punk-Band "Fuck, Shit, Piss". Er wandelte sich zum "Nazi-Punk" und dann zum Neonazi-Skinhead. Er gründete seine rechte Skinhead Gang namens "Vegas Skinheads". 1992 zog er von Las Vegas in den Nationalpark. Seine Gruppe wurde zu den "Christian Identity Skinheads" und später zu der "Army of Israel".

Bangerter und einige rassistische Skins der "Army of Israel" wurden 1992 von der Polizei festgestellt, als sie versuchten in Ruby Ridge (Idaho) Waffen zu dem vom FBI belagerten Rechtsextremen Randy Weaver zu schmuggeln. 1993 reiste Bangerter wohl auch Richtung Waco (Texas) um die belagerte "Branch Davidians" Sekte zu unterstützen. Kaum verwunderlich, das die "Army of Israel" mittlerweile eine Art Miliz darstellt, die ihr Waffentraining auch öffentlich abhält. Die Bangeter-Gruppe ist nicht die einzige paramilitärische Bürgermiliz in Utah. Das FBI sucht immer noch nach zwei Neo-Faschisten, die vor einigen Wochen einen Polizisten erschossen haben.

Angriffe von Neonaziskins nehmen zu

Zwischen nordamerikanischen "White Power"-Skinheads und antirassistischen Skinheads kommt es gelegentlich zu Auseinandersetzungen. Das nordamerikaweite Netzwerk "Anti Racist Action" (ARA), in dem auch antirassistische Skinheads mitarbeiten, berichtet von mindestens zwei Vorfällen in den letzten Monaten: Rassistische Skinheads stürmten in Louisiana die Wohnung einer antirassistischen Musikgruppe, zerstörten die Ausrüstung und hinterließen rassistische Slogans. In den kanadischen Städten Toronto und Montreal kam es zu schweren Schlägereien.

Das Geschäft mit der Neonazi-Musik boomt

Nach einer Zeit weit verbreiteter, spontaner Übergriffe in den 1980er und frühen 1990er Jahren sind die Neonazi-Skinheads zunehmend unter den Einfluß der neonazistischen "Hammerskins" geraten. Diese betonen den Aufbau straff organisierter Gruppen gegenüber der Ausübung beliebigen Straßenterrors durch lose Gangs.

Wie die englische Antifa-Zeitung "Searchlight" im Januar 1998 berichtete, konzentrieren sich die amerikanischen Neonazis zunehmend auf ihre eigenen »Arischen« Festivals und kommerzielle Aktivitäten.

Bis vor kurzem beherrschte das Neonazi-Musik-Label "Resistance Records" (Michigan) um George Burdi ("George Eric Hawthorne") und Marc Wilson, die Szene mit einem eigenen Zeitschriften und CD-Vertrieb (Vgl. AIB Nr. 41 und Nr. 43). Auch Propaganda von William Pierce's "National Alliance" (NA) wurde in der Neonazi-Skinheadszene verbreitet, nachdem George Burdi eine wirtschaftliche Allianz mit der NA eingegangen war.

Inzwischen hat sich Burdi etwas zurückgezogen und "Resistance Records" muß sich den CD-Markt mit "Wolfpack Records" und "Tri-State-Terror" um Ryan Huber teilen. Zu Hochzeiten von "Resistance Records" hatte Detroit eine zentrale Bedeutung für die Neonaziskin-Subkultur. Die Marktanteile im RechtsRock-Geschäft scheinen neu aufgeteilt zu werden. Zwischenzeitlich haben angeblich Jason Snow und Joe Talic aus Kanada die Geschäfte von "Resistance Records" übernommen. Mark Wilson wurde von dem neuen "Geschäftsführer" Eric Davidson abgelöst. Mittlerweile soll die Firma jedoch weiter an Willis Carto und Todd Blodgett übertragen worden seien.

Mittlerweile hat sich das Zentrum in den Nordosten der USA verschoben. Die "Atlantic City Skins" um Bryan Bradley sind wohl die stärkste rechte Skinhead-Gruppe mit rund 300 Mitgliedern in New Jersey und Pennsylvania. Die drei RechtsRock-Gruppen - "Aggravated Assault" um Warren Meickle, "Blue Eyed Devils" um Drew Logan und "Operation Ghetto Storm" - sind eng mit den "Atlantic City Skins" verbunden und geben ihnen zusätzlichen Einfluß.

"unpolitisch" statt "antirassistisch" ?

Ein neues "unpolitisches" Skinhead-Selbstverständnis hat die scharfe und nötige Abgrenzung zwischen Antirassisten und der "White Power" Fraktion aufgeweicht. Das heißt z.B., daß selbst sich »nicht-rassistisch«-nennende Skinheads (im Unterschied zu »antirassistischen« Skinheads) mittlerweile entspannt mit Neonazis zusammen Bier trinken gehen. Antirassistische Skinheads hingegen werden in der Szene eher gemieden, da sie daran festhalten, nichts mit Neonazis zu tun haben zu wollen.

Zum ARA-Netzwerk gehören trotzdem momentan immerhin 115 aktive Gruppen - viele davon haben sich erst vor kurzem gegründet. Im Sommer hatte ARA mit der Band "Mighty Mighty Bosstones" eine Tournee in 5O Städten organisiert.

(Dieser Artikel wurde uns vom "Searchlight"-Korrespondenten aus den USA zur Verfügung gestellt und vom AIB übersetzt und ergänzt.)