Ein zerstörtes jüdisches Geschäft in Magdeburg im November 1938. (Bild: Bundesarchiv, Bild 146-1970-083-44 / Friedrich, H. / CC-BY-SA 3.0)
Diskussion | AIB 20 / 4.1992 | 09.01.1993

Zum Begriff "Pogrom"

Im Zusammenhang mit den Ereignissen von Hoyerswerda, Mannheim, Rostock etc. wird uns vorgeworfen, wir würden den Begriff Pogrom inflationär gebrauchen. Warum wir sagen, in Deutschland findet gerade eine Welle von Pogromen statt, soll eine kurze Erklärung des Begriffs deutlich machen

Im Gefolge von Revolutionen und Bürgerkriegen nach Beendigung des 1. Weltkrieges und als Teil des „Weißen Terrors“1 kommt es in etlichen Ländern Osteuropas zu Pogromen, so in der SU (insbes. Ukraine), Polen, Slowakei, Mähren, Ungarn und Rumänien. Pogrom kommt aus dem russischen und heißt eigentlich Massaker, Zerstörung. In andere Sprachen wurde es übernommen als Begriff für mit Plünderungen und gewalttätigen Ausschreitungen verbundene Verfolgung einer bestimmten Bevölkerungsgruppe.2.

Obwohl der Begriff am häufigsten für solche Ausschreitungen benutzt wird, die sich gegen Juden und Jüdinnen richten, wird er sogar im hebräischen Sprachgebrauch verstanden als »Unruhen, Mord- und Gewalttaten organisiert und gerichtet gegen ethnische oder gesellschaftliche Gruppen«3. Klassische Pogrome sind die Ausschreitungen im zaristischen Rußland gegen Juden und Jüdinnen, mit Höhepunkten in den 1880er Jahren, dem großen Pogrom von Kischinew 1903, welches einen erheblichen Schub für die jüdische Einwanderung in Palästina zur Folge hatte und den Ausschreitungen in über 700 Orten Rußlands als Reaktion auf die Revolution 1905.

In den Pogromen im zaristischen Rußland kommt deutlich zum Ausdruck, was unseres Erachtens auch historisch - die wesentlichen Faktoren eines Pogroms sind:

• Ausschreitungen, getragen von einer »Volksmenge« im Rahmen einer Massendynamik. Häufig, nicht unbedingt, sind sie verbunden mit Plünderungen und persönlicher Bereicherung, also effektiver Linderung persönlicher Nöte auf Kosten gesellschaftlich Geächteter, getragen durch sozial Benachteiligte. Wichtig ist die schweigende, bejahende oder beteiligte Volksmenge, die den Hintergrund bildet und Pogrome von gezielten rassistischen oder politischen Einzeltaten unterscheidet.

• Das Startsignal wird von oben gegeben in Form von verstärkter Hetze gegen die als Sündenbock ausgemachte Gruppe. In Rußland z.B. durch die Zirkulation des antisemitischeen Machwerks »Protokolle der Weisen von Zion«, das auch heute wieder weite Verbreitung in Osteuropa hat.

• Eine gewisse Organisation besteht, die sich des Stillhaltens oder gar der Unterstützung durch die Staatsmacht sicher weiß und die Ausschreitungen anheizt. Die älteren Pogrome wurden z.B. von Kosakenverbänden provoziert. Für die Pogrome 1905 waren die »Schwarzen Hundertschaften« verantwortlich, ab 1917 sind die Pogrome Mittel der Konterrevolution. Hier wird der Ablenkungscharakter deutlich, die soziale Funktion, die Pogrome haben, indem sie gesellschaftliche  Unzufriedenheit gegen eine vorher diffamierte Gruppe kanalisieren.

Alle diese Momente treffen schon auf die Vorgänge zu, für die der Begriff ursprünglich geprägt wurde. Im Zarenreich sind Pogrome offensichtlich direkt eingesetzt worden, um Klassenkämpfe und soziale Aufstände zu verhindern. Das Wort »Pogrom« paßt nur bedingt auf die weitgehend durch die SA organisierten und von der Bevölkerung weniger als erwartet aufgegriffenen Ausschreitungen des November 1938.
In vollem Umfang trifft der Begriff aber zu auf die Angriffe von Hoyerswerda, Mannheim und die aufgehetzten Mobs, die nach dem Pogrom von Rostock-Lichtenhagen etliche Flüchlings-Unterkünfte belagerten.

  • 1. Als Weißer Terror wurde historisch die Gegenbewegung zur Französischen Revolution bezeichnet. Der Begriff umfasste anschließend allgemein die gewaltsamen Unterdrückungsmaßnahmen im Rahmen von Konterrevolutionen.
  • 2. Vgl. »Neues Lexikon des Judentums«, Hrsg. Schoeps, Gütersloh 1992, S. 366f
  • 3. so in einem hebräischen Bedeutungswörterbuch