Geschichte | AIB 39 / 2.1997 | 25.09.1997

Vor 60 Jahren: Antonio Gramsci stirbt an den Folgen faschistischer Kerkerhaft

Am 27. April jährte sich zum 60igsten Mal der Todestag des italienischen Marxisten und Antifaschisten Antonio Gramsci. Kurz vor diesen Tag im Jahre 1937 war er aus einem Sanatorium entlassen worden, in das er nach jahrelanger Kerkerhaft 1933 eingewiesen worden war. Sein Tod ist auf die Folgen der Haft zurückzuführen.

Gramsci wurde 1891 auf Sardinien geboren. Nach einem Studium in Turin arbeitet er als politischer Journalist und schließt sich der Sozialistischen Partei (PSI) an. 1919/20 ist er ein führender Kopf der Fabrikrätebewegung. Er gehört zu den Gründern der Kommunistischen Partei (PCI) und wird ins Exekutivkommitee der Kommunistischen Internationale (Kl) aufgenommen. Als die Faschisten die Macht übernehmen ist er in Moskau. Dort nimmt er Einfluß auf die Faschismusdiskussion in der Kl. Er wird zum Vorsitzenden seiner Partei, kehrt unter den Schutz parlamentarischer Immunität nach Italien zurück und bemüht sich, die Partei für den antifaschistischen Kampf vorzubereiten. Dabei verfolgt er eine Politik, die wesentliche Elemente der Einheits- und Volksfrontstrategie vorwegnimmt. Die Kl wird sich erst nach dem Zusammenbruch der deutschen Arbeiterbewegung, im Jahre 1935, dazu durchringen.

Im November 1926 wird Gramsci verhaftet. Er wird zu 20 Jahren Haft verurteilt. Im Gefängnis wird ihm erlaubt, unter Einschränkungen zu arbeiten und zu schreiben. Von 1929 bis 1935 füllt er über zwei Dutzend Schreibkladden mit Notizen zu philosophischen, historischen, politischen, ökonomischen u.a. Themen - unsysthematisch und unvollendet, aber voll interessanter Gedanken. Diese »Quaderni del carcere« (Gefängnishefte) werden nach der Befreiung vom Faschismus in Ost und West, in den sozialistischen wie den kapitalistischen Ländern, in den Metropolen wie in der sog. »Dritten Welt« gelesen und entfalten weit über den Marxismus hinaus ihren Einfluß.

Gramsci analysiert u.a. die Gesellschaft und entwirft neue Modelle einer politischen Strategie der Unterdrückten (der »Subalternen«) auf dem Weg zur Befreiung. In der antifaschistischen Bewegung ist Gramsci vor allem deswegen bekannt, weil angeblich die »Neue Rechte« ihre Politik nach seinen Konzepten ausrichtet, wenn sie die »kulturelle Hegemonie« erringen will. Tatsächlich ist die Beschäftigung mit Gramsci nur eine kurze Periode in der Geschichte der intellektuellen Rechten, und sie ist nicht besonders gründlich. Daß die extreme Rechte gar Gramscis politische Konzeptionen verfolge, ist Unsinn.

Dabei hätte die antifaschistische Bewegung allen Grund, sich unmittelbar mit Gramsci zu befassen - dem Revolutionär, dem Antifaschisten und dem Theoretiker. Denn neben der Tatsache, daß man aus den »Quaderni« einiges über eine politische Strategie der »Subalternen« lernen kann, die auch für den antifaschistischen Kampf nützlich ist, setzt sich Gramsci auch mit dem aufkommenden Faschismus auseinander. Seine bereits angesprochene Bündnisstrategie stellt die praktische Seite dieser Auseinandersetzung dar.

Als er durch die Haft an dieser Tätigkeit gehindert wird, setzt er sich eher theoretisch damit auseinander. Sein Beitrag zur Faschismustheorie wird zumeist noch unterschätzt. Schließlich sollten wir nicht vergessen, daß Gramsci ein Opfer des Faschismus ist und nicht ein „geistiger Vater“ des Neofaschismus.

Zum Weiterlesen:

Die »Quaderni« erscheinen derzeit im Argument Verlag (bisher 7 von 10 Bänden). Sie lassen sich nur intensiv studieren, sind aber auch anregend zu lesen. Jeder Band kostet allerdings 46.-DM. Eine gut lesbare Darstellung ist Sabine Kebirs Buch » Gramscis Zivillgesellschaft« (Hamburg: VSA 1991), wo auch ein Kapitel dem Thema »Faschismus und Populismus« gewidmet ist.