Rassismus | AIB 60 / 2.2003 | 17.06.2003

»Rassistische Erfahrungen ziehen sich durch mein ganzes Leben«

Neben Übergriffen durch Nazi-Skins, rassistischen Parteiprogrammen oder öffentlichen Äußerungen gibt es eine andere Ebene des Rassismus: Rassismus im Alltag. Über ihre Erfahrungen unterhielten wir uns mit der schwarzen Kulturschaffenden Elisabeth S.

Das Interview führte das antifaschistische dokumentations- und informationsprojekt Nürnberg

Elisabeth S.: Als ich 1955 in die Schule kam, war ich das einzige schwarze Kind im ganzen Schulhaus. Ein Lehrer, ein älteres Semester, hatte die Angewohnheit, mich am Hals zu packen und hochzuziehen, wenn ich auf seine Fragen nicht antworten konnte. Ich hasste die Schule bis zur siebten Klasse. Davor waren es vor allem auch Lehrerinnen, die mich demütigten, wo sie nur konnten.  

Schwierig war auch der Weg zu meiner Berufsausbildung. Damals versuchten die Lehrer meiner Pflegemutter einzureden, dass ein schwarzes Kind keine Möglichkeiten hätte. Ich sollte entweder einen Pflegeberuf ergreifen oder Nonne werden oder sonst irgendwo im kirchlichen Bereich arbeiten. Man wollte uns das vorschreiben. Meine Familie hat sich dann aber durchgesetzt und ich konnte in einem bekannten Sportartikelgeschäft in Nürnberg Kauffrau lernen. Schwierigkeiten wegen meiner Hautfarbe hat es schon gegeben. Es gab Verkäuferinnen, die keine schwarzen Menschen mochten und mir während der Lehrzeit viele Steine in den Weg gelegt haben. Von meinem Chef erfuhr ich jedoch große Unterstützung.

In welchen Bereichen erleben Sie alltäglichen Rassismus?

Rassistische Erfahrungen ziehen sich durch mein ganzes Leben – auf der Straße, in der U-Bahn, in der Straßenbahn... Da könnte ich ein Buch drüber schreiben. Eine Wohnung zu suchen war zum Beispiel immer schwierig. Einmal, als ich auf eine Anzeige hin angerufen habe, hieß es am Telefon gleich: »Wunderbar, sie können die Wohnung haben«. Und als ich dann dorthin komme, macht die Vermieterin die Türe auf: »Um Gottes willen, Neger wollen wir bei uns nicht im Haus haben.« Tür zu, das war’s! Bei Vorstellungsgesprächen habe ich auch schon zu hören bekommen, ich wäre den Kunden nicht zuzumuten.

Es gibt Läden in Nürnberg, in denen ich nicht bedient werde. In einer Eisdiele am Hauptmarkt, ich weiß nicht, ob es heute noch die gleichen Besitzer sind, wurden keine Schwarzen bedient. Dann gibt es eine Apotheke in der Fürther Strasse, die auch dafür bekannt ist, dass dort keine schwarzen Menschen bedient werden. In einer Metzgerei ist es das Gleiche: Da kam ich in den Laden und der Metzger und zwei Verkäuferinnen standen hinter der Theke und unterhielten sich mit der Kundschaft. Alle waren schon bedient worden und haben sich halt so noch unterhalten. Und als ich rein komme, starren mich alle an und lächeln still vor sich hin – und haben mich einfach ignoriert. Manchmal verletzt es sehr, manchmal denkt man nur, dass die Leute total bescheuert sind.

Wie verhalten sich denn Bekannte Ihnen gegenüber oder Menschen aus Ihrem Umfeld, neue Bekanntschaften?

»Aber so dunkel bist du doch gar nicht.« Diesen Satz habe ich schon als Kind oft zu hören bekommen. Ich müsse mich doch gar nicht schämen. Man sähe das doch gar nicht so. So schlimm sei es nicht. Ich frage dann immer zurück: »Was ist nicht so schlimm?« – »Na ja, so dunkel bist du ja gar nicht. Du könntest locker als Griechin oder Italienerin durchgehen.« Wenn ich dann antworte, dass ich mich wegen meiner Hautfarbe überhaupt nicht schäme und auch nicht dafür, dass mein Vater schwarz ist, ist es allen immer ganz peinlich. Es wäre ja nur so dahingesagt gewesen. Das sind alltägliche Geschichten, die erlebe ich immer wieder.

