Rezensionen | AIB 70 / 1.2006 | 05.03.2006

Zeitschriftenschau: DAS ARGUMENT

DAS ARGUMENT ist die älteste marxistische Wissenschaftszeitschrift der Bundesrepublik. Im Jahre 1966 vom mittlerweile emeritierten Professor Wolfgang F. Haug gegründet, bildete DAS ARGUMENT das intellektuell-diskursive Rückgrat des Neomarxismus in der postnazistischen Ära, in der nicht nur die Wissenschaftslandschaft von alten Nazis bestimmt wurde. Die Zeitschrift war Forum für die Ende der 1960er Jahre einsetzende Faschismusdiskussion der Linken, in der Beiträge wie die von Timothy Mason heute noch als Klassiker linker Faschismustheorie gelten.

In der Mitte der 1980er Jahre einsetzenden Debatte um die wissenschaftspolitischen Akteure der NS-Diktatur aus Philosophie und Geschichtswissenschaft erwies sich die Zeitschrift als wichtiger Motor für die kritische Reflektion. Frühzeitig wurde hier bspw. das Verhältnis des Philosophen Martin Heidegger zum Nationalsozialismus kritisch beleuchtet, oder der Interaktionsverhältnis zwischen Nietzsches philosophischen Entwürfen und der Herrenmenschenideologie des NS beschrieben. Für die theoretische Fundierung des Feminismus und der Genderdebatte leistete die Zeitschrift einen wichtigen Beitrag zum Diskurs- und Wissenstransfer aus dem angelsächsischen Sprachraum.

Gleiches trifft für die theoretische Debatte des Rassismusbegriffes zu, wo die Zeitschrift die Arbeiten von Stuart Hall, Immanuel Wallerstein und Etienne Balliebar zugänglich machte. Jedes Heft der zweimonatlich erscheinenden Zeitschrift hat ein Schwerpunktthema dem ein umfangreicher Rezensionsteil aus Philosophie, Literaturwissenschaft, Soziologie und Geschichtswissenschaft beigegeben ist, der interessante Neuerscheinungen aus dem sozialwissenschaftlichen Bereich vorstellt. Ebenso wie die marxistische Wissenssoziologie Anfang der 1990er Jahre in der Folge in die Krise geriet, erging es auch der Zeitschrift, obwohl sie immer einen offenen Marxismus vertrat. Zudem blieb in Zeiten neoliberaler Hegemonie auch in den Sozialwissenschaften der Nachwuchs an Autoren spärlich. Das mag auch an einem kulturellen Code der Zeitschrift liegen, die mancher als Betulichkeit interpretiert. Nein, Popkulturdiskurse sucht man in DAS ARGUMENT vergeblich.

Was die Zeitschrift bietet und was sie für Leser/innen die zum Themenkontext Nationalsozialismus/Rechtsextremismus arbeiten, interessant macht, ist das Niveau der theoretischen Durchdringung der Themen vom Standpunkt eines emanzipatorischen Verständnisses gesellschaftlicher Prozesse aus. So lasen sich die Debatten um einen neuen Antisemitismus in Europa kundig und unaufgeregter, als in manch anderem linken Magazin. Die Zeitschrift erscheint im gleichnamigen Verlag, der die in der Zeitschrift dargestellten Inhalte mit einem Konzept programmatischer Monographien unterlegt.

DAS ARGUMENT: Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften
Hamburg/Berlin 2-monatlich
Argument-Verlag