Gesellschaft | AIB 107 / 2.2015 | 27.08.2015

Weisse Wölfe

Eine grafische Reportage über rechten Terror

Der Journalist David Schraven hat sich für den Comic „Weisse Wölfe“ mit dem Zeichner Jan Fendt zusammengetan, um seine Rechercheergebnisse über die Verbindungen des NSU nach Dortmund und zu rechten Akteuren in ganz Europa einer breiten Zielgruppe zugänglich zu machen.

Der Comic „Weisse Wölfe“ arbeitet mit drei Erzählsträngen, um die Zusammenhänge von rechtsterroristischem Morden, neonazistischer Ideologie und der individuellen Geschichte eines Neonazis sichtbar zu machen. Einerseits zeichnet sich Schraven selbst in seiner Recherche in die Geschichte ein, ge­trieben von der Frage, warum der NSU gerade in Dortmund Mehmet Kubaşik ermordete. Hierbei wird im Laufe des Buches klar, dass die zweite Erzählperspektive jene eines Mitglieds aus der Dortmunder Neonazi-Szene ist, genannt Albert S., der, wie sich herausstellt, zudem als Informant für den Verfassungsschutz arbeitet. Der dritte Strang wird durch unkommentierte Auszüge aus den fiktiven Turner-Diaries1,welche RechtsterroristInnen weltweit als ideologische Vorlage für ihre menschenfeindlichen Angriffe und Morde nutzten, gebildet. Auf allen drei Ebenen spielt Authentizität eine wichtige Rolle. Die „Turner-Diaries“ dienten nicht nur dem NSU als Vorlage für ihre rassistischen Morde. Auch die individuelle Geschichte von Albert S. basiert auf den Erzählungen eines Neonazis, den Schraven im Gefängnis traf und dessen Name der einzige ist, der verändert wurde, bei dem es sich jedoch um den Neo­nazi Sebastian Seemann aus Lünen handeln muss 2. Besonders die Ebene, auf der Schraven seine Recherche darstellt, soll dem Comic sei­nen dokumentarischen Charakter verleihen.

Musik, Gewalt und Drogen

Hierbei nimmt die Geschichte des Informanten Albert S. den größten Stellenwert auf den 200 Seiten ein. Es wird sowohl darauf eingegangen, wie er über Musik und rassistische Auseinandersetzungen Zugang zu militanten Neonazinetzwerken fand, als auch auf seine Rolle in der Beschaffung von Waffen, der Organisation von Konzerten und der Planung von Anschlägen.  Albert S. stellt sich dabei selbst als politisch aktivstes Mitglied seiner Kameradschaft dar, welche sich mehr über Saufen und Schlägereien untereinander definiert als über den von ihm benannten „Rassenkampf“. Über Michael Berger 3, der im Jahr 2000 drei PolizistInnen und dann sich selbst erschoss und von Neonazis deutschlandweit als Märtyrer „gefeiert“ wurde, findet Albert S. Zugang zu „Blood & Honour“-Strukturen und „Combat 18“. Hier zeigt sich auch die Verbindung zum Thüringer Heimatschutz und dem NSU. Im Buch wird dabei sehr deutlich beschrieben, wie die einzelnen Zellen organisiert und untereinander vernetzt sind, beispielsweise wenn es um die Beschaffung von Waffen geht. Konzerte und Aufmärsche haben hierbei eine zentrale Vernetzungsfunktion. So lernt Albert S. auch Marko Gottschalk, Sänger der Band „Oidoxie“ und Mitglied der Band „Weisse Wölfe“ kennen4. Dieser ist eine der führenden Personen von „Combat 18“ in Deutschland und verfügt über weitreichende Kontakte in Europa. Getragen von dem Gedanken der militanten Organisationen, entscheidet Albert S., sich in der französischen Fremdenlegion im Kampf an der Waffe ausbilden zu lassen. Über den belgischen Neonazi-Kader Joeri van der Plas, mit dem er gemeinsam Konzerte orga­nisiert und eine Antwerpener „Combat 18“-Zelle aufmacht, findet er verstärkt Zugang zu Altnazis und Holocaustleugnern wie David Irving. Die Planung des Kampfes im Untergrund beinhaltete dabei sowohl das Training mit Mitgliedern der belgischen Armee als auch die Infiltrierung dieser, um einen Anschlag auf das belgische Parlament auszuführen. Nach einer Auseinandersetzung mit van der Plas reist Albert S. zurück nach Dortmund. Hier baut er sich eine Existenz als Kneipenbesitzer am Rande der Szene auf. Die Kneipe, die ein Anlaufpunkt für Rocker ist, ist Albert S.’ Einstieg in den Kokain-Handel zusammen mit seinem Kameraden Robin Schmiemann 5. Durch einen misslungenen Drogendeal gerät Schmiemann in Geldnot und überfällt einen Supermarkt, worauf er, wie sich nun herausstellt, von dem V-Mann Albert S. verraten und von der Polizei gestellt werden kann. Hier endet die Geschichte von Albert S. mit seiner eigenen Verhaftung.

