A. Paul Weber Gedenktafel. (Bild: de.wikipedia.org; Jan-Herm Janßen/CC BY-SA 3.0)
Gesellschaft | AIB 65 / 1.2005 | 12.03.2005

Antidemokrat und Hitlergegner

Politik im Leben und Werk des A. Paul Weber

Sein Name ist inzwischen etwas in Vergessenheit geraten, doch viele seiner Bilder sind als Klassiker der politischen Karikatur durchaus präsent. Sei es aus dem Geschichtsbuch »Hitler, ein deutsches Verhängnis«, oder eher aus der Verwendung im linken Bewegungskontext das Bild »Rückgrat raus«. Bilder, die selbstverständlich politisch sind, die jedoch auf den ersten Blick nicht den politischen Standpunkt ihres Schöpfers offenbaren. Erst seine Einordnung in einen sowohl zeitgeschichtlich-politischen, als auch ästhetischen Kontext ermöglicht eine politische Standortbestimmung des oft als antifaschistisch missverstandenen Zeichners Paul Weber.

A. Paul Weber gehörte zum antisemitisch-antidemokratischem Spektrum in der Weimarer Republik. Dies hinterließ seine Spuren auch in seinen Werken aus der Nachkriegszeit. Weber blieb keineswegs politisch unverstanden, was auch daran zu ermessen ist, dass sich seine Bilder bis heute in der extremen Rechten großer Beliebtheit erfreuen. Bis heute hält sich jedoch auch die Wahrnehmung Webers als eines unpolitischen oder gar linken, auf jeden Fall jedoch, »antifaschistischen« Zeichners.

A. Paul Weber wurde 1893 als Sohn kleinbürgerlicher Eltern im thüringischen Arnstadt geboren. Früh begann Weber zu zeichnen, seine schulischen Leistungen waren eher mittelmäßig. Prägenden Einfluss dürfte Webers Engagement beim Alt- und Jung-Wandervogel gehabt haben. In den diversen Bünden des Wandervogel sammelten sich Jugendliche und junge Erwachsene, um ihrer romantischen Naturverbundenheit Ausdruck zu geben. Doch Fahrten- und Naturabenteuer waren bei einem Teil dieser Bünde zugleich völkisch/national und antimodern determiniert. Weber war als »Führer« im Jung-Wandervogel aktiv. In dieser Zeit entstanden erste pathetische Zeichnungen für den Wandervogel. Nach dem Besuch der Kunstgewerbeschule in Erfurt begann er als Grafiker zu arbeiten.

Etablierung

Bei Ausbruch des ersten Weltkrieges meldete Weber sich als Freiwilliger zu einem Eisenbahnregiment, später wurde er »Kriegszeichner« für die »Zeitung der 10. Armee«. Neben Landser-Romantik schuf Weber in dieser Zeit auch Zeichnungen, welche die deutschen Kriegsziele verherrlichten. So die 1917 im der Jugendbewegung zuzurechnenden Verlag der Wanderschriften-Zentrale erschienenen Postkartenserien »Deutsches Kriegsziel«, »Heil Stoßtrupp« und »Die deutsche Frau in der Heimarmee«. Schon im Krieg ergaben sich erste Kontakte zu Erich Matthes, der ebenfalls dem Wandervogel und der völkisch-agrarromantischen Lebensreformbewegung angehörte. Matthes wollte mit seinem Verlag »den germanischen Gedanken und die Volkstumsbewegung fördern«. Zu den frühen Autoren gehörten u.a. der völkisch-rassistische Gobineau. Matthes schrieb damals: »Ich warf mich dann auf Rassenhygiene und Rassenpolitik (...) natürlich gab es einige Widerstande und Anpöbeleien deshalb, aber immerhin, die Bücher wurden damals leidlich verkauft«. Matthes und Weber verband das Arbeitsverhältnis ebenso stark, wie die gemeinsamen Wurzeln in der bündischen Wanderjugend.

Zu diesem Kameradenkreis gehörte auch Wilhelm Thost, mit dem Matthes den antisemitischen »Klassiker« »Die Sünde wider das Blut« von Arthur Dinter veröffentlichte. Weber zeichnete hierfür das Werbeplakat. Hier verwendet Weber die gängigen antisemitischen Stereotypen des »hässlichen Juden«, der als hakennasige Eule, hier als ein Symbol für kopflastige Intelligenz, dargestellt ist. Die dunkle Eule unterdrückt den blonden hellen Jüngling. Die hell/dunkel Aufteilung der Grafik unterstützt die antisemitische Ikonographie des Bildes. Antisemitische Stereotypen finden sich in einer Reihe von Webers Graphiken. So auch in dem ebenfalls bei Matthes erschienenen Buch »Der Zeitgenosse. Mit den Augen eines alten Wandervogels gesehen« von Hjalmar Kutzleb.

In dem 1922 veröffentlichten Buch macht Kutzleb Juden als die Schuldigen für den verlorenen Weltkrieg aus. Der Jude sei es gewesen, der durch sein Werk dem »im Felde unbesiegte(n) deutsche(n) Heer« den Dolchstoß versetzte. Weber illustriert den Band mit den bekannten Stereotypen. Der deutsche Soldat, aufrecht stehend und hell, der Jude gekrümmt, verschlagen von hinten kommend, dunkel und intellektuell.

Eine Darstellung, die sich so auch in dem populärem Werk »Ernstes und Heiteres aus dem Putschleben« des ehemaligen Sturmbataillonführers des Freikorps Ehrhard Manfred von Killinger findet. Weber illustrierte dieses 1928 in der »Vormarsch-Bücherei« erschienene antisemitische Werk. Hiervon erschienen bis 1942 neun Auflagen. Allerdings erschein der Band ab 1930 im Eher-Verlag, dem Zentralverlag der NSDAP. Zwar wird Weber seiner politischen Tätigkeit wegen in späten Auflagen nicht mehr erwähnt, seine Illustrationen waren dem NS-Regime jedoch genehm.

Widerstand

1928 schloß sich Weber dem sog. Widerstandskreis um Ernst Niekisch an, illustrierte dessen Zeitschrift und entwarf das Signet dieser Bewegung. Seit 1926 gab Ernst Niekisch die Zeitschrift »Widerstand« heraus. Niekisch, der, aus der SPD kommend, sich zum radikalen Nationalisten entwickelte, war ein führender Kopf der natio­nalrevolutionären Strömung im sogenannten »Neuen Nationalismus« der Weimarer Zeit. Im Gegensatz zu den Nationalsozialisten sah der Nationalrevolutionär Niekisch die Zukunft des Deutschen Volkes im Osten.

Für Niekisch wurde der Osten, speziell die kriegskommunistische Phase Sowjetrusslands in den 1920er Jahren, zum Gegenbild zur westlichen Dekadenz und Weichheit. Niekisch propagierte ein Konzept der Deindustrialisierung und des Landlebens, gemischt mit dem Gedanken der »Wehrhaftigkeit« und eines imperialen Drangs nach Osten. Die Bezugnahme auf antimoderne, autoritäre Agrarromantik, zu Blut und Boden und zur Natur sollte für die spätere Bewertung des Werk Webers präsent bleiben. Schon Ende der 1920er Jahre hatte Weber Kontakt zur Landvolkbewegung und entwarf das Titelblatt der Zeitschrift »Blut und Boden«.

In Niekischs Denksystem waren die Nationalsozialisten nicht radikal genug, es mangle ihnen an Konsequenz. Mehrfach warf er ihnen »Parlamentarismus« vor. So formulierte er 1932 in »Hitler – ein deutsches Verhängnis« im Bezug auf die Politik Hitlers 1930 »er marschierte nicht, sondern watete in den Sumpf des Parlamentarismus.« Die Illustrationen des Buches, in dem Niekisch Hitlers Politik verhöhnt, stam­men von Weber und gehören zu dessen bekanntesten Werken. Sie dienen immer wieder als Belege für dessen angeblich fast visionären Antifaschismus. Nur im Kontext der »Widerstands-Ideologie« Niekischs wird jedoch deutlich, dass es sich dabei um eine Kritik an der NS-Bewegung von rechts handelt.

Wenn Weber den Nationalsozialismus in der Federzeichnung »Deutsches Verhängnis« als Massengrab darstellt, so ist dies nicht, wie so oft gedeutet, als eine visionäre Prophetie bezüglich der Opfer des Nationalsozialismus zu verstehen. Die Zeichnung kritisiert damit vielmehr das politische Konzept des legalen Weges des Nationalsozialismus zur Macht, das im »Widerstandskreis« Niekischs als politische Sackgasse und letztlich im westlichen Wertesystem gefangen beschrieben wurde. Niekisch kritisiert den nicht stattgefundenen Bruch der NS-Bewegung mit dem alten Nationalismus der bürgerlichen Gesellschaft von rechts. Für Niekisch ließ sich Hitler zu stark auf die alten Eliten ein, statt einen von Niekisch gewünschten Kasernenhofsozialismus politisch zu realisieren. Niekisch redet von »denaturierte(m) Nationalismus für deutsche Haustiere« und behauptet über Hitler, »er geht indes dem Volk nicht voran.«