Wie reagieren PassantInnen, wenn Sie auf der Straße oder in der U-Bahn angepöbelt werden?

Das ist sehr unterschiedlich. Einmal hat ein alter Mann, bestimmt schon 80 Jahre alt, jemanden aus der Straßenbahn geschmissen, der mich und eine Freundin angepöbelt hat. Der alte Herr hatte das mitbekommen, ist aufgestanden, hat den anderen so richtig am Kragen gepackt, hinten hochgezogen und ihm mit dem Regenschirm gedroht. An der nächsten Haltestelle war der draußen. Den habe ich echt bewundert, den alten Herren. Das war aber das Couragierteste, was ich je erlebt habe. Das schwierige Alter sind Passanten zwischen 40 und 60. Von denen wird man oft mit alltäglichen Rassismen konfrontiert. Irgendwann wird frau müde und möchte sich nicht mehr rechtfertigen oder auseinandersetzen müssen mit dummen Fragen wie »Wo kommen Sie denn her?«. oder »Sie sprechen aber gut deutsch.«. Oder man spricht gleich in gebrochenem Deutsch mit mir!

Haben Sie auch schon Benachteiligungen von staatlicher Seite her, von Behörden, erlebt?

Ja, ganz schlimme. Es gab vor drei Jahren ein Erlebnis, das ich nie vergessen werde. Freunde von mir und ich haben in der Rosenau am Kiosk gesessen und ein Picknick gemacht. Später kam eine große Gesellschaft dazu. Im nachhinein haben wir erfahren, dass es sich um einen bekannten Nürnberger Architekten handelte, der Geburtstag feierte. Zwei Stunden später hatten alle von denen was getrunken und dann ging es los: »Neger wollen wir nicht neben uns sitzen haben« und so weiter. Und als dann das zweijährige Kind von meinen Freunden an deren Tisch gelaufen ist, gab es noch mehr Ärger. Da hieß es, ich solle mein Kind von dem Tisch wegholen. Das typische Denken: Das Kind ist schwarz, der Mann ist schwarz, also bin ich als Schwarze automatisch die Mutter. Die Mutter des Kindes ist aber Weiße.

Es eskalierte dann so weit, dass die Polizei kam. Alle Tische waren besetzt, aber die drei Polizisten kamen schnurstracks auf uns zu – die haben niemanden anderen gefragt. Und dann hieß es, Ausweis herzeigen. Warum wollten die von mir einen Ausweis? Da saßen so viele Leute, warum gerade von mir? Das habe ich dann auch den einen Polizisten gefragt. Die Antwort war: »Wenn Du mir den Ausweis nicht gibst, dann nehme ich Dich mit!« – wortwörtlich. Und dann immer dieses Du. Ich bin über 50 Jahre alt!

Wie endete diese Geschichte?

Es ist noch mehr passiert damals. Ein Bekannter von meinen Freunden wurde von jemandem aus dieser Gesellschaft mit Bier vollgeschüttet. Er ist daraufhin ausgeflippt und hat irgend etwas zurückgeschüttet. Deswegen bekam ich nach einigen Wochen eine Zeugenvorladung. Der junge Mann, der die Befragung durchführte, wies mich gleich als Erstes darauf hin, dass er wisse, dass ich mit diesem Bekannten verwandt sei und sollte ich Lügen erzählen, müsste ich mit ernsten Konsequenzen rechnen. Nur am Rande: mein Bekannter ist aus Somalia und ich bin Afrodeutsche. Aber das war das Erste, was er zu mir gesagt hat – ich solle bloß vorsichtig sein. Ich bin mir vorgekommen, als wenn ich die Beschuldigte wäre. Irgendwann in der Befragung hat dieser junge Mann dann das Wort Neger benutzt. Auf meinen Protest hin hat er nur erwidert, er könne mich betiteln wie er wolle. Ich wollte dann die Befragung an dieser Stelle beenden, aber er hat mir gedroht, ich könnte erst gehen, wenn er mit mir fertig sei. Der Mann war richtig wütend, weil ich ihm Kontra gegeben habe.   

Es gab dann plötzlich Ärger mit meinem Ausweis, den ich nicht dabei hatte. Er gab an, dass ich mich geweigert hätte, den Ausweis zu zeigen. Damals in der Rosenau war das überhaupt kein Problem gewesen! Um halb neun Uhr kam ich raus – von fünf Uhr bis halb neun! Die Türen zu den anderen Büros standen alle offen und der ganze Flur war voll von Polizisten. Die hatten alles mitangehört und haben gefeixt. Zwei Wochen später habe ich eine Anzeige bekommen, weil ich meinen Ausweis nicht gezeigt hätte.

Wenn Sie die letzten Jahre mit Ihrer Kindheit vergleichen: Ist der alltägliche Rassismus in der Gesellschaft weniger oder gar stärker geworden?

Früher, würde ich sagen, war der Rassismus versteckter. Existiert hat er aber schon immer. Wir schwarzen Nachkriegskinder waren in der damaligen Zeit, in der Adenauer-Ära, nicht so gerne gesehen. Man wollte uns los werden. Die Regierung hat uns damals, ich war acht oder neun Jahre alt, regelmäßig nach Dänemark verschifft – afrodeutsche Kinder aus ganz Deutschland. In dieser Zeit sind viele schwarze Kinder in Schweden und Dänemark adoptiert worden. Ziel der Regierung war es, dass wir wegadoptiert werden sollten. Nach dem Motto, wir tun was für unsere »kleinen Negerlein«. Ich war das erste Mal mit acht Jahren auf der Fähre nach Kopenhagen. Wir sind dann zu Familien gekommen, die schwarze Kinder adoptieren wollten, quasi zum Ausprobieren. Ganz viele Kinder sind dann auch wegadoptiert worden. Meine Pflegefamilie hier in Nürnberg konnte mich damals nicht adoptieren, weil meine leibliche Mutter die Zustimmung dazu nicht gab. Ich musste also mit nach Dänemark. Ich hatte riesige Angst. Ich wollte ja gar nicht adoptiert werden. Meine Familie wollte das auch nicht, aber diese Reisen waren ein Muss.

Hatten Sie auch schon Probleme mit klassischen Neonazis, also Nazi-Skinheads?

Ärger hatte ich in der Zeit, als die Mauer fiel. Das Schlimmste ist mir auf dem Weg von der Lorenzkirche zum Bahnhof passiert, als ich von einer ganzen Gruppe bedroht wurde. Da standen fünf oder sechs Typen und ich höre wie der eine sagt »Da kommt eine Niggerin, die kaufen wir uns«. Fünf Typen mit Ketten um den Schultern und Bomberjacken – was mache ich jetzt? Und ich war plötzlich so wütend. Schließlich ist das meine Stadt, und die wollen mich vertreiben. Ich bin dann einfach auf die zugelaufen und habe mir gedacht, es stehen genug Leute rum, mal sehen was passiert. Zuerst haben die Typen mich umzingelt und wollten mich nicht mehr weiterlaufen lassen. Aber ich bin einfach durch. Ich habe meine Angst nicht gezeigt, habe die auf die Seite geschoben. Dann haben die noch ein bisschen rumgeschubst und ich war durch.

Wie sieht es abends aus, beim Weggehen?

Die letzten Jahre meide ich Kneipen, wo ich weiß, da bin ich nicht willkommen, es Schwierigkeiten gibt. Ich gehe nur noch in Kneipen, in denen ich mich sicher fühle. Man bekommt ja auch nicht immer Unterstützung. In Gostenhof hat ein Wirt schon mal zu mir gesagt, ich solle gehen da die Gäste, Stammkunden seien und mit denen wolle er keine Schwierigkeiten haben.

Gibt es so etwas wie eine alltägliche Angst, eine alltägliche Anspannung?

Ich würde sagen, dass ich keine Angst habe. Das macht mich vielleicht noch stärker. Ich kämpfe halt dagegen. Daheim kann es dann schon mal passieren, dass ich traurig bin und weine wegen etwas, das passiert ist. Das ist der extra Stress, den schwarze Menschen haben, zusätzlich zum ganz normalen, den jeder Mensch hat. Und das macht nach so vielen Jahren müde.