Rezensionen | AIB 74 / 1.2007 | 11.03.2007

Zeitschriftenschau: Mittelweg 36

Soziologische Hausmitteilung

Die Zeitschrift Mittelweg 36 wurde zu Beginn der 1990er Jahre als Publikationsorgan der wissenschaftlichen Diskurse im Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS) gegründet. In den im Verlauf der 1990er Jahre erschienen Jahrgängen lässt sich die wissenschaftliche und politische Entwicklung des Reemtsma Instituts gut nachvollziehen. Breiten Raum nahm die Debatte um die vielfältigen Facetten der vom Institut verantworteten sogenannten Wehrmachtsausstellung ein. So lässt sich in Mittelweg 36 indirekt die Geschichte der Ausstellung und die Kontroversen um sie nachlesen. So präsentierte Michael Wildt hier seine bestechenden Analysen zur völkischen Ideologie des Nationalsozialismus.

Ein zweiter wichtiger Forschungsstrang des HIS, der sich in Mittelweg 36 spiegelt, ist der der Geschichte der alten Bundesrepublik. Hier sind vor allem die HIS Autoren Heinz Bude und Wolfgang Kraushaar zu nennen, die je auf ihre Weise die Geschichte der Bundesrepublik in immer neuen Varianten als eine demokratische Erfolgs- und Aufstiegsgeschichte zu beschreiben suchen.

Insbesondere in der von Kraushaar verantworteten Rubrik »Aus der Protestchronik« und seine Beiträge zur Geschichte der altbundesrepublikanischen Linken lassen den Versuch des HIS erkennen, die Deutungshoheit über linke Geschichte zu gewinnen. Hier stehen ernstzunehmende Hinweise auf fatale linke Politiken, neben in denunziatorische Absicht geschriebenen Abrechnungen.

Wiederkehrendes Thema in Mittelweg 36 ist die Frage nach anthropologischen Archetypen, die individuelle und kollektive Gewaltausübung in Form von Terrorismus, Bürgerkrieg und Krieg ermöglicht. Die interdisziplinären Zugriffe auf diese Fragestellungen verlassen der enge Korsett der Politikwissenschaft, führen jedoch in ihrer Essenz manchmal auch in die Irre. Dem Thema Stalinismus widmet man sich in der Zeitschrift mit Sachkenntnis der Quellenlage und Dynamiken des kommunistischen Weltsystems.

Die Qualität von Mittelweg 36 besteht darin, dass der Leser kein Spartenblatt für Spezialisten in den Händen hält, sondern eine breit angelegte Revue politischer und soziologischer Fragestellungen des 20 und 21 Jahrhunderts. Naturgemäß ist das zweimonatlich erscheinende Blatt als wissenschaftliche Hausmitteilung des HIS zu lesen, deren ex-linke Vergangenheit man nachtrauern kann, deren liberale Ausrichtung man jedoch mit Gewinn lesen soll.

Hamburger Institut für Sozialforschung (hrsg.)
Mittelweg 36 – Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung
zweimonatlich