Und so ist es die »Deutsche Revolution«, die in Webers Bild mit wehenden Hakenkreuzfahnen ins Grab wandert. Weber illustriert eine Vielzahl der im Widerstands-Verlag erschienenen Bücher. Ab 1931 ist er Mitherausgeber von Niekischs Widerstand Zeitschrift. Er illustriert jedoch nicht nur die Schriften anderer; mit der Mappe »Grenzkampf« bezieht er 1932 selbst deutlich Stellung. Im Vorwort zu dieser schreibt H. Baethge: »Die Holzschnitte sind von A. Paul Weber als Bausteine für den deutschen Grenz­kampfbund geschaffen; sie sollen eine Ausweitung der Tätigkeit dieses Trägers des deutschen Grenzkampfes ermöglichen...« Wurden solche Töne von den Nationalsozialisten gern gehört, so forderte die rechte Kritik an Hitler doch die Reaktion des NS-Staates heraus. Im Jahr 1937 werden 70 Personen der Widerstands-Gruppe verhaftet, darunter auch Weber. Seinen sechsmonatigen Gefängnisaufenthalt beschreibt dieser jedoch als Verweilen in einem »anregenden Atelier«. Der Inhalt von Webers Zeichnungen gefiel und so wurde er als Propagandist wertvoller als im Gefängnis. Weber kann in die USA reisen, zeichnet für den »Illustrierten Beobachter« und für den NS-Kurier. 1944 wird Weber eingezogen und arbeitet für die Wehrmacht als Kartenzeichner weit hinter der Front. Er versucht jedoch dem Dienst zu entkommen und präsentiert seinen Vorgesetzten die britischen Bilder als Beweis seiner Linientreue und seiner propagandistischen Be­deu­tung. Die britischen Bilder stellen einen Zyklus von ca. 50 Motiven dar, in denen Weber die Briten als fette Börsenmakler, mordende Imperialisten und Vertreter einer todgeweihten Zivilisation darstellt.

Kontinuität

Nach dem Krieg arbeitete Weber problemlos weiter. In seinen Werken fällt auf, dass sie politisch nahtlos an sein Schaffen vor 1945 anknüpften. So die 1948 entstandene Federzeichnung »Die Diskussion im Boot«. Sieben Männer diskutieren in einem vom Untergang bedrohtem Boot, anstatt die Ruder zu ergreifen, und das Boot auf Kurs zu bringen. Die Botschaft ist klar: Parlamentarismus als Quasselbude in einem besetzten Land. Kaum anders, als dass Deutschland besetzt und von der Umerziehung der Alliierten bedroht ist, lässt sich Webers Lithographie »Rückgrat raus!« deuten. Den Deutschen wird ihre Identität, ihr Rückgrat entfernt.

Das 1951 veröffentlichte Bild lässt sich als das zeichnerische Pendant zu dem im gleichen Jahr veröffentlichten Roman »Der Fragebogen« von Ernst von Salomon deuten, der die Reeducation- und Entnazifizierungspolitik der Amerikaner anprangert. Doch Webers ideologische Orientierung steht im Widerspruch zur Zeit. Westbindung an die USA und Feindschaft gegen den Osten sind seine Sache nicht. Weber zeichnet Tierbilder und Bilder der zerstörten Natur und Gesellschaft. Bilder, die später im Rahmen der Ökologie und Umweltschutzbewegung populär wurden. Er kritisiert die Ellbogengesellschaft als eine der Bonzen und zeichnet die Gesellschaft der »Bild«-Leser als Schafe. Kein Wunder, dass er bis in die Linke hinein Anerkennung fand. So erschien 1979 bei Elefanten-Press, vielen vermutlich noch durch die Antifa-Edition bekannt, das Buch »Kunst im Widerstand. A. Paul Weber. Politische Zeichnungen seit 1929. Zum Problem von Humanismus und Parteilichkeit.«, welches Weber stringent in einen antifaschistischen Kontext rückte.

Betrachtet man Webers politische Umgebung und sein Werk im Zeitkontext, so muss er als Antidemokrat, Zivilisationskritiker, Antisemit und rechter Gegner Hitlers bezeichnet werden. Teilaspekte dieser Inhalte waren mehr oder weniger stark auch nach 1945 in seinen Werken präsent. Wurde Weber im Rahmen der Neuen Sozialen Bewegungen weit über die Rechte hinweg rezipiert, so beschränkt sich seine Verwendung in letzter Zeit auf Publikationen der Rechten, wie »Deutschland in Ge­schichte und Gegenwart« oder die »Junge Freiheit«. Vermutlich werden Webers Bilder in der Linken nicht deshalb nicht mehr verwendet, weil seine inhaltlichen Positionen erkannt wurden, sondern da seine Bilder in ihren inhaltlichen Aussagen gerade nicht aktuell sind.

Dass Weber teilweise ein antifaschistisches Image zugeordnet wurde, zeigt die Verkürzung, mit der Teile der Linken die nicht am NS orientierte extreme Rechte betrachten. Webers Werk dokumentiert seine An­hängerschaft zu einer mit dem Nationalsozialismus konkurrierenden autoritären politischen Strömung, welche die Demokratie genauso verachtete wie die Nazis. Leider wird das Wesen gerade dieser rechtsextremen nationalrevolutionären Gruppen zu selten beachtet, was das Entstehen von Widerstandslegenden begünstigt. A. Paul Weber taugt weder als politisches, noch als kulturelles Vorbild, sondern ist ein Musterbeispiel dafür, wie durch inhaltliche Verkürzungen Fehlinterpretationen entstehen.