(Bild: flickr.com; Olivier Bruchez/CC BY SA 2.0)
Gesellschaft | AIB 72 / 3.2006 | 15.09.2006

Streit um Gedächtnis

Gespräch mit Dr. Nicolas Berg über den »Historikerstreit«, die Unschärfe der Interpretationsvokabeln und die Perspektiven der Holocaustforschung

Auf welchem Stand befand sich die bundesdeutsche Holocaustforschung zu Beginn des »Historikerstreits« im Jahr 1986?

Sie stand an einem Anfang oder Neuanfang.  Es ist bezeichnend, dass es Mitte der 1980er Jahre in Deutschland den Begriff »Holocaustforschung« noch nicht gab oder nicht in dem heute selbstverständlich gewordenen breiten Sinne des Wortes. Und mit dem Begriff fehlt auch die Sache. Es gab natürlich Informationen über das »Dritte Reich« – sowohl in den Universitäten als auch in Schulen. Aber es gab kaum empirische Forschung über das, was heute »Vernichtungspolitik« genannt wird. Bücher, wie zum Beispiel die beiden jüngsten von Dieter Pohl oder Peter Longerich, schrieben seinerzeit Außenseiter des Faches oder Forscher im Ausland. Von beiden Gruppen gingen wesentliche Impulse für die Erkenntnis des Ganzen aus, diese Impulse mussten aber erst intellektuell nach Deutschland übersetzt werden. Dafür war hier die Bereitschaft nötig, Traditionskritik nicht zu schnell und pauschal zu delegitimieren – und somit abzuwehren. Noch einmal: Die wichtigen Bücher wurden vor 1986 entweder nicht in Deutschland oder nicht im Rahmen der Universität verfasst. Zur ersten Gruppe zähle ich zum Beispiel die seit den 1990er Jahren als »Klassiker« angesehene Arbeit von Raul Hilberg, die dieser in den frühen 1950er Jahren vorgelegt hatte. Zur zweiten Gruppe gehören die Dokumentationen von Joseph Wulf in den späten 1950er und frühen 1960er Jahren.

Stand am Ende des »Historikerstreits« irgendein Ergebnis, das Sie als wissenschaftlichen Ertrag bezeichnen würden?  Welchen geschichtspolitischen und wissenschaftlichen Stellenwert nimmt der »Historikerstreit« im Vergleich zu anderen historischen Kontroversen ein? Ich denke hier vor allem an die Diskussionen um die Wehrmachtsausstellungen des Hamburger Instituts für Sozialforschung und die Auseinandersetzungen um Daniel Goldhagens Buch »Hitlers willige Vollstrecker« in den 1990er Jahren oder aber auch an die Fischer-Kontroverse in den 1960er Jahren über die deutsche Kriegsschuld am Ersten Weltkrieg.

Es gab ein Ergebnis, wenn auch nicht im vordergründigen Sinne als Ertrag der Forschung. Die Debatte hinterließ nicht mehr Wissen, das macht sie aus heutiger Sicht kritikwürdig. Es wurde über Meinungen und Wertungen gