(Bild: Umbruch Bildarchiv)
Rassismus | AIB 92 / 3.2011 | 15.09.2011

»Was wollen die schon wieder hier?«

Ein im September 2011 vom AIB geführtes Interview mit den ehemaligen Vetragsarbeiter Manuel Nhacutou (MN) aus Mosambik sowie Emmanuel Adu Agyeman (EA) und Emmanuel Gärtner (EG), die 1991 unabhängig voneinander aus Ghana geflüchtet waren und zum Zeitpunkt der Angriffe in einem der Wohnheime in Hoyerswerda lebten.

Am Nachmittag des 17. September 1991, einem Dienstag, überfielen Neonazi-Skinheads vietnamesische Händler in Hoyerswerda. Nachdem einige von ihnen festgenommen worden waren, zogen rund 40 Neonazis zunächst vor das Vertragsarbeiter_innenwohnheim in der Albert-Schweitzer-Straße. Später griffen Neonazis auch die Flüchtlingsunterkunft in der Thomas-Müntzer-Straße an. Die fünf Tage andauernden Angriffe gelten als das erste rassistische Pogrom in Deutschland nach 1945.

Wie haben Sie den Anfang der Angriffe wahrgenommen?

MN: Ich war im Wohnheim. Plötzlich kam eine große Gruppe von Skinheads und fing an, mit Steinen und Flaschen auf unser Haus zu werfen. Wir haben natürlich reagiert, aber es kamen auch Nachbarn aus anderen Wohnblöcken. Die Nachbarn ermutigten die Skinheads, klatschten in die Hände. Viele von denen, die ich vor dem Haus gesehen habe, waren keine Skins, sondern Nachbarn und Kollegen. Viele habe ich erkannt, das war schmerzlich. In der Flüchtlingsunterkunft in der Thomas-Müntzer-Straße gingen die Angriffe zwei Tage später los.

EA: Nach den ersten Ausschreitungen in der Albert-Schweitzer-Straße erhielten wir eine Nachricht von unserem Sozialarbeiter, dass in der Nacht zum Freitag die Neonazi-Skinheads auch zu uns kommen wollten. Abends wurde die Straße zum Schutz mit Mülltonnen und Müllcontainern blockiert. Später kamen viele Neonazi-Skinheads, in der Nacht zündeten sie ein großes Feuer vor dem Haus an und schmissen Steine. Alle Fenster im Wohnheim waren kaputt. Wir sind dann alle aufs Dach hoch, damit niemand verletzt wird. Erst um vier oder fünf Uhr morgens kam die Polizei mit genug Verstärkung. Als wir später mit den Bussen aus Hoyerswerda evakuiert wurden, haben die Nachbarn an der Straße gestanden, haben applaudiert und sich gefreut, dass die Ausländer endlich weg sind – wie zwei Tage zuvor bei den Vertragsarbeitern.

Nach einiger Zeit im Kirchenasyl, besetzten Flüchtlinge und Unterstützer_innen die T(echnische) U(niversität) Berlin. Wie ging es dann weiter?

EG: Als ich aus Sassnitz auf Rügen (Anm. d. Red.: auch hier wurde ein Flüchtlingsheim von Neonazis angegriffen, einige Flüchtlinge machten sich danach auf eigene Faust auf den Weg nach Berlin bzw. Hamburg) nach Berlin kam, war die TU schon besetzt. Die Situation dort wurde aber immer schwieriger. Deshalb besetzten unsere Unterstützer_innen das Rote Rathaus, um einen Gesprächstermin mit dem Regierenden Bürgermeister Diepgen zu erzwingen. Er sagte Hilfe zu, aber nur für die, die beweisen können, dass sie angegriffen wurden. Alle anderen wurden nicht legalisiert. Wir anderen bekamen das Recht, in Berlin für unser Asyl zu kämpfen.

AIB: Sie waren kürzlich nach 20 Jahren erstmalig wieder in Hoyerswerda. Wie war es dort?

EA: Verglichen mit 1991 hat sich die Stadt sehr verändert, sie ist jetzt grün, sie ist kleiner geworden. Aber die Köpfe der Menschen haben sich nicht geändert. Ich sage nicht: Alle. Aber es gibt Leute, die immer noch faschistisches Gedankengut haben. Als wir am Wochenende dort waren und Manuel uns zeigen wollte, wo er gewohnt hat, hat eine Gruppe Menschen in der Albert-Schweitzer-Straße angefangen, uns zu beschimpfen. Andere kamen vorbei und sagten: »Was wollen die schon wieder hier?«

MN: Nach dem Pogrom von 1991 fanden wir die gleiche Situation vor wie vor 20 Jahren. Da gibt es nicht viel zu sagen. Der Mann, der uns am schlimmsten beschimpft hat, war 1991 wahrscheinlich zwei oder drei Jahre alt. Vielleicht hat er damals neben einem Älteren, seinem Vater, seinem Nachbarn, seinem Bruder gestanden, als sie die Häuser angegriffen haben. Am letzten Samstag stand noch ein kleines Kind neben der Gruppe und hat das alles gesehen. Wenn wir in 20 Jahren wieder dort hinfahren, ist die Situation dann wieder die gleiche?