Rezensionen | AIB 79 / 2.2008 | 21.06.2008

»Autobahn zum Mutterkreuz« – Historikerstreit der schweigenden Mehrheit

Wolfgang Wippermann

Wolfgang Wippermann ist Professor für Neuere Geschichte an der FU Berlin. Neben Forschung und Lehre ist er ein fleißiger Autor. Neben über zwei Dutzend Büchern zum historischen NS, Totalitarismus- und Faschismustheorie oder Antiziganismus verfasste er beispielsweise auch ein Werk mit dem Titel: »Die Deutschen und ihre Hunde. Ein Sonderweg der deutschen Mentalitätsgeschichte«. Wippermanns Bücher sind thesenstark, bisweilen populärwissenschaftlich.

Sein Metier ist hierbei nicht die Geschichte, sondern Politik, die mit historischen Gegenständen gemacht wird – Geschichtspolitik. Nun hat Wippermann eine neue in den Diskurs zum Umgang mit dem Nationalsozialismus eingreifende Lektüre vorgelegt. Wippermanns These: In der Debatte um den Umgang mit dem Geschlechts- und Geschichtsbild der ehemaligen Tagesschau-Moderatorin ist ein neuer »Historikerstreit« entstanden.

Das neue an diesem Historikerstreit ist, dass er nicht ein Feuilletondiskurs der geistigen Eliten ist, wie es die Kontroverse um Ernst Noltes Essay war, sondern der »Historikerstreit der schweigenden Mehrheit«. Anders als 1986 kann über das Web 2.0 die »schweigende Mehrheit« in Form von Blogeinträgen, Talkshows und Emails an der Diskussion teilhaben. Die neuen Möglichkeiten der Partizipation am geschichtspolitischen Diskurs zeigen, dass die intellektuelle Bewältigung des NS doch nicht von relevanten Teilen der Bevölkerung in der Form verstanden und rezipiert wurde, wie die meinungsmachenden Köpfe Deutschlands es erwünschen. Kurz: Zwischen Erwartung und Wirklichkeit klafft eine Lücke.

Dem überraschten Wippermann kann entgegengehalten werden, dass seine Beobachtung in der Eva-Herman-Debatte nicht neu ist. Jeder, der die jährlich veröffentlichten Heitmeyer-Studien oder andere Umfragen zu Einstellungspotenzialen der Bevölkerung zu diesen und ähnlichen Fragestellungen kennt, weiß, für was es relevante Zustimmungsraten oder Mehrheiten gibt, wenn anonym und mit gut formulierten Fragestellungen gearbeitet wird. Fragmente rechtsextremen Denkens sind weiter verbreitet, als die Aussagespanne des gesellschaftlich anerkannten Mainstreams es erscheinen lassen mag.

So schwach die These, desto interessanter der Gegenstand, den Wippermann in seinem neuen Buch bearbeitet. Kurzer Rückblick: Im Herbst 2007 beschäftigte sich die deutsche Medienlandschaft mit dem »Fall Eva Herman«. Eva Herman hatte in zwei öffentlich umstrittenen und auflagenstarken Büchern (Das Eva-Prinzip und Prinzip Arche Noah) sowie in einem Artikel in der konservativen Zeitschrift Cicero ihr katholisch-reaktionäres Geschlechter- und Familienbild zum Besten gegeben. Die in dem Cicero-Artikel getätigten Ausführungen zur Familien- und Bevölkerungspolitik sind katholisch-fundamentalistisch und mit den Vorstellungen von Rechtsextremen kompatibel, was Herman nicht zufällig Lob aus dieser Ecke des politischen Spektrums einbrachte. Bei der Präsentation des zweiten Bestsellers »Das Prinzip Arche Noah« am 6. September 2006 setzte Herman mit ihren den Faschismus relativierenden Aussagen, dass eben manches im NS auch gut gewesen sei, noch einen drauf. Sie bezog sich hierbei positiv auf »Werte, Kinder, Mütter, Familien, den Zusammenhalt«, welche durch die 68erBewegung ihrer Ansicht nach abgeschafft worden waren.

Ganz ins diskursive Aus schoss sich Herman einen Monat später in der Talk-Sendung Johannes B. Kerner im ZDF. Eingeladen, um ihre Thesen zurückzunehmen und so wieder zurückgeholt zu werden aus der gesellschaftlichen Schmuddelecke Rechtsradikalismus, beließ es Eva Herman nicht nur bei ihren Anmerkungen über die Wertschätzung der Familie durch die Nazis. Sie bezeichnete die Medien als »gleichgeschaltet« und brachte zu allem Überfluss auch noch das Stammtischargument »aber es sind auch Autobahnen damals gebaut worden, und wir fahren heute drauf«. Nach dieser Bemerkung schloss Kerner Herman aus der Sendung aus und machte so den »Skandal« perfekt. Die Sendung wurde mit 2,65 Millionen Zuschauer und 18,1 Prozent Einschaltquote zur meistgesehenen von Johannes B. Kerner.

In dieser Sendung saß Wippermann als Geschichtsexperte und klärte über den Wahrheitsgehalt der Absonderungen Hermans auf. Zwei Tage später erklärte der Historiker in einem Interview mit der Bild-Zeitung erneut dem nicht so bewanderten Publikum, was denn an Eva Hermans Aussagen »nicht ging« bzw. wie es sich mit der Autobahn, der rassistischen Familienpolitik der Nazis und der Aussage »das Böse haben nur Nazis und SS getan« wirklich verhält. »Eine Sternstunde des Boulevardjournalismus« und ein »Stück Aufklärung«, kommentierte der ansonsten der Bild sehr kritisch gegenüberstehende bildblog dieses Interview. Durch sein öffentliches Argumentieren gegen die Ansichten Hermans wurde Wippermann selbst zur Zielscheibe der »schweigenden Mehrheit«. Alleine 2000 Leserbriefe erreichten die Bild-Redaktion. Hunderte von Emails und Briefe bekam der Professor an seine Privatanschriften geschickt. Gespickt mit Drohungen und Beleidigungen wie »Judenknecht«, »Volksschädling« und »linke Ratte«. Ein Teil dieser Briefe sowie alle Herman-Zitate in der Debatte sind in dem Buch dokumentiert.

Die Stärke der Publikation ist der leicht verständlich herausgearbeitete Unterschied zwischen katholischem Konservatismus und der nationalsozialistischen Rassenpolitik bzw. allgemein dem faschistischen Denken. Wippermann schlägt hierbei einen Bogen von der Familienpolitik Adenauers über die Aussagen der neuen katholischen Offensive zu einem amüsant geschriebenen Abriss der Geschichte der Faschismusforschung. Den hegemonialen Aussagen des »Neuen Historikerstreit der schweigenden Mehrheit« tritt Wippermann quellenkritisch, ideologiekritisch und diskursanalytisch entgegen. Dabei ist sein Buch einfach und unterhaltend geschrieben. Nur zu empfehlen!

Wolfgang Wippermann
»Autobahn zum Mutterkreuz«
Historikerstreit der schweigenden Mehrheit

Rotbuch Verlag
128 Seiten; 9,90 Euro.