Rezensionen | AIB 88 / 3.2010 | 12.09.2010

»Rechtsextremismus in der Einwanderungsgesellschaft. Exjugoslawen, Russlanddeutsche, Türken, Polen« 

Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage (Hrsg.)

Mit dieser 70-seitigen Broschüre haben sichdie Autor_innen Sead Husic, Barbara Kerneck, Daniel Bax und Uwe Rada eines Themas angenommen, das medial kaum beachtet wird und auch in der Politikwissenschaft noch völlig unterrepräsentiert ist. Zusammengestellt wurde das Heft von Henning Flad, der Vielen durch sein Buch »Reaktionäre Rebellen: Rechtsextreme Musik in Deutschland« (2001) bekannt sein dürfte. In vier Kapiteln werden extrem rechte Gruppierungen, Symbole und Feindbilder unter türkischen, polnischen, exjugoslawischen und russlanddeutschen Einwanderer_innen beleuchtet. Um »Jugo-Kult und Ethno-Irrsinn« geht es im ersten Abschnitt. Von paramilitärischen Einheiten bis zu Parteien werden hier Symbole und Entstehung der Gruppen erklärt. Lesenswert ist dieses Kapitel auch für europäische Konzertveranstalter, die bis heute immer noch Auftritte mit dem bekennenden Faschisten, Rassisten und Antisemiten Marko Perkovic alias »Thompson« organisieren, auf den hier ausführlich eingegangen wird.

Das zweite Kapitel über ultrarechte Tendenzen bei Russlanddeutschen hat insbesondere nach dem Mord an Marwa El-Sherbini in Dresden 2009 (Siehe AIB #84) traurige Aktualität. Die kaum merkbaren Proteste und Zeichen der Empörung innerhalb der radikalen Linken offenbarten das Dilemma im Umgang mit einem Russlanddeutschen als Täter. Wäre der Mörder Alex Wiens ein »normaler« deutscher Neonazi gewesen, hätte es vermutlich viel stärkere Reaktionen auf den rassistischen Mord gegeben. Der dritte Teil setzt sich mit türkischen Faschisten, wie den Grauen Wölfen (siehe AIB #71 & 72) und anderen Ultranationalisten auseinander. Warum in diesem Zusammenhang ausgiebig über die PKK und ihre Anhänger in Deutschland berichtet wird, die in der Regel Opfer von Angriffen türkischer Faschisten werden, erschließt sich der_dem Leser_in hingegen nicht. Zuletzt wird auf polnische Rechte und Neonazis eingegangen. Hier spielen neben Nationalismus vor allem Homophobie und Antisemitismus eine entscheidende Rolle bei der eigenen Identitätsstiftung, die aber bei der polnischen Community in Deutschland wenig Anklang finden. Insgesamt kann die Broschüre lediglich ein guter Einstieg in die Gesamtthematik sein. Eine tief greifende, wissenschaftliche Auseinandersetzung mit äußerst rechten Tendenzen in Teilen der Migrant_innencommunities bietet die Veröffentlichung nicht. Das ist aber auch nicht Ziel des Heftes, das sich bewusst an Lehrer_innen und Schüler_innen richtet und damit seinen Zweck voll erfüllt.

Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage (Hrsg.):
Rechtsextremismus in der Einwanderungsgesellschaft
Bezug über:
SOR-SMC
Ahornstraße 5
10787 Berlin; 3,- EUR