Rezensionen | AIB 72 / 3.2006 | 15.09.2006

Zeitschriftenschau: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte

Institut für Zeitgeschichte München-Berlin (Hrsg.)

Ein historiographischer Dinosaurier

Die Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte (VfZ) erscheinen seit 1953 im Auftrage des Instituts für Zeitgeschichte. Über Jahrzehnte waren sie das Periodikum, in dem die Historikerzunft der alten Bundesrepublik sich mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzte. Hier wurden Quelleneditionen und -funde vorgestellt und alle großen Debatten geführt. Dabei erschienen in einem grundsätzlich konservativen Umfeld der u.a. von den Granden Bracher und Möller herausgegebenen Zeitschrift bemerkenswerte Texte. Die Auseinandersetzung mit dem Charakter des Krieges der Wehrmacht in der Sowjetunion wurde hier mit Schärfe geführt, da die wissenschaftlichen Protagonisten der Zeitschrift zugleich zu den Kritikern der Wehrmachtsausstellung gehörten.

Neuere Strömungen und Perspektiven in der NS-Forschung sind in der VfZ eher unterrepräsentiert. Nach wie vor dominieren Quelleninterpretationen und ideengeschichtliche Zugänge die Aufsätze. Alltags- und mentalitätsgeschichtliche Forschungsansätze sucht man hier ebenso vergeblich wie solche aus feministischer Perspektive.

Doch für Kontroversen ist die VfZ noch immer gut. Seit Monaten wird bspw. die Debatte um die Motivlage der nationalkonservativen Akteure des 20. Juli erneut kontrovers geführt. Nachdem der Historiker Johannes Hürter im Januarheft einen Quellenfund referierte, der die frühzeitige Kenntnis u.a. Henning von Treskows der Vernichtungskriegspraxis der Wehrmacht im Osten belegte und die ehrenhaften Motive der Hitlerattentäter in Zweifel zog. Diese habe in erster Linie die militärische Lage im Osten umgetrieben, nicht die moralische Empörung über den Vernichtungskrieg.

Hierauf hatte Hermann Graml, der große alte Mann der Forschung zum deutschen Widerstand, zu einer Verteidigung der Verschwörer des 20 Juli 1944 angehoben, die historische Fakten generös überging und stattdessen den moralischen Edelmut der Männer um Stauffenberg und Teskow hervorhob. Diese Debatte darf auch als Konflikt um die traditionsbildenden historischen Meistererzählungen der alten Bundesrepublik gelesen werden. Denn nicht nur in der Bundeswehr gelten die Verschwörer des 20. Juli 1944 als moralisch-politischer Bezugspunkt. Ihre moralische Überhöhung und instrumentelle Indienstnahme durch die Politik ist eine Kontinuität der Bundesrepublik.

Gewiss, die VfZ mag manchem jüngeren Leser wie ein historiographischer Dinosaurier vorkommen. Doch als Forum für geschichtspolitische Debatten und Seismograph für die wissenschaftspolitischen Intentionen der klassischen bürgerlichen Historiographie des 20 Jahrhunderts ist ihre regelmäßige Lektüre unabdingbar.

Institut für Zeitgeschichte München-Berlin (Hrsg.)
Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte
Oldenbourg-Verlag München
4 Ausgaben/Jahr