Antifa | AIB 114 / 1.2017 | 03.07.2017

„Antifa zu sein war kein Hobby sondern Lebensrealität“

Vor 30 Jahren gründete sich die erste Antifagruppe in der noch bestehenden DDR. Ausgangspunkt waren Angriffe von Neonazis auf ein Punkkonzert in der Ostberliner Zionskirche im Oktober 1987. Über Antifa im Osten sprachen wir mit den Herausgeber_innen des jüngst erschienenen Sammelbandes "30 Jahre Antifa in Ostdeutschland".

AIB: Wie kamt ihr auf die Idee, ein solches Buchprojekt zu beginnen und wie gestaltete sich die Spurensuche?

Herausgeber_innen: In den letzten Jahren sind so einige Bücher und Artikel erschienen, die ganz unterschiedlich auf die Antifa-Bewegung schauen und teilweise versuchen, ihre Geschichte niederzuschreiben. Dabei ist Antifa jedoch sehr facettenreich und bringt verschiedenste Ansätze und Strömungen zusammen. So etwas wie eine Geschichtsschreibung der Bewegung kann es kaum geben. Wir, die wir in der ausgehenden DDR geboren und im post-sozialistischen Osten aufgewachsen sind, fanden uns in den Darstellungen kaum wieder. Unsere Sozialisation, der politische Umbruch und die allgegenwärtige Präsenz von Neonazis passten nicht so recht zu den K-Gruppen, Spaltungslinien und Strategiedebatten der westdeutschen Antifa. Umgekehrt scheint für diese die Geschichte und der Eigencharakter der ostdeutschen Aktivist_innen nur wenig anschlussfähig gewesen zu sein. Bis auf Lagerfeuergeschichten, wie Anfang der Neunzigerjahre die besetzten Häuser gegen Neonaziangriffe verteidigt wurden und ein paar wenigen Artikeln, gab es zudem weder eine ostspezifische Bewegungs- noch eine Wissenschaftsperspektive darauf.
Als wir mit dem Buch begannen, schien es, als würden wir nur über Vergangenes schreiben, aber die Explosion rassistischer Gewalt und der Aufschwung der extremen Rechten in den letzten Jahren, machte schnell deutlich, dass der Blick zurück auch für die Gegenwart relevant wird. Mit dem Projekt können wir Erfahrungen und Wissen für die politische Praxis und Debatte weitergeben. Schon der NSU und die Aufarbeitung von militanten Neonazistrukturen seit den frühen Neunzigerjahren zeigte, wie wenig über die damalige politische Situation heute bekannt ist.

Die Gespräche mit den damaligen und noch heutigen Aktivist_innen, die Sichtung alter Dokumente und Literaturrecherchen — im Archiv des apabiz, im AIB, Antifa-Infoblatt Ost, telegraph oder auf www.nazis-antifa-ddr.de — haben zahlreiche Informationen geliefert und uns im Vorhaben bestärkt. Für uns ist der Sammelband eine Verbindung von Politik und Wissenschaft. So sind darin engagierte Aktivist_innen, Journalist_innen und kritischen Wissenschaftler_innen vertreten, die genau die Vielschichtigkeit der Bewegung und der Analysen von ihr selbst und über sie, deutlich machen. Sie alle haben ihre eigenen Zugänge zum Thema eingebracht und bilden ein Potpourri an Perspektiven.

AIB: Welche Spektren werden abgebildet und wie waren diese organisiert?

Herausgeber_innen: Vor 30 Jahren gründete sich die erste Antifagruppe in der noch bestehenden DDR. Ausgangspunkt waren die Angriffe von Neonazis auf ein Punkkonzert in der Ostberliner Zionskirche im Oktober 1987. Ihr folgten weitere Gruppen im ganzen Land, anfangs vor allem im damaligen Freiraum der Kirche, die auf die zunehmende neonazistische und rassistische Gewalt aufmerksam machten. Das Spektrum reicht(e) von Punks, Hausbesetzer_innen und militanten Antifas zu eher bündnis- und zivilgesellschaftsorientierten, und später auch explizit antideutschen Aktivist_innen. In Kleinstädten und ländlichen Regionen waren und sind sie oftmals „Allround­akti­vist_innen“: Hausprojekt und Anti-Nazi-Arbeit gehen einher mit Gedenk-, Kultur- und Bildungsarbeit sowie kommunalpolitischem Engagement.
Zu Beginn der Neunzigerjahre hatte die Abwehr von Neonaziangriffen und die Verteidigung der eigenen Person höchste Priorität und drängte somit andere politische Debatten in den Hintergrund. Dabei verstanden sich die unterschiedlichen Aktivist_innen nicht immer als Antifa. Als kleinster gemeinsamer Nenner verbanden die Aktionen gegen Neonazis sowohl Punks, Bürger_innen und Hausbesetzer_innen. Antifa reichte vom alltäglichen Leben, über lose Zusammenhänge bis zu festen Gruppen. Organisierung als leitendes Paradigma, das damals von der „Antifaschistischen Aktion/Bundesweite Organisation“ verfolgt wurde, weicht hier stärker einem notwendigem Pragmatismus, loser Vernetzung und gegenseitiger Unterstützung.

AIB: Wie gestaltete sich das Verhältnis der Aktivist_innen zum „antifaschistischen Staat“ DDR?

