Die NPD-Funktionärin Doris Zutt. (Foto: Christian Ditsch)
NS-Szene | AIB 48 / 3.1999 | 13.08.1999

"Zutt's Patriotentreff" unter Druck

Seit August 1998 existiert in Ehringshausen (Lahn-Dill-Kreis) der Neonazi-Gemischtwarenladen "Zutt's Patriotentreff", betrieben vom NPD-Funktionärsehepaar Alfred Zutt und Doris Zutt. Verbunden mit der ungestörten Etablierung des "Patriotentreffs" als zentraler Anlaufpunkt und Umschlagplatz der Neonaziszene der gesamten Region war die beinahe zwangsläufige Zunahme neonazistischer Aktivitäten. Seitdem auch örtliche PolitikerInnen die Schließung des Ladens fordern, lassen die Neonazis ihre Muskeln spielen. Die Situation in der Gemeinde spitzt sich zu.

Mit der »nationalen Geschäftseröffnung« (NPD-Parteizeitung "Deutsche Stimme") am 1. August 1998 sah die NPD die Möglichkeit, die »regelrechte Marktlücke« zu füllen, die im Lahn-Dill-Kreis - vor allem in Anbetracht der dortigen großen Neonaziszene - existiert. Das Geschäft mit CDs, Literatur, Videos, Aufnähern, Klamotten, Bierkrügen u. a. läuft seit Anfang an prima, die Neonazi-Szene hat einen festen Anlaufpunkt und die Zutts ernannten sich selbst zum »Nationalen Duo«, was sie mit flotten Werbesprüchen unter Beweis zu stellen vermochten. Eine Kostprobe: »Wollt ihr das Zeitgeschehen richtig erfassen / Euch wahrheitsgetreu informieren lassen/ Dazu noch gut und billig kaufen / Dann müßt ihr zu Zutts Patriotentreff laufen......"

Die prompte Zunahme neonazistischer Aktivitäten in Ehringshausen und die beinahe täglichen Neonazi-Ansammlungen im und vor dem in der Ortsmitte gelegenen Geschäft brachten jedoch bald die leidige »Image«-Frage auf die Tagesordnung, worauf sich die Stimmen mehrten, die die Schließung des Ladens forderten. Nach zunächst verbalen Aggressionen von Seiten der Zutts, kam es in der Neujahrsnacht zur ersten Eskalation, als aus dem "Patriotentreff" heraus vermeintliche potentielle "Angreifer" von Alfred Zutt und einem seiner Bodyguards mit einem Baseballschläger angegriffen wurden. Die Attacke endete kläglich, da sich die beiden flugs entwaffnet sahen und vor ihrer eigenen Schlagwaffe Reißaus nehmen mußten. Der Patriotentreff, wohin sich Alfred Zutt flüchtete, wurde entglast.

In der Folgezeit entwickelten die Zutts krude Verschwörungstheorien, sie fabulierten von Schlägerbanden, die die "Freie Wählergemeinschaft" (FWG) angeheuert hätte und sie verbreiteten über das hiesige NPD-Blatt "Klartext" einen reißerischen Artikel nach dem anderen. Die Neonaziszene nahm die Stichworte dankbar auf und begann ihre GegnerInnen zu terrorisieren. Häuserwände wurden mit Drohungen beschmiert (»Du Pfaffensau, wir kriegen dich«), das Auto des Bürgermeisters mit Aufklebern der NPD-Jugend "Jungen Nationaldemokraten" (JN) verunstaltet. Damit brachten sie das Faß zum Überlaufen. In einem »offenen Brief der demokratischen Kräfte der Gemeinde Ehringshausen«, verteilt an alle Haushalte, warfen SPD, CDU und FWG der NPD vor »die persönlichen und wirtschaftlichen Probleme von Teilen der Bevölkerung in Neid, Haß und Gewalt gegen Andersdenkende und Minderheiten« verwandeln zu wollen und sandten die klare Aussage an die Adresse der Zutts: »Das Maß ist voll!«

