Rezensionen | AIB 70 / 1.2006 | 05.03.2006

Täter – Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden

Harald Welzers Studie über die Täter der nationalsozialistischen Massenmorde untersucht deren Motivation, Handlungsspielräume und Mentalität.

Harald Welzer

Die Arbeiten des Bochumer Professors für Sozialpsychologie kreisen seit geraumer Zeit um die individuelle und kollektive soziale Disposition, welche die NS-Verbrechen ermöglichten, und hernach zu ihrer Anonymisierung und Bagatellisierung führten. Ging es in seiner gemeinsam mit Sabine Moller verfassten der Studie, »Opa war kein Nazi« um die Formen der narrativen Tradierung der NS-Zeit und der Beteiligung an deren  Verbrechen, so wendet sich Welzer nun in seinem neuen Buch den kausalen Voraussetzungen für die Bereitschaft militärischer Akteure zum Massenmord zu. Anders als Christopher Browning in seiner zum Klassiker gewordenen Untersuchung: »Ganz normale Männer – Das Polizeibataillon 101«, wählt Welzer hier eine ausdrücklich anthropologisierte und sozialpsychologische Erkenntnisperspektive.

Grundlage der Studie sind die Vernehmungsprotokolle von Wehrmachtssoldaten, die an Massenerschießungen in der Sowjetunion teilnahmen und hierzu in den 1960er Jahren meist folgenlos staatsanwaltlich vernommen wurden. Welzer erschließt das Handlungsfeld seiner Studie in mehreren Schritten. Im Einleitungsteil referiert er die aus der Sozialpsychologie bekannten Versuche, die die Bedingungen unter denen Akteure zu bedingtem oder bedingungslosem Gehorsam gegenüber Autoritäten  bereit sind. Ausführlich geht er z.B. auf die Experimente des Amerikaner Stanley Milgram ein. Diese für das Thema der Studie schlüssige Vorgehensweise blendet jedoch den Diskurs über die spezifische Rolle antisemitischer Ideologie bei der Externalisierung der Opfer zu stark aus. Zwar billigt Welzer dieser durchaus eine Rolle zu, bezieht sie in die Struktur seiner Überlegungen jedoch nicht weitergehend ein. So wird die Frage nach der Verknüpfung zwischen Ideologie und Mordhandlung nur zum Teil beantwortet.

Sodann seziert er den Tatverlauf des Massenmords. Welzer beschreibt, wie anfängliche Skrupel gegenüber dem Tötungshandwerk durch dessen Professionalisierung Schritt für Schritt von den Akteuren entschärft werden. Ausführlich analysiert der Autor die Wendepunkte in Dynamik des Handelns der Täter, ihre potentiellen Spielräume, sich der Beteiligung zu entziehen, aber auch die forcierte Gruppendynamik, die ein Zurück hinter die einmal getroffene Entscheidung, sich an den Erschießungen zu beteiligen, nicht zulässt. Der Theorie, die Voraussetzung zur Beteiligung am Massenmord habe in einem finalen Bruch der Täter mit ihrer erworbenen moralisch-ethischen Sozialisation bestanden, folgt Welzer nicht. Sukzessive, so argumentiert er, habe sich der moralische Bezugsrahmen der Täter unter den vorgefundenen Bedingungen des Krieges, der Gruppendynamik des Männerbundes und vor allem der inneren Distanzierung von den Opfern über ihre Verdinglichung, zunächst verschoben und dann entgrenzt. Dieses Modell, welches Welzer mit Hilfe von Zitaten aus den erwähnten Vernehmungen entwickelt, steht dem von Goldhagen und Browning insofern entgegen, als dass letztere ein Primat der Ideologie behaupten, während Welzers Interesse sich auf den konkreten Handlungsvollzug und der Genese ihrer Motivation richtet.

Wie sehr die Rationalisierung des Massenmords und die Distanzierung der Täter von ihren Opfern als Menschen notwendig für die Mordbereitschaft war, zeigt Welzer anhand der zunächst bei den Soldaten vorhandenen Skrupel, Kinder und Säuglinge zu erschießen. Sind diese einmal überwunden, so erscheint deren Erschießung in den Aussagen als »Gnadenakt«, da die Kinder nach dem Tod ihrer Eltern ohne Obhut sind. So wird dem Mord an Kinder und Säuglingen moralische Selbstlegitimation verliehen.

In einem Exkurs befasst sich die Studie mit den strukturellen Voraussetzungen der Massenmorde in Ruanda und im ehemaligen Jugoslawien. Welzers Schlussfolgerungen aus seiner Untersuchung sind ernüchternd. Die Voraussetzungen für Massenmord sind nicht erloschen, sondern existieren in ethnisierten sozialen Konflikten fort.

Harald Welzer hat eine Studie verfasst, die nach der ganz individuellen Entscheidung und Motivation zum Massenmord an Juden im II. Weltkrieg fragt. Die Detailbeschreibungen, die Welzer den Vernehmungsprotokollen entnimmt, sind so dicht, dass man die Lektüre auch dann phasenweise schockiert abbricht, wenn man bereits eine Vielzahl von Monographien über den Massenmord im Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion gelesen hat.

Welzer, Harald
Täter – Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden
S. Fischer Verlag: Frankfurt/M 2005.
324 S. 20,- EUR