Links mit Basecap der mutmaßliche Bombenleger und das BNP-Mitglied David Copeland zusammen mit BNP-Chef John Tyndall, nach einer Auseinandersetzung mit Gegendemonstranten anläßlich einer Demonstration zum 15. BNP-Geburtstag. (Bild: Screenshot YouTube/ci)
International | AIB 48 / 3.1999 | 22.09.1999

Neonazi Bombenterror in London

Zwischen dem 17. und 30. April 1999 explodierten drei Nagelbomben in London. Es waren die brutalsten Anschläge von Neonazi-Terroristen in der britischen Geschichte. Drei Menschen wurden getötet und mehr als hundert verletzt. Angeklagt wegen Mordes und Durchführung von Sprengstoffanschlägen ist der aktive Neonazi und Mitglied der British National Party (BNP) David Copeland (22).

Searchlight Magazin (London)

Die erste Bombe detonierte inmitten des Südlondoner Stadtteils Brixton vor einem Supermarkt. In Brixton wohnen mehrheitlich schwarze MigrantInnen aus der Karibik. Die zweite Bombe explodierte eine Woche später in Brick Lane, einem Stadtteil im Osten Londons, bekannt als Herz der Community aus Bangladesch. Beide Anschläge fanden an Samstagabenden zur Hauptverkehrszeit statt. Am Freitag darauf detonierte die Bombe mit der verheerendsten Auswirkung inmitten von Soho, dem Zentrum der britischen Schwulen und Lesben. Der mit Nägeln gefüllte Sprengkörper wurde in einem sehr belebten Schwulencafe abgestellt und war in einer Tasche versteckt.

Die Auswirkungen wären insgesamt weit schlimmer gewesen, hätten nicht Passanten in den ersten zwei Fällen die Bomben entdeckt und aus dem Hauptverkehrsstrom entfernt. Ein Anwohner von Brixton sah die Tasche mit der Bombe vor einem Supermarkt und brachte sie hinter eine Mauer, um die Kraft der Explosion zu mindern. In Brick Lane war zum Glück ein anderer Anwohner wachsam und plazierte die explosive Tasche in den Kofferraum seines PKWs. In beiden Fällen wurden durch dieses couragierte Handeln Leben gerettet.

Ein »Einzeltäter« wird verhaftet

Der mutmaßliche Attentäter David Copeland wurde in seinem Haus in Cove, Hampshire, fünfzig Kilometer von London entfernt verhaftet. Beschlagnahmt wurden Materialien zum Bombenbau und Neonazi-Schriften. Auf seine Spur gekommen waren die Behörden durch die Auswertung von Filmmaterial, das bei der ersten Bombenexplosion in Brixton aufgenommen wurde.

Die Polizei beeilte sich, den Verhafteten als verrückten Einzeltäter darzustellen: »Es steht fest, daß er alleine handelte, aufgrund seiner eigenen Motivation« teilte David Vaness, stellvertretender Polizeipräsident der Metropolitan Police der Presse am Tag nach der Verhaftung Copelands mit. Er habe, so Vaness, keine Verbindungen zu einer rechtsextremen Gruppe. Auch wenn der Polizei Copeland vor den Attentaten nicht bekannt gewesen sein mag, so hatte sie doch Neonazi-Material bei ihm gefunden, und es war sicherlich viel zu früh, um solch eine Behauptung aufzustellen.

Das britische antifaschistische Magazin "Searchlight" enthüllte, daß die Vorgaben für diese Erklärung den Ermittlungsbeamten von den Rechtsanwälten der Polizei vorgegeben wurde. Zu behaupten, es sei die Tat eines Einzelnen, vereinfacht einerseits die Gerichtsverhandlung, andererseits beruhigt es die Öffentlichkeit und verschleiert Mängel in der Ermittlungsarbeit der Polizei. AntifaschistInnen in Deutschland wird diese Art von Erklärung sehr bekannt vorkommen.

In diesem Fall wurden die Behauptungen der Polizei erschüttert, als "Searchlight" und die zweitgrößte britische Tageszeitung, der "Daily Mirror", Fotos von Copeland zusammen mit dem Anführer der British National Party (BNP) John Tyndall veröffentlichten. In dem Zeitraum, aus dem das Foto stammt (1997), war David Copeland ein aktives Mitglied der BNP. Sein Gebietsvorsitzender war Anthony "Tony" Lecomber, der den diesjährigen BNP-Europawahlkampf anführte.

Lecomber wurde 1985 wegen eines versuchten Sprengstoffanschlages auf den Sitz einer linken Organisation in London verurteilt. Obwohl der ehemalige Soldat auf frischer Tat ertappt und bei einer Hausdurchsuchung Handgranaten und Sprengstoff beschlagnahmt wurden, erhielt er nur eine Gefängnisstrafe von drei Jahren.

