Rezensionen | AIB 83 / 2.2009 | 11.06.2009

»Der Fall Glasenapp«

Stefan Heym

Der 1942 in New York unter dem Originaltitel »Hostages« (zu dt. Geiseln) und 1958 in Ost-Deutschland wieder veröffentlichte Roman war der erste Roman von Stefan Heym, er wurde ein weltweiter Bestseller und ist in mehr als 20 Sprachen übersetzt worden. Heym, der 1913 als Sohn einer jüdischen Chemnitzer Kaufmannsfamilie geboren wurde und dessen tatsächlicher Name Helmut Flieg war, engagierte sich schon früh in antifaschistischen Kreisen. Nach dem Reichstagsbrand floh Heym 1933 in die Tschechoslowakei und von dort aus in die USA.

Seine persönlichen Erfahrungen als Jude in Deutschland, des antifaschistischen Arbeiter-Widerstands und als Exilant flossen ganz offensichtlich in den Roman »Der Fall Glasenapp« mit ein. Der Roman spielt in dem von den Nazis besetzten Prag. In einer vollbesetzten Gaststätte verschwindet der Wehrmachtssoldat Glasenapp während mehrere hochrangige Wehrmachtsangehörige auf ihn warten. Die von den deutschen Besatzungssoldaten gerufene Gestapo und SS verhaftet unverzüglich alle Anwesenden, nimmt diese als Geisel und droht sie zu erschießen, wenn sich die vermeintlichen Mörder von Glasenapp nicht stellen.

Schon früh wird den »Ermittlern« klar, dass Glasenapp Selbstmord aufgrund einer missglückten Liebesgeschichte mit einer Tschechin begangen hat. Trotz dieser Erkenntnisse werden die Vorwürfe des Mordes an Glasenapp Aufrecht erhalten. Ziel dessen ist Einschüchterung beim wirklichen tschechischen antifaschistischen Widerstand gegen die Deutschen zu erreichen, Denunziationen an tatsächlichen oder vermeintlichen Widerstandskämpfern zu provozieren und nationalsozialistische Macht zu demonstrieren. Ohne zuviel zu verraten, sei gesagt, dass die Nazis ihr Ziel im »Der Fall Glasenapp« nicht vollkommen erreichen. Im Zuge einer spannenden über parallele Handlungsstränge verlaufende realistisch erzählten Geschichte werden vor allem Aspekte des Widerstand, aber auch der Gnadenlosigkeit nationalsozialistischer Herrschaft und Gewalt deutlich.

Besonders zu empfehlen ist der Roman aufgrund seiner feingliedrigen und enorm detailgetreuen analysierenden Nachzeichnung der Geiseln, der kapitalistischen Kollaborateure und der teilweise tatsächlich in Besatzung und Terror involvierte Nazigrößen. Neben persönlichen Lesegewinn würde sich »Der Fall Glasenapp« auch uneingeschränkt zur politischen Bildung von Jugendlichen eignen, da in sehr präziser Art und Weise der Technik und Praxis nationalsozialistischer Unterdrückung skizziert wird, aber auch willkürliche Aspekte und die Totalität des NS-Terrors deutlich werden. (LK)

Stefan Heym
Der Fall Glasenapp
btb Verlag, 368 Seiten
9,00 Euro