Rezensionen | AIB 75 / 2.2007 | 17.06.2007

Zeitschriftenschau: Blätter für deutsche und internationale Politik

Die monatlich erscheinenden »Blätter« sind eine der ältesten politischen Zeitschriften der alten Bundesrepublik. Die »Blätter« wurden 1956 von Graf von Wesphalen gegründet. Getragen wurde die Zeitschrift vom neutralistischen »Deutschen Klub 1954«, der gegen die Westbindungspolitik Adenauers eintrat. Dieser fusionierte später mit der Deutschen Friedensunion (DFU). In den Anfangsjahren soll die Zeitschrift von der DDR finanziert worden sein. Doch lange hielt diese Bande nicht. Das Blatt gewann an Unabhängigkeit.

Dennoch erschienen die »Blätter« im DKP-nahen Pahl-Rugenstein Verlag und vertraten inhaltlich die Positionen der sogenannten »Marburger Schule« der westdeutschen Politikwissenschaft im Sinne des Gelehrten Wolfgang Abendroth. Deren Dreh-und Angelpunkt war die These, mittels einer schrittweisen Demokratisierung aller gesellschaftlichen Sphären zu einer Transformation der kapitalistischen Verhältnisse gelangen zu können.

In den siebziger Jahren wurde die Zeitschrift zum Forum der westdeutschen Friedensbewegung und machte auch deren Irrwege mit. Doch anders als in anderen parteigebundenen linken Zeitschriftenprojekten galt Meinungspluralismus hier als Tugend. Mit der Wende brach auch der Pahl-Rugenstein Verlag ökonomisch zusammen. Die »Blätter« kämpften ums Überleben. In dieser Situation gründeten die Mitarbeiter der Blätter einen eigenen Verlag, der die Blätter bis heute trägt. Hinzu kam ein prominent besetztes Herausgebergremium, dass die Reputation der »Blätter« erheblich steigerte.Heute sind die »Blätter« eine der wichtigsten politisch-analytischen Zeitschriften, die themenübergreifend das Zeitgeschehen aus einer linken/linksliberalen Perspektive kommentieren.

Unregelmässig findet auch der Themenkontext Rechtsextremismus in den »Blättern« Beachtung. Die Blickperspektive ist dabei fast durchgehend eine sozial- oder politikwissenschaftliche. So waren in den »Blättern« nach den Wahlen in Sachsen, die der NPD einen Wahlerfolg brachten, durchaus scharfsinnige Analysen zu lesen. Doch auch der Zusammenhang zwischen Rechtspopulismus und Neoliberalismus entgeht den »Blätter«-Autoren nicht.

Graphisch ist die Zeitschrift eine nüchterne Bleiwüste. Hier zählt das Wort, der Text. Mit Layoutmitteln ist man sparsam. Das fördert die Konzentration auf die Inhalte. Neben Kommentaren und Aufsätzen findet sich monatlich eine Chronik internationaler Politik und der Abdruck politischer Originaldokumente aus internationalen Organisationen. Was in der Zeit vor dem Internet seine Berechtigung haben mochte, ist heute – von Ausnahmen abgesehen – überholt. Heute findet man faktisch jedes Dokument im Netz. Schmerzlich vermisst man in den »Blättern« dagegen eine Rubrik, in der dem Leser aus dem Irrgarten der Neuerscheinungen politischer Literatur geholfen wird. Rezensionen sucht man hier vergebens.

Die themenzentrierte Lektüre der »Blätter« ist zur Ergänzung des heute oft als Fast-Food-Journalismus funktionierenden Geschäfts der Tages-und Wochenzeitungen nur zu empfehlen.

Blätter für deutsche und internationale Politik
Berlin/Bonn; Blätter Verlag Berlin
monatlich
www.blaetter.de