Rezensionen | AIB 125 / 4.2019 | 25.03.2020

A

A ist ein wortloser – ein stiller – Comic von Pavel Čech. Dargestellt wird die Geschichte einer Diktatur. Einer Diktatur des Buchstaben A.

Pavel Čech

Alle Menschen sehen gleich aus. Sie tragen Mützen mit Nummern, die sie identifizieren. Sie stehen in langen Schlangen, um für Essensmarken Nahrung zu erhalten, beo­bachtet von Uniformier­ten, mit kläffenden, an ihren Leinen ziehenden Hunden. Die Tageszeitung hat nur ein Thema: A. Es gibt keinen anderen Buchstaben. An Straßensperren werden Pässe kontrolliert, durchgelassen werden nur diejenigen, die das A im Pass haben. Auch in den Sprechblasen der PassantInnen ist alleinig der Buchstabe A zu sehen. In der Schule, auf Landkarten, durch Lautsprecher, die über die Stadt verteilt sind – A, A und nochmal A.

Wir folgen einem Protagonisten – 21868 – durch die von A beherrschte, graue Welt. Nachts träumt er davon, zu fliegen. Am Tag klettert er auf einen Turm, blickt über die Stadt, es ist ein dystopischer Anblick: Zwischen martialischen Statuen und rauchenden Fabriken steht ein Gebäude in Form eines As und überragt die ganze Stadt.
Abends arbeitet 21868 an seinen selbst­gebauten Flügeln. Wieder träumt er davon, aus der Welt von A fort zu fliegen. Durch laute Geräusche wird er in der Nacht geweckt. Er schaut aus dem Fenster auf die Straße. Wir können durch die Wand des gegenüberliegenden Gebäudes schauen. Uniformierte stürmen die Wohnung eines bärtigen Mannes. Er wird geschlagen und verhaftet. Im letzten Moment lässt er einen Papierflieger aus dem Fenster fallen. 21868 wird ihn am nächsten Tag finden. Er faltet den Flieger auseinander. Erschrocken blickt er auf das Papier, auf dem der Buchstabe B zu sehen ist. Er berichtet einem Kollegen von B. Doch dieser erwidert nur A. Kameras und Mikrofone überwachen die Menschen. Nun wird 21868 gesucht, verfolgt, in die Enge getrieben. Es wird auf ihn geschossen. Doch 21868 kann fliehen. Die Flügel hat er an sein Fahrrad montiert und so kann er die Grenzen von A überwinden.

Er gelangt in eine bunte Welt. Der Himmel ist blau, die Wiese grün, Menschen machen Kunst und sind frei und glücklich. Auch 21868 blickt zufrieden in den Sonnenuntergang. Es wird Herbst, es wird Winter, es wird Frühling und 21868 kehrt zurück nach A. Er fliegt mit seinem Fahrrad über die Grenze und wirft Bücher über A ab. Bücher, deren Titelblätter jeden Buchstaben des Alphabets tragen.

Pavel Čech ist unter anderem Autor von Kinderbüchern. Auch A funktioniert als Kinderbuch. Der Comic ist plakativ, aber eindrücklich. Toll gezeichnet, zeigt der Comic die triste Welt einer Diktatur.

Die Widmung am Ende des Comics an den Mann mit den Taschen wird im Vorwort erklärt: „Der Mann mit den Taschen stellte sich am 5. Juni 1989, dem Tag nach der gewaltsamen Niederschlagung der chinesischen Demokratiebewegung durch das Militär, einer Panzerkontrolle in den Weg und brachte diese für einen Moment zum Stillstand.“

Direkt im Anschluss informiert ein kurzer Text über den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei am 21. August 1968 und damit über das Scheitern des Versuchs, einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ zu schaffen. Während die erste Anmerkung durch die Widmung Čechs am Ende des Comics nahe liegt, scheint die zweite durch den Geburtsort des Autors motiviert. Brno war zur Zeit des tschechoslowakischen Sozialismus eine bedeutende Industriestadt. Die Analogie bleibt jedoch ambivalent. Könnte man zunächst denken, dass A hier mit dem Sozialismus gleichgesetzt wird, verweist das genaue Datum jedoch auf die Niederschlagung des Prager Frühlings – also auf den Versuch, einen emanzipatorischen, demokratischen Sozialismus zu schaffen. Es wird nicht klar, um welche politische Form es sich bei A handelt.

Eine Ambivalenz, die schwierig zu fassen ist: Einerseits fasziniert der Comic durch seine wortlose, eindringliche Darstellung einer Diktatur, andererseits bleibt die Darstellung kontextlos und Inhalte werden ausgespart. So bleiben die Herrschaftsverhältnisse leer. Wer hier wen und  warum unterdrückt, erfahren wir nicht.

Pavel Čech:
A
Graphic Novel
Alibri Verlag
56 Seiten, gebunden, 16.- Euro
ISBN 978-3-86569-311-2