Mord während des Haftlaubes ? Der schwedische Neonazi-Aktivist Tony Olsson. (Foto: Screenshot von expressen.se)
International | AIB 48 / 3.1999 | 04.09.1999

Tödlicher Neonazi-Bankraub in Schweden

Drei Mitglieder der Nationalsocialistisk front (NSF) haben nach einem mißglückten Banküberfall zwei Polizeibeamte brutal ermordet. Der Anführer der NSF, Anders Högström , erklärte, daß er sich weder von den Mördern »distanzieren werde«, noch »werden sie aus der Partei ausgeschlossen«.

Zwei Polizisten von Neonazis hingerichtet

Der Doppelmord war das Ende eines klassischen Bankraubs am Nachmittag des 29. Mai 1999. Zwei schwer bewaffnete Männer überfielen die Bank in Kisa, einem Ort 250 Kilometer südöstlich von Stockholm. Ein dritter Bankräuber, der mit einer automatischen Waffe bewaffnet war, hielt auf der Straße Wache und bedrohte Passanten außerhalb der Bank. Als die Bankräuber flüchteten, kam der örtliche Polizeichef Kenneth Eklund hinzu und begann, die Angreifer zu verfolgen.

Die Bankräuber begannen sofort, das Polizeiauto unter Beschuß zu nehmen. Eklund mußte die Verfolgung nach wenigen Minuten kurzzeitig unterbrechen. Als das Fluchtauto weiterfuhr, setzte Eklund die Verfolgung fort. Zwei Kilometer außerhalb der Stadt hatte Polizeichef Eklund als er sich einer scharfen Kurve näherte eine Vorahnung. In weiser Voraussicht, daß die Bankräuber ihm möglicherweise eine Falle stellen könnten, reduzierte er seine Geschwindigkeit. Er hatte Recht. Hinter der Kurve eröffneten automatische Maschinenpistolen das Feuer auf ihn. Das Auto von Eklund, der nur mit einer Handfeuerwaffe bewaffnet war, wurde buchstäblich in Stücke geschossen. Der sprichwörtliche Siebte Sinn rettete sein Leben.

Die Schüsse zerstörten den Motor seines Autos und er mußte das Auto verlassen. Es gelang ihm 15 bis 20 Meter über eine offene Straße zu rennen und dann Deckung zu finden. Er versteckte sich in einem kleinen Sumpfgebiet neben der Straße. Anstatt ihre Flucht fortzusetzen, nahmen die Bankräuber ruhig ihre Positionen wieder auf und feuerten unzählige Salven in das Sumpfgebiet ab. Offensichtlich dachten sie, daß sie Eklund getötet hätten, und fuhren dann weiter. Zu seiner eigenen Überraschung lebte Eklund noch und war unverletzt geblieben.

Tödliche Falle

Ungefähr zehn Kilometer östlich wechselten die Bankräuber ihr Auto und fuhren weiter. Sie wurden allerdings von einem zweiten Polizeiauto bemerkt, das von den Beamten Olov Borén und Robert Karlström gefahren wurde, die gerade ihre Tagesschicht begonnen hatten. Boren und Karlstrom war das Auto merkwürdig vorgekommen und sie gaben das Kennzeichen über Funk durch. Sie folgten dem Fluchtauto eine Zeitlang in sicherer Entfernung. Hinter dem Ortseingang des Dorfes Malexander hielten die Bankräuber nach einer scharfen Kurve erneut an und brachten sich außerhalb des Autos in Schußposition.

Als die Beamten Borén und Karlström um die Kurve kamen und gerade das Ergebnis der Kennzeichenabfrage erhielten, fuhren sie direkt in die Falle. Beide wurden offensichtlich völlig überrascht. Einem von ihnen gelang es, das Feuer mit seiner Dienstwaffe zu erwidern und einen der Angreifer zu verwunden. Trotzdem wurden beide Polizeibeamte durch Kopfschüsse getötet. Mehrere Quellen sagen, daß beide hingerichtet wurden. Das schwedische Fernsehen meldete, die Beiden seien durch Schüsse in den Hinterkopf getötet worden. Nach Angaben weiterer Quellen benutzten die Mörder dabei die Waffen der Polizeibeamten. Diese Behauptung wurde in der offiziellen Untersuchung zurückgewiesen.

Der verwundete Bankräuber - er hatte drei Schüsse in seine Hüfte und die Brust bekommen - überlebte, war aber in kritischem Zustand. Seine »Kameraden« warfen ihn einige Minuten später aus dem Auto und befahlen einem Zivilisten, ihn in ein nahegelegenes Krankenhaus zu fahren. Während der Fahrt versuchte der verletzte Bankräuber seinen »Retter« mit der Waffe zu bedrohen, der diese allerdings ganz einfach aus dem Autofenster schmiß.

Hochrangiges NSF-Mitglied

Der schwerverletzte Mittäter wurde als Andreas Axelsson identifiziert. Dieser Name ließ in der Antifa-Community die Alarmglocken klingeln, denn Andreas Axelsson ist ein bekannter Neonazi. Er ist u.a. der ehemalige Herausgeber des "Stormpress-Magazin", dem Propagandaheft der "Smalands Stormavdelning" ("Smaland SA"), einer antisemitischen Neonazigruppe im mittleren Südschweden. Vor ungefähr einem Jahr wurde die Smaland SA von der Nationalsocialistisk front (NSF) geschluckt, der am schnellsten wachsenden Naziorganisation in Schweden.

Andreas Axelsson ist ein Freund und enger Mitarbeiter von Anders Högström, dem Anrührer der NSF. Andreas Axelsson galt als NSF Verantwortlicher für die Region Nybro. Die Nachricht, daß ein hochrangiges NSF-Mitglied an einem Polizistendoppelmord beteiligt war, stürzte die Organisation kurzfristig in eine Krise, die sie jedoch schnell überwand. Hogström erklärte öffentlich, daß die Partei »in keiner Art und Weise mit dem Bankraub in Verbindung steht« und die Hinrichtung der beiden Polizisten »nicht unterstützt«. Auf die Frage, ob die Morde einen Ausschluß von Axelsson aus der NSF zur Folge hätten, erklärte Hogström, daß es Axelsson freistehe in der Organisation zu bleiben und daß die Partei ihm alle nötige Unterstützung geben werde. Aufgrund seiner Verletzungen wurde Axelsson bisher nicht allzu oft verhört. Er weigert sich, Aussagen zu machen. Als ihm die Anklage an seinem Krankenhausbett verlesen wurde, erklärte er, er sei »unschuldig«.

Neonazi-Söldner

Die Morde haben eine der größten Verfolgungsjagden in der Geschichte Schwedens nach sich gezogen. Ein zweiter Mittäter wurde anhand von Fingerabdrücken auf einer Waffe, die die Angreifer weggeschmissen hatten, als Jackie Arklöv identifiziert.

Jackie Arklöv wurde in Liberia als Sohn einer schwarzer Mutter und eines weißen Vaters geboren und dann als Kind von einem schwedischen Ehepaar adpotiert. Mit 18 Jahren ging er zur Armee, wo er in der Eliteeinheit der Ranger ausgebildet wurde. Der Waffenfanatiker Jackie Arklöv begann damit, die Waffen-SS zu verherrlichen. Er wurde zu einem lautstarken Antisemiten und übernahm den Haß der weißen Rassisten auf »race mixing«. 1994 ging Jackie Arklöv nach Bosnien, wo er als Söldner in der »Anti-Terror-Gruppe« der kroatischen "Knez Domagoj" Brigade der "Hrvatsko vijeće obrane" (HVO) angeheuert wurde. Mit dieser Brigade beteiligte sich Jackie Arklöv an der ethnischen Säuberung Kroatiens von bosnischen Moslems. Eine Zeitlang diente Jackie Arklöv als Wachposten in einem Gefangenenlager im Distrikt von Caplinja, wo er nach Zeugenaussagen in seinem Prozeß in zahlreichen Fällen an Folterungen moslemischer Kriegsgefangener beteiligt war.

Während einer Feuerpause im Jahr 1995 wurde Jackie Arklöv von der bosnischen Polizei verhaftet und vor Gericht gebracht, wo er zu 13 Jahren Haft verurteilt wurde. Kurz darauf wurde er in einem Austausch mit bosnischen Gefangenen freigelassen und konnte nach Schweden ausreisen. Dort wurde er bei seiner Ankunft zwar festgenommen und für zwei Monate inhaftiert, kam dann aber mitsamt einer Haftentschädigung von 23.000,- schwedischen Kronen wieder frei, weil die schwedische Staatsanwaltschaft erklärte, es gäbe »keine Grundlage« für einen Prozeß in Schweden.

Nach seiner Haftentlassung wurde Jackie Arklöv Mit glied in der NSF, die es »cool« fand, einen verurteilten Kriegsverbrecher in ihren Reihen zu haben. Jacki Arklöv wurde vier Tage nach den Polizistenmorden in Stockholm festgenommen. Während der Festnahme erhielt er einen Schuß in den Rücken, ist aber nicht in Lebensgefahr. Er weigert sich, Aussagen zu machen.

Ein gedungener (Mit-)Mörder ?

Die Polizei erklärte kurz darauf, daß es sich bei dem dritten Verdächtigen um den 27jährigen Tony Olsson handele. Tony Olsson war ein ehemaliger Kader der inzwischen aufgelösten Neonaziorganisation "Riksfronten" von Per Öberg und zum Zeitpunkt der Morde auf Hafturlaub. Er wurde 1995 zu sechs Jahren Haft wegen Verschwörung zu einem Auftragsmord verurteilt und soll im Knast Mitglied der "Ariska Brudraskapet" gewesen sein. Die Neonazi-Knast-Gang soll nach Berichten von Szene-Insidern 1996 von Niklas Löfdahl, Johann Billing und Daniel Hansson gegründet worden sein. Tony Olsson hatte Hafturlaub erhalten, weil er im Rahmen eines Resozialisierungsprogramms in einem Theaterstück mitspielte, das aufgrund seines Inhalts ziemlich umstritten ist. Am Tag vor der Schießerei hatte Tony Olsson Hafturlaub erhalten, um bei der letzten Aufführung der Saison mitspielen zu können. Er verschwand direkt nach der Aufführung.

Flucht nach Costa Rica

In der folgenden Woche verfolgte die Polizei Olssons Bewegungen zwar anhand seiner Handyanrufe, konnte ihn aber trotzdem nicht verhaften. Währenddessen hatte die größte schwedische Tageszeitung, Aftonbladet, Kontakt zu Olssons Mutter, Britt B., aufgenommen. Trotz Polizeiüberwachung ihres Hauses, gelang es Britt B. zum Flughafen zu kommen und dort bestieg sie gemeinsam mit einem Reporter des Aftonbladet und ihrem Polizeischatten ein Flugzeug nach Costa Rica.

Dort fanden sich dann auch Tony Olsson und 120.000,- US-Dollar, ein Teil des geraubten Geldes, wieder. Inzwischen hat sich herausgestellt, daß Britt B. gemeinsam mit ihrem Sohn in die Planung für den Auftragsmord verwickelt war und dafür auch zwei Jahre im Knast gesessen hat. Zehn Tage nach Tony Olssons Flucht nach Costa Rica gelang es den schwedischen Behörden, obwohl es keine formellen Auslieferungsverträge mit Costa Rica gibt, die lokalen Behörden davon zu überzeugen, daß Tony Olsson in Schweden vor Gericht gestellt werden müsse. Tony Olsson wurde verhaftet und nach Schweden gebracht, während seine Mutter nach Florida ausreisen konnte. Für das Aftonbladet könnte die ganze Geschichte noch ein Nachspiel haben, da die Polizei extrem wütend darüber ist, daß das Aftonbladet Informationen über den Aufenthaltsort von Tony Olsson zurückgehalten hatte.

"Arische Kriegskasse"

Da alle drei Verhafteten die Aussage verweigern, versucht die schwedische Polizei möglichst wenig Informationen nach außen dringen zu lassen. Ein Prozeß gegen die drei wird sich wahrscheinlich vor allem auf forensische Beweise stützen müssen. Die Gang ist außerdem ganz oben auf der Liste von Verdächtigen für mindestens vier weitere bewaffnete Raubüberfälle, die im vergangenen Jahr in der gleichen Gegend wie der Banküberfall stattgefunden haben. Allerdings waren an einigen der anderen Überfälle vier und nicht drei Personen beteiligt. Die Polizei weigert sich bisher, Spekulationen über die Identität der vierten Person sowie über die Höhe der geraubten Summe öffentlich zu machen. Eine anonyme Quelle spricht aber von rund fünf Millionen Kronen.

Die offensichtliche Verbindung zwischen dem Banküberfall und den Neonazis hat zu Spekulationen darüber geführt, ob der Banküberfall dazu dienen sollte, Gelder für die »weiße Revolution« zu sammeln. Zumindest behaupten Freunde von Andreas Axelsson, daß sie sich nicht vorstellen können, daß er ein »gewöhnlicher Krimineller« sein könnte.