Herausgeber_innen: Die unabhängigen Antifa-Aktivist_innen verstanden sich als oppositionelle Kraft und kritisierten die Ignoranz der DDR-Obrigkeit und der Gesellschaft gegenüber dem seit Anfang der Achtzigerjahre stärker werdenden Neonazismus. Sie wollten durch öffentliche Aktionen auf das Problem aufmerksam machen. Als Teil einer demokratischen Oppositionsbewegung forderten sie politische Veränderungen des autoritären SED-Staates. Der Beitrag von Dietmar Wolf in unserem Sammelband zeigt dabei deutlich, wie dieser darauf reagierte: Von Abwiegeln über Einschüchterungsversuche, bis hin zu Überwachung und Unterwanderung von Antifa-Gruppen durch das Ministerium für Staatssicherheit (Stasi). Anhand von Akten wird deutlich, wie die Stasi in Dresden, Potsdam und Berlin die Antifa als Störende wahrgenommen und bekämpft hat. Mit dem Ende der DDR 1989/1990 suchte die Staatsführung zwar plötzlich die Zusammenarbeit, doch die Aktivist_innen lehnten ab.
Besonders überrascht hat uns am Verhältnis von Antifa und DDR vor allem der Blick aus dem Westen: Kaum Interesse, unzutreffende Analysen und eine unkritische Bezugnahme auf die DDR-Regierung. Der Sammelband beleuchtet aber vor allem die Anfänge der Neunzigerjahre, es gibt also noch einiges Potenzial für weitere Analysen über die Zeit davor und danach.

AIB: Welche Einblicke konntet ihr in die theoretische und praktische Antifa-Politik in Ostdeutschland gewinnen?

Herausgeber_innen: Das Buch wirft Schlaglichter auf verschiedene Themen. In den Anfängen spielen das eben schon erwähnte Verhältnis zur DDR, das Erkämpfen von politischen Freiräumen durch Hausbesetzungen, und das Verhältnis zwischen Ost- und West-Antifa eine Rolle. Die verschiedenen Ansätze unserer Autor_innen ermöglichen Einblicke in Politisierungspfade, das Erleben von rechter Gewalt und die Herausbildung militanter Selbstverständnisse sowie die damit verbundene Auseinandersetzung um Handlungsräume. Bildungsarbeit, Gedenkpolitik, aber auch Debatten um die Rolle von Feminismus, die antideutsche Szene sowie Dissens und Chancen von Kooperationen zwischen Antifa und Zivilgesellschaft werden thematisiert.
Schwierig und wohl symptomatisch für die Bewegung war es, Autor_innen zum Thema Feminismus zu gewinnen. In Gesprächen sagten die Aktivist_innen, dass sie sich als gleichberechtigt fühlten und kaum Notwenigkeit sahen, Sexismus in den eigenen Reihen zu thematisieren. Mit dem Blick von heute fällt das hohe Maß an politischem Engagement und lebensweltlicher Bezüge auf: Antifa zu sein war kein Hobby sondern Lebensrealität. Verteidigung stand vor Theoriedebatte und der Konsens gegen Neonazis vor Grabenkämpfen. Nachdem die rechte Hegemonie Mitte der Neunzigerjahre zeitweise zurückgedrängt werden konnte, setze eine Ausdifferenzierung ein: Auf der einen Seite Erschöpfung und Resignation, die dazu führte, dass Aktivist_innen aufhörten, politisch aktiv zu sein. Auf der anderen Seite eine Verstetigung und Entfaltung von politischen Initiativen, wie Haus- und Kulturprojekten, Vereinen und der Aufbau zivilgesellschaftlicher Strukturen, die bis heute bestehen.

AIB: Lassen sich eurer Meinung nach Erfahrungen für aktuelle Antifa-Organisierung nutzbar machen?

Herausgeber_innen: Die derzeitige rassistische Stimmung wird oftmals mit den Neunzigerjahren verglichen, sodass es sich durchaus lohnt, den Blick zurückzuwerfen. Die Antworten auf die Frage, wie Aktivist_innen damals gehandelt haben, kann zwar nicht eins zu eins übernommen werden, weil die gesellschaftlichen Verhältnisse andere sind und insbesondere Repressionen des Staates heute stärker sind, aber sie können helfen, neue Strategien zu entwickeln und auch mutiger zu sein. Eins ist klar: Generationsbrüche in der Antifa sind ein Problem, Wissen wird nicht weitergeben und Debatten werden stets aufs Neue geführt. Dabei können wir viel aus den Erzählungen und Analysen lernen. Ein kritischer und zugleich konstruktiver Umgang mit den Erfahrungen kann helfen, auch die Organisierung der Antifa weiterzudenken, mit historischen Verbindungslinien und zugleich als facettenreiches ‚Projekt‘ der Gegenwart. In diesem Sinne will unsere Verbindung von Bewegung und Wissenschaft auch einen Dialog ermöglich, um gegenseitig und miteinander Perspektiven zu entwickeln. Ob das gelingt, bleibt abzuwarten.

30 Jahre Antifa in Ostdeutschland — Perspektiven auf  eine eigenständige Bewegung
Christin Jänicke, Benjamin Paul-Siewert (Hrsg.)
ISBN: 978-3-89691-102-5
ca. 200 Seiten
Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster

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