Die Recherche

Problematisch erscheinen bei dieser Erzählweise nicht nur die unreflektierte Ästhetisierung von Neonazi-Propaganda, Gewalt und realen Akteuren, sondern auch die unklaren Motive, die zu Albert S. Involvierung in militante Neonazinetzwerken führt. An manchen Stellen fragt man sich, inwieweit die Darstellung von Sex, Gewalt und Nazi-Symboliken als Effekthascherei dient.

Eine klare Positionierung gegen rechten Terror bietet der Erzählstrang von Schraven. Aufgrund einer mangelnden Perspektive von Betroffenen ist dies im Buch die einzige kritische Auseinandersetzung mit der Darstellung der sonst unkommentierten Zusam­menhänge zwischen Rechtsrockkonzerten, militanten Zellen und dem NSU. Schraven verweist auf zentrale Akteure, Akten des Verfassungsschutzes und gesellschaftliche Reaktionen. So zitiert er beispielsweise den Dortmunder Oberbürgermeister Ullrich Sierau, der negiert, dass Dortmund eine Nazi-Hochburg sei. Ergänzt werden die dargestellten Akten und Bilder durch einen dem Comic angehängten Text, der in Zusammenarbeit mit dem Journalisten Thomas Kuban 6 entstanden ist und welcher die historische Entwicklung der militanten Neonaziszene in Europa und die wichtige Stellung von Musik hervorhebt. Das Autoren-Duo macht hierbei immer wieder deutlich, wie oft diese Problematik verschwiegen und weggeredet wurde und so auch die Morde des NSU überhaupt erst ermöglicht wurden. Die vorhandene Verbindung der bestehenden Zellen und so auch die Aufforderung zu weiteren Aktionen, als die die Morde des NSU zu sehen sind, wird verstärkt in den Fokus gerückt. Schraven verweist dabei auf die ideologische Relevanz der „Turner-Diaries“ und  widerspricht so der These von  mordenden Einzeltätern. Im Verhältnis dazu kommt die Rolle von Albert S. als Informant für den Verfassungsschutz zu kurz. An dieser Stelle hätte betont werden können, dass sämtliche Aktivitäten von Albert S. bzw. Sebastian Seemann ab Dezember 2004 mit dem Wissen des Verfassungsschutz NRW geschahen.

Das Medium Comic ermöglicht durch seine Dualität von Schrift und Bild eine konträre Darstellung von Geschichten. Diese Möglichkeit ignoriert „Weiße Wölfe“ leider gänzlich. Die von Albert S. erzählte Geschichte wird zwar immer wieder durch die Reflexionen des Journalisten und die „Turner Diaries“ durchbrochen, aber es findet zwischen Bild und Text kein Bruch statt. Wir sehen genau das,  was Albert S. erzählt, ohne dass seine Perspektive auf der bildlichen Ebene reflektiert worden wäre. Wenn die Bilder weniger aus der Perspektive des Neonazis gemalt oder sogar die Perspektive von Betroffenen aufgezeigt hätten, wäre die Abgrenzung zu dem von Albert S. Erzählten konstitutiv für den Comic. So besteht die Gefahr, dass die Geschichte und die Darstellung von Nazi-Symbolik, Gewalt und Sex auch als Identifizierungsgrundlage genutzt werden kann.

„Weiße Wölfe“ versucht ein in der deutschen Öffentlichkeit wenig beleuchtetes Thema in den Fokus zu rücken und die europa - wenn nicht weltweite Vernetzung militanter Neonazis darzustellen. Die Komplexität der Thematik wird schlaglichtartig beleuchtet und muss in der weiteren Auseinandersetzung ergänzt werden. Für ein eher unerfahrenes Publikum bietet das Buch viele Ansatzpunkte zur weiteren Auseinandersetzung, viele Begriffe und Namen müssen gegebenenfalls nachgeschaut werden. Für Antifaschist_innen hält das Buch hingegen ein Detailreichtum bereit, das die zweijährige Recherche Schravens widerspiegelt und von Prozessakten und Fotos bis hin zu Aufklebern vieles aufgreift.