Der NPD-Parteivorsitzende Udo Voigt bei einer "Lunikoff" Solidaritäts-Demonstration am 21. Oktober 2006 in Berlin.
NS-Szene | AIB 83 / 2.2009 | 11.06.2009

»Luni« statt »Landser« – der Mythos ist ungebrochen

Sicherheitsbehörden hofften, dass mit der Enttarnung der Berliner RechtsRock-Band Landser ein Mythos zerstört werden würde. Der Mythos der wohl bekanntesten und weitverbreitesten Deutschen RechtsRock-Band als jene, die in der Lage sei den Staat an der Nase herumzuführen und ungestraft und unerkannt neonazistische Vernichtungsphantasien zu verbreiten. 

Doch die Hoffnung trog, heute ist der frühere Sänger der Band Michael Regener unter dem Namen »Luni« bzw. »Lunikoff« eine legalisierte, geldbringende Legende. Der Artikel untersucht die Stationen vom unbekannten Underground-Musiker, der aus der Illegalität heraus seine Songs veröffentlichte, hin zum kommerziellen Star der RechtsRock-Szene. Er schaffte es, sein Outlaw-Image auf eine legale Ebene zu transformieren und seine Anhängerschaft auch ohne den Undergroundmythos zu begeistern.

2001 Aufdeckung, Verhaftung und Prozess

Im Oktober 2001 standen Polizeibeamte nach umfangreichen Ermittlungen vor den Türen der Bandmitglieder von Landser (Vgl. AIB 61: »Profis, Geld und Subkultur« ). Erste Bilder der Bandmitglieder wurden veröffentlicht und manch ein Fan wird sich gewundert haben, dass es sich bei »Luni« mehr um einen Rockertyp handelte als um einen klassischen neonazistischen Skinhead. Das tat der Verehrung und den Solidaritätsbekundungen aber keinen Abbruch. Erstmals im Prozess bröckelte der Mythos: Angesichts der Anklage als kriminelle Vereinigung waren fast alle Bandmitglieder bereit Aussagen zu machen. Sie begingen also nach dem Selbstverständnis der Szene Verrat. »Standhaft« blieb nur Michael Regener, was ihm Ende 2003 eine Verurteilung zu einer Haftstrafe von drei Jahren und vier Monaten einbrachte. Seine Bandkollegen kamen hingegen mit Bewährungsstrafen davon. Doch Regener, wie der Richter meinte, das »Herz der Band«, schaffte sich damit einen neuen Mythos.

»Gefangener des Systems«

Regener nutzte den Prozess und die Umstände für eine neue Selbststilisierung. Er wurde nach dem § 129, also wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung, verurteilt. Die Nähe zum, vor allem gegen Linke angewendeten § 129 a, der Bildung einer terroristischen Vereinigung, gab ihm einmal mehr die Gelegenheit sich als besonders gefährlich und politisch zu stilisieren. Auch dass er sechs Monate seiner Untersuchungshaft im Gefängnis in Stuttgart-Stammheim absaß nutzte er. Dieses ist durch die Prozesse gegen die Rote-Armee-Fraktion als Hochsicherheitsgefängnis bekannt geworden. Regener schrieb dort den »Stuttgart-Stammheim-Blues«, welchen er 2004 auf der CD »Die Rückkehr des Unbegreiflichen« veröffentlichte. Die Szene feierte Regener auf T-Shirts und Buttons als »den Helden von Berlin«.

2002 – Jetzt erst recht!

Unter dem Namen »Tanzorchester Immervoll« wurde 2002 die CD »Jetzt erst recht« veröffentlicht, welche als Signal für die Standhaftigkeit der Band dienen sollte. Allerdings ohne dieses Versprechen wirklich zu erfüllen, denn die CD hielt sich sorgfältig an die Vorgaben der deutschen Gesetze. »Hier kommt unser tolles, neues, wundervolles Lied. Garantiert nicht strafbar, weder Text noch Melodie (...)« trällerte »Luni« darauf. Gleichzeitig begann eine Veränderung der Selbststilisierung.

So heißt es nun: »Wir sind die Jungs aus der Reichshauptstadt – ficken oder wat, ficken oder wat (...)« Im Refrain wird behauptet: »Tanzorchester Immervoll keiner kann uns stoppen. Kampftrinker Rock’n Roll, saufen, ficken, kloppen«. Es war nicht mehr die Stilisierung als die »Terroristen mit E-Gitarre«, sondern man präsentierte sich im legalen Rahmen als die »Jungs fürs Grobe«. Alte Lieder, welche nicht gegen das Strafrecht verstießen, wieder zu veröffentlichen hatte selbstverständlich auch einen finanziellen Aspekt. "Landser" war durch die Durchsuchungen und den Prozess in aller Munde, also waren Produkte auf denen zwar nicht "Landser" drauf stand aber alle wussten, dass "Landser" drin war, gut zu verkaufen. 