Ausgerechnet der rechte "Wetzlar Kurier", gegen den in der Vergangenheit u. a. wegen Volksverhetzung ermittelt wurde (nachdem er beispielsweise vor »zahllosem Parasitenbefall« unter Flüchtlingen gewarnt hatte), stimmt nun in den anti-extremistischen Konsens ein und schafft seinem Herausgeber, dem wegen extrem rechter Äußerungen und Kontakte selbst in den eigenen Reihen umstrittenen CDU-Landtagsmitglied Hans-Jürgen Irmer, die Möglichkeit, sich nach Rechts abzugrenzen. Laut Berichten Frankfurter Antifas soll Irmer 1977 in der Zeitung "Student" seine Unterstützung der Forderung nach der „Freilassung von Rudolf Hess"  veröffentlicht haben. Noch 1996 soll er bei der ultra-rechten "Burschenschaft Dresdensia Rugia" einen Vortrag gehalten haben. Der CDU-Fraktionsvorsitzende Werner Neu übt sich in der Märzausgabe in Selbstkritik: »Denn wir, die demokratischen Kräfte in Ehringshausen, haben viel zu lange geschwiegen. Wenn wir früher unsere Stimme erhoben hätten, wäre uns vieles erspart geblieben.« Späte Einsicht eines nachdenklich gewordenen Konservativen? Wohl kaum. Neu schreibt selbst, worum es eigentlich gehen dürfte. Die Drohungen gegen »führende Repräsentanten« der Gemeinde beweisen, so Neu, daß »die Ehringshäuser NPD'ler ihr Umfeld scheinbar nicht mehr im Griff« haben. Lange Zeit jedenfalls hatten die Zutts ihr Umfeld wohl insofern im Griff, daß lediglich vermeintlich Fremde oder Linke Opfer der neonazistischen Gewalt waren. Und genauso lange haben die selbsternannten »demokratischen Kräfte« anscheinend geschwiegen und sich mit den Zutts arrangiert. Seit jeher wurden im gesamten Kreis Neonazitreffen geduldet und ihnen öffentliche Räume zur Verfügung gestellt, die Zutts und andere NPD-Funktionäre waren ins politische und gesellschaftliche Geschehen eingebunden, die rechte Jugendkultur konnte sich ungestört entwickeln und organisieren. Dieses Arrangement wurde nun von den immer selbstbewußter auftretenden Neonazis faktisch aufgekündigt. Die Konsequenz der »demokratischen Kräfte«: »Künftig bleibt keine Tat der NPD mehr ohne angemessene Reaktion

Mensch darf also gespannt sein. So ließ es sich auch Bürgermeister Eberhard Niebch (FWG) nicht nehmen, sein persönliches Hühnchen mit der NPD zu rupfen. In einer Rede am 25. Februar vor der Ehringshäuser Gemeindevertretung gewährte er einen Blick hinter die Kulissen der Saubermann-Partei. So habe die NPD-Gemeindevertreterin und Zutt-Tochter Sandra Häußner ein Arbeitsangebot der Gemeinde abgelehnt und beziehe stattdessen weiterhin Sozialhilfe.1  Die Zutt-Tochter Land lasse sich vom Sozialamt die Miete bezahlen, welche dann Doris Zutt als Vermieterin kassieren würde.2 Der NPD-Gemeindevertreter Edwin Immel durfte sich anhören, welche sozialen Leistungen er vom Staat angenommen habe (»Krankenhausaufenthalte, Reha und fortwährende ärztliche Betreuung«), ansonsten - so Niebch - habe »er sich leider dem Niveau der Zutts angepaßt« und werde »immer mehr zum Dummschwätzer«. Besonders arg erwischte es den NPD-Gemeindevertreter Klaus Flammer, der sich nicht nur als Empfänger von staatlicher Unterstützung geoutet sah, sondern zudem als angeblicher "Schwarzarbeiter".

Die lokalen NPD-Akteure um das Ehepaar Zutt, Klaus Flammer, Edwin Immel, Sandra Häußner, Ursula Siepe, Adolf Meinl, Georg Diehl und Gustav Kunschner haben sich wohl klassisch verzockt, so scheint es. Doch auch wenn das "Nationale Duo" erste Zermürbungserscheinungen zeigt und sich mit dem Gedanken trägt, nach Mecklenburg-Vorpommern überzusiedeln, wäre ein Teil des Problems allenfalls verlagert. Die Neonazi-Jugendkultur, die sich in den Jahren gefestigt hat, würde auch ohne die Zutts auskommen und weiter ein Problem bleiben. Auch der andere -wesentliche - Teil des Problems, Hans-Jürgen Irmer und Konsorten, wird AntifaschistInnen wohl noch lange Zeit beschäftigen.

  • 1. "Es ist schlimm genug, wenn junge Menschen wie Frau Häußner keine Arbeit haben und auf Sozialhilfe angewiesen sind. Die Gemeinde Ehringshausen und der Bürgermeister haben deshalb Frau Häußner und anderen deutschen Arbeitslosen eine Arbeitsstelle angeboten. Frau Häußner lehnte das Angebot ab und bezieht weiterhin Sozialhilfe = ausgerechnet von dem Staat, den sie und ihre Eltern, die ZUTT's, bekämpfen. BRAVO"
  • 2. "ZUTT's Tochter, Frau Land, wohnt im (...) Nr. (...) = 100 Meter vom Wohnhaus der ZUTT's in der (...) Nr. (...) entfernt.   Das Haus im (...) in dem Frau Land zur Miete wohnt gehört Frau Zutt. Frau Land ist alleinerziehend mit zwei Kindern. Sie bezieht Sozialhilfe und das Sozialamt bezahlt auch noch die Miete, welche Frau Zutt kassiert."