Die Propaganda des Neonazi-Terrors

David Copeland scheint von Ideen der US-amerikanischen Neonaziterrorszene beeinflußt zu sein, die sich mit dem Auftreten der britischen Terrorgruppe "Combat 18" im Jahr 1992 auch in England verbreiteten. Zu den wesentlichen Merkmalen gehört der sogenannte »führerlose Widerstand« (»leaderless resistance«) und die Bildung von terroristischen Zellen.

Als Vorlage diente das Buch von William Pierce (alias "Andrew Macdonald"), »The Turner Diaries« (Die Turner Tagebücher), das weltweit vertrieben wird. In diesem Mitte der achtziger Jahre veröffentlichten Fiction-Roman beschreibt der Anführer der "National Alliance" den »Rassen-Krieg« einer Untergrundarmee gegen eine »jüdisch kontrollierte US-amerikanische Regierung« im Jahr 1999.

Bereits unmittelbar nach dem Erscheinen inspirierte dieses Buch die Neonazi-Terrorgruppe "Silent Brotherhood" bzw. "The Order" von Robert Jay Mathews in den USA. Auch der Bombenattentäter von Oklahoma City Timothy McVeigh wurde von dieser Hetzschrift beeinflußt. Nach dem Zusammenbruch von "The Order" mußten die amerikanischen Neonazis ihre Strategie umstellen und entwickelten aus einem Konzept, das organisierten Terror mit Befehlsstrukturen vorsah, den »führerlosen Widerstand«. Der Hauptvertreter dieser Richtung ist Louis Beam, der frühere »Grand Dragon« des Ku Klux Klan (KKK) von Texas. Dieser übernahm eine Idee von dem Offizier Ulius Louis Amoss, der dieses Konzept 1962 als das ideale Mittel gegen eine kommunistische Invasion pries. Obwohl es sich bei diesen beiden Theorien um sich einander widersprechende handelt, wurden sie von einer Reihe von Neonazigruppen in England in ihr Repertoire übernommen.

1994 zirkulierte in England ein anonymes Dokument, das eine terroristische Strategie propagierte. Die Gruppe nannte sich "Weiße Wölfe" und erklärte:

»Unser Hauptangriffsziel müssen die Communities der Immigranten sein, die schwarzen und asiatischen Ghettos. Wenn dieses regelmäßig, effektiv und brutal geschieht, werden die Aliens mit wahllosen Angriffen auf Weiße reagieren, sie gegen sich aufbringen und zur Selbstverteidigung zwingen. Damit wird eine Gewaltspirale beginnen, die das Establishment zwingt, in der Rassenfrage zu handeln.«. Hinzugefügt wurde: »Das britische Volk wird kämpfen, wenn wir ihm nicht nur den weichen Weg der Wahlen anbieten. WIR müssen ihnen den richtigen Weg weisen, indem wir die notwendigen Aktionen durchführen, um die Gewaltspirale zu starten, die dann auch die Unwilligen erfassen und sie zum Kampf zwingen wird. (...) Es ist wahr, daß die Immigranten an sich nicht kriminell sind, aber in ihrer Gesamtheit sind sie wie eine Invasionsarmee, die das Geburtsrecht der Kinder und das der Ungeborenen unseres Volkes bedrohen. Ihre Anwesenheit bedeutet den Tod unseres Volkes, wenn sie mit extremer Gewalt hinausgeworfen werden müssen, dann soll es so sein. (...) Wir glauben nicht, daß wir alleine den Rassenkrieg gewinnen können, aber wir können ihn beginnen.«

Es scheint, daß diese Propaganda den Bombenattentäter inspiriert hat.

Die Ignoranz der Polizei

Der Umstand, daß David Copeland der Polizei unbekannt war und sie von den Anschlägen überrascht wurde, ist kein Wunder. Schon seit sieben Jahren häufen sich Anzeichen auf die Vorbereitung derartiger Attentate, doch sie wurden von der Polizei ignoriert. 1993 und 1997 verschickte "Searchlight" Briefe an Parlamentsabgeordnete mit dem Hinweis, daß Neonazis Vorbereitungen für terroristische Aktivitäten treffen. Sie wurden nicht ernst genommen.

Bei der Polizei herrschte Selbstgefälligkeit. Selbst als Mitglieder von "Combat 18" im Januar 1997 versuchten. Briefbomben zu verschicken, reagierte die Polizei nicht. Als die Bomben dieses Jahr explodierten, wurden die Ermittlungen der Polizei von internen Spaltungen und Streit behindert. Die Untersuchungen übernahm die Anti-Terror-Abteilung, die über keine Erfahrungen im Umgang mit Neonazis verfügte, während andere Einheiten, wie die "Special Branch" (Spezialabteilung), die Abteilung gegen Gewalt und rassistisch motivierte Verbrechen und der Geheimdienst MI5 ausgeschlossen wurden. Groll, interne Kämpfe und das Zurückhalten von Informationen behinderten die Ermittlungen. Die Versuche, den mutmaßlichen Attentäter David Copeland als verrückten Einzeltäter darzustellen, weisen darauf hin, daß die Polizei nichts aus ihren bisherigen Fehlern gelernt hat.

Ohne die Infragestellung der bisherigen Herangehenweise seitens der Polizei gegenüber den britischen Neonazis, wird sie auch in Zukunft von Bomben und anderen Gewalttaten überrascht sein, während die Verbreiter des Neonazi-Terrormaterials ungeschoren davon kommen. Die Konsequenzen für die britische Neonaziszene nach den Bomben sind ungewiß, auch wenn absehbar war, daß die Veröffentlichung des Fotos von David Copeland mit dem Anrührer der BNP John Tyndall der Partei bei den Europawahlen schaden würde. Während die Londoner Bevölkerung fast geschlossen die Attentate verurteilt, ergehen sich die Neonazis in klammheimlicher Freude. Die BNP reagierte hektisch auf die Veröffentlichungen und beeilte sich zu behaupten, daß David Copeland zu keiner Zeit ihr Mitglied gewesen sei. Stattdessen versuchten sie zu behaupten, daß die Bomben ein Versuch des Staates seien, um ihren Erfolg bei den Europawahlen zu verhindern.

»Wer profitiert von dieser Affäre?« fragt die BNP auf ihrer Internetseite über die Bombenanschläge. »Einige Neonazi-Einzeltäter oder Grüppchen, die uns wegen unserer demokratischen Legitimation in der britischen Gesellschaft nicht mögen. (...) Die Linke, die es gerne sähe, die Bombenanschläge in der Art und Weise zu benutzen wie es Hitler tat, um die linken Gruppen zu zerschlagen, als ein verrückter kommunistischer Einzeltäter den Reichstag angezündet hat. Drittens die Regierung, die sich als Gegner des Terrorismus darstellen kann, als Hüter von Recht und Ordnung und Zivilisation.«

Eine andere neofaschistische Gruppe, die National Front (NF), ging weiter und bezeichnete die Anschläge als Ergebnis einer multikulturellen Gesellschaft:

»Wir sind nicht völlig überrascht von diesem Szenario«, schrieben sie in einer Presseerklärung, »seit vielen Jahren sind die lange leidenden weißen Communities in London und in anderen Großstädten ignoriert, unterdrückt und zu Opfern von aufeinanderfolgenden britischen Regierungen gemacht worden und die kontrollierte Presse (...) stempelte sie bestenfalls zu Idioten und in schlechteren Fällen zu gewalttätigen Tätern. Es ist kein Wunder, daß einige Einzelpersonen die Notwendigkeit zu Gewalttaten sehen, um ihrer Botschaft Gehör zu verschaffen.«

Widerstand der Communities

In den angegriffenen Communities wächst verständlicherweise die Furcht und Besorgnis nach den drei Bombenanschlägen. Doch sie hielten zusammen, um dieser Bedrohung zu begegnen. Demonstrationen und Mahnwachen brachten die schwarze und die homosexuelle Community näher zusammen, während jüdische Gruppen mehreren asiatischen Gemeinden beim Aufbau von Selbstschutz zur Seite standen. In ganz London liefen AntirassistInnen Patrouille. Ihre Anwesenheit und Suche nach möglichen Sprengkörpern trug zur Beruhigung der AnwohnerInnen bei. Diese ermutigenden Zeichen eines Widerstandes der Communities und ihre Zusammenarbeit müssen weitergeführt und ermutigt werden. Schon viel zu lange wurden wir entlang von Herkunft, Religion und Regionen gespalten.

Doch die Neonazi-Anschläge bewiesen die unterschiedslose, alle betreffende Diskriminierung durch diese Ideologie. Trotz der bleibenden Probleme der Gruppen verschiedener Hautfarbe und Herkunft bleibt London die multikulturellste europäische Stadt - ein Umstand, der Anlaß zu Selbstbewußtsein ist. Die Vorzeichen für diese Bombenanschläge häuften sich seit sieben Jahren, und es waren wahrscheinlich nicht die letzten Bomben. In einem Land mit bisher wenig entwickeltem Neonazi-Terrorismus erkennen die Neonazis nun welche enorme Wirkung einige grausame Bomben haben können - gerade, wenn die Behörden diese Gefahren ignorieren.

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Dieser Artikel wurde uns von der englischen Antifa-Zeitschrift "Searchlight" zur Verfügung gestellt.

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