Das Vertrauen von Christian Worch (mitte) zu Thomas Wulff (links) war zeitweilig gestört.
NS-Szene | AIB 53 / 2.2001 | 31.08.2001

„Wenn ich Führer von Deutschland wär...“

»Vielleicht übersteigt es ja die Vorstellungskraft vieler Journalisten, aber Demonstrationsanmelder sind bei uns nicht automatisch die großen Zampanos. Auch in Hamburg marschiert nicht der Worch mit ›seinen‹ freien Nationalisten, sondern wir alle gemeinsam - auch Worch«1 So steht es in einer Pressemitteilung des neonazistischen »Aktionsbüro Norddeutschland« vom 17. Februar 2001 über einen durchgeführten Neonazi-Aufmarsch in Hamburg. 

Der Neonazi-Führer Christian Worch, als »Zampano« bezeichnet und zurechtgewiesen, reagierte. Er kanzelte den vermeintlichen Autor der Pressemitteilung, Tobias Thiessen, mit Kommentaren wie »Du ziehst radikale Äußerungen dem wirklich radikalen Denken vor«2 ab. Es entstand eine Schlammschlacht, deren Hintergrund ein Machtkampf innerhalb der Führungsebene der »Freien Nationalisten« ist. Enthüllt werden so interessante Details aus dem Innenleben der norddeutschen NS-Szene.

Internes aus der »Bewegung«

»Am Anfang war Michael Kühnen. Er war einer der drei klügsten Menschen, die ich in meinem Leben kennengelernt habe,« schreibt Worch über seinen Ziehvater, den »informellen Führer der Bewegung«, der 1991 an AIDS verstarb. »Kühnen trat 1977 mit einem politischem Konzept in die Öffentlichkeit, dessen Grundzügen auch heute noch jeder Freie Nationalist folgt, auch wenn vielen das nicht einmal bewußt ist.« Mit diesem Satz bestätigt Worch die Kontinuität der von Kühnen gegründeten »Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front« (GdNF) zumindest in Inhalt und Strategie.

Laut Worch spaltete sich damals die Neonazi-Bewegung »wegen einer Debatte um Kühnens Privatleben, sprich seiner vermuteten oder tatsächlichen homosexuellen Neigungen«. Es kann halt nicht sein, was nicht sein darf. Diese so genannte »Schwulendebatte« teilte die Neonazis in zwei Lager. »Es gab eine Spaltung. Eine höchst massive Spaltung. Von daher rühren noch alte Zwistigkeiten zwischen Christian Malcoci und mir«. Dabei war gerade Malcoci, der zur Zeit eine der Führungsfiguren in NRW ist, besonders wichtig; »Als Gerhard Lauck 1995 in Dänemark verhaftet und später an die BRD ausgeliefert wurde, beauftragte er Christian Malcoci mit der Regelung seiner persönlichen Angelegenheiten. Malcoci nahm den Auftrag an.« 3.

In seinem Schreiben belegt Worch nochmals den Organisationscharakter der angeblich »Freien Kameradschaften«. So berichtet er von Koordinierungstreffen und einer »freiwilligen Selbstverpflichtung« welche die Basis der Zusammenarbeit sei. Die Strukturen sind hier nicht mehr »frei« und »informell« sondern recht formal. So berichtet Worch z.B. über einen »Antrag von Manfred Börm, die Lokalwahl des Unabhängigen Wählerkreises in Lüneburg zu unterstützen«. 4.

Während seiner Haftzeit 1997 scheint Worch die Kontrolle über die Struktur verloren zu haben. In jener Zeit wurde, unter tatkräftiger Mithilfe von Tobias Thiesen das »Aktionsbüro Norddeutschland« gegründet, welches eine wichtige Rolle in der Neonaziorganisierung einnimmt. Worch schreibt hierzu: »Die unabhängigen Gruppen haben nicht Kraft Beschlusses oder Kraft einer Satzung oder Kraft was auch immer den Terminverpflichtungen des ›Aktionsbüros‹ damals absolute Priorität eingeräumt, (...) sondern weil es als Institution tatsächlich einmalig war.«

Worch sah dadurch seine eigene Position angegriffen. Er begann, eine Parallelstruktur aufzubauen. »Und dann kam ich im September mit diesem Terminzetteln. Damit war die Einmaligkeit weg, damit war der Charakter der ›Institution‹ weg.« Die »Freien Kameradschaften« boomen, dabei gibt es zur Zeit keinen unumstrittenen Anführer. Das schafft Begehrlichkeiten, Neid und Missgunst. Auch unter guten Kameraden von Worch: »Da war geschehen, was ich nie für möglich gehalten hätte (...): Daß Thomas Wulff gelogen hatte.« »Das zerstörte Vertrauen konnte nicht wieder hergestellt werden.« 5.

Worch scheint sich seiner Berufung als Anführer sicher zu sein: »Denn ich kann alles tun, was du tust; aber wieviel von dem was ich tue, könntest du tun?« schreibt er Thiessen und zieht über das Neonazi-Zeitungsprojekt »Zentralorgan« her. »Das Zentralorgan war mir noch nicht einmal wert, darin auch nur meinen Namen als Autor oder Mitarbeiter gedruckt zu sehen.« Der Streit dokumentiert eindringlich die Machtbesessenheit und Skrupellosigkeit in der Szene. Es ist keine »Privatangelegenheit« sondern Ausdruck der Führerideologie und des Hierachiedenkens innerhalb der Neonaziszene. Bleibt zu hoffen, dass sich die Führungskader erst einmal mit ihren Streitigkeiten beschäftigen, statt anderweitig Unheil anzurichten.

  • 1. www.widerstand.com
  • 2. Alle Zitate Worchs stammen aus einem an Tobias Thiessen gerichteten Schreiben vom 25. Februar 2001, welches offenbar innerhalb der Neonazi-Szene kursiert und dem Antifaschistischen Infoblatt (AIB) zugespielt wurde.
  • 3. Anmerkung der Redaktion: Gerhard Lauck gründete in den USA die NSDAP/AO
  • 4. Anmerkung der Redaktion: Manfred Börm war Funktionär der „Wiking Jugend“ und ist mittlerweile für die NPD tätig
  • 5. Anmerkung der Redaktion: Thomas Wulff war u.a. Gründer und Chef der verbotenen Hamburger Neonazi-Partei Nationale Liste