Kooperationspartner NPD

Die Band "Landser" bestand als solches nicht mehr – im Rahmen des Prozess hatte man sich zerstritten. »Luni« stand jedoch musikalisch nicht allein. Unterstützt von den Mitgliedern der Berliner Neonazi-Band »Spreegeschwader« trat er unter dem Namen »Die Lunikoff Verschwörung« auf. So im November 2004 auf einem von den »Jungen Nationaldemokraten« (JN) organisierten Konzert in Mücka (Sachsen) vor ca. 1.000 Besuchern.

Zu Beginn der Veranstaltung redete der damalige NPD-Landtagsabgeordnete Klaus Jürgen Menzel. Regener stellte auch einen Song für die erste Schulhof-CD der NPD zur Verfügung und machte Wahlwerbung für die neonazistische Partei. Zu Regeners Haft-Abschiedskonzert im April 2005 im thüringischen Pößneck reisten mehr als 1.200 Teilnehmer an. Dass dieses im Anschluss an den NPD-Landesparteitag stattfand, dürfte kein Zufall gewesen sein. Die NPD revanchierte sich und organisierte im Oktober 2006 unter dem Motto »Freiheit für Lunikoff und alle politischen Gefangenen – Weg mit dem Gesinnungsstrafrecht!« vor dem Gefängnis in Berlin Tegel eine Demonstration mit 1.400 Teilnehmern.

Kontinuität

Regener musste seine Haft bis zum letzten Tag absitzen, er wurde im Februar 2008 entlassen. Im Juni erschien seine neue CD »Heil froh« auf welcher er mit Liedern wie »Tausend Tage Tegel« seine Selbststilisierung weiterführt. Nicht vertont hat Regener die Tatsache, dass er sich seitdem brav an die Führungsauflagen des Landgerichts Berlin hält. Dieses hat ihm für die Dauer von fünf Jahren auferlegt, seine musikalischen Auftritte spätestens eine Woche vor dem Auftritt beim Landeskriminalamt anzuzeigen, Polizeibeamten Zugang zu seinen Veranstaltungen zu gewähren sowie Tonträger spätestens eine Woche vor der Veröffentlichung dem Landeskriminalamt vorzulegen. Innerhalb weniger Tage meldeten fast alle RechtsRock-Versände, dass die CD »Heil froh« ausverkauft sei. In der Szene war man voll des Lobes. Wieder auf der Bühne stand er erstmals im September 2008 bei einem von »Blood & Honour« organisierten Ian-Stuart-Gedenkkonzert im ungarischen Nogradsap. Anderthalb Monate später folgte das erste deutsche Konzert in Mallentin zu dem ca. 1.500 Teilnehmer anreisten.

Landser »Light«

Regener hat es hin bekommen, den Mythos »Landser« in den Mythos »Lunikoff« zu transformieren und den Verlust des Underground-Habitus zu kompensieren. Seine neuen Lieder sind ähnlich populär wie jene Vernichtungsphantasien von »Landser«. Nicht nur dass er das symbolhafte »L« von »Landser« in das des Lunikoff-Schriftzug mitgenommen hat sorgt für Kontinuität, auch ein Großteil des Repertoires entstammt der »Landser«-Zeit. Die Lieder von »Lunikoff« verfangen sich oftmals schnell im Ohr, vor allem weil ein Großteil auf bekannten Melodien aufbaut. Die Image-Veränderung  in Richtung »Saufen, Ficken, Kloppen« kommt bei Jugendlichen an, genau wie seine Pose als faul und gemein. Das er gleichzeitig NPD-Mitglied ist und die Partei unterstützt, wird nicht als Widerspruch empfunden. Auch nicht bei der NPD. Beim letzten  Bundesparteitag fand sich Michael Regener unter den Personalvorschlägen für den Posten des NPD-Parteivorsitzenden und als Mitglied des Parteivorstandes. Auch aus der Berliner Szene bekommt er weiterhin Unterstützung. Die Zeichnungen für das Booklet für die CD "Die Lunikoff Verschwörung" soll beispielsweise Frank Lutz (ehemals "Nationale Alternative") vom Tattoo-Laden "Utard" erstellt haben.