Rezensionen | AIB 76 / 3.2007 | 20.09.2007

Zeitschriftenschau: Freitag – Die Ost-West Wochenzeitung

Wer liest im Internetzeitalter eigentlich noch eine Wochenzeitung, wenn schon die Tageszeitungen dem Aktualitätsdruck uneinholbar hinterher laufen. Zur Wochenzeitung  sollen Leser greifen, die im Strudel der Nachrichtenlage einer Redaktion die eigene Urteilskraft anvertrauen wollen.

Im Chor der deutschen Wochenzeitungen ist der FREITAG eine linke, leider zu selten gehörte Stimme. Hervorgegangen war die Zeitung aus den Wochenzeitungen Sonntag (Ost) und der Volkszeitung (West). Wer in der DDR ein »Sonntag«-Abonnement sein Eigen nannte, konnte sich glücklich schätzen. Abseits des Stumpfsinns von ND und den Bezirksblättern suchte die Redaktion den Weg der linientreuen Weltoffenheit. Der »Sonntag« war immer auch Gradmesser der kulturpolitischen Atmosphäre der DDR. Alle Irrungen der dogmatischen SED Kulturpolitik lassen sich in den Jahrgängen ebenso nachlesen, wie die Lichtblicke sozialistischer Kunst und Literatur.

Die »Volkszeitung« war der frühe von vielen Versuchen in der Bundesrepublik eine linke Wochenzeitung zu etablieren. Das Blatt im Umfeld der linksliberalen neutralistischen Bewegung in den 1950er Jahren gegründet, geriet ab Mitte der 1970er Jahre in politische und finanzielle Abhängigkeit von der DDR und ihrer bundesrepublikanischen Statthalter der DKP.  Im Verlauf der 1980er Jahre ging die Zeitung inhaltlich zunehmend auf Distanz zur SED/DKP. Während die »Volkszeitung« 1989 in finanzielle Schwierigkeiten geriet, die nun von keiner DDR Unterstützung mehr aufgefangen werden konnte, suchte der »Sonntag« im Jahr 1990 um seine Existenz bangend seine Rolle.

Seit Herbst 1990 erscheint der FREITAG in Berlin als Ost-West Wochenzeitung. Die Redaktion verfolgt unter der Herausgeberschaft von zunächst Günter Gaus, Wolfgang Ullmann u.a. einen Kurs der linkssozialdemokratischen Kritik an den Folgen der Wiedervereinigung. Die Kulturberichterstattung ist gediegen, ernst, und kommt über den klassischen bürgerlichen Kulturbegriff nur selten hinaus. Rezensionen von y y HipHop-Platten sucht man hier vergebens. Dafür fand der Schriftsteller Peter Weiss im Blatt eine ausführliche Würdigung, was man in anderen linken Blättern vermisste. Zuverlässig werden hier Romane, Filme und Theaterstücke besprochen, die in der ZEIT unter den Tisch fallen und in der Jungle World als nicht hip gelten. Das ist im besten Sinne altlinks.

Stilistisch hält man sich im FREITAG an die Konventionen eines linksbürgerlichen Journalismus. Wo die »Jungle World« zuviel Popjargon und linken Zeitgeistgehaspel hat, fehlt es dem FREITAG an Mut zu unkonventionellen Themen und Stilen. Bisweilen ärgerlich ist, wenn die Leitartikel antiamerikanische Reflexe bedienen, oder zum Xten Mal über die Hoffnung auf eine SPD-Linke spekulieren, die es so nicht gibt. Wie alle linken Zeitungen, bewegt sich der FREITAG auf ökonomisch unsicherem Grund. Mehrfach soll das Blatt vor dem Ende gestanden haben. Dank seiner Leser/innen ist dies nicht geschehen. Zum FREITAG sollte greifen, wem der up to date Schlachtlärm mancher linker Identitätsdiskurse auf den Wecker fällt, und dem stattdessen die Traditionen linker Kultur und ihre Anwendung auf heutige Kulturangelegenheiten wichtig sind.

www.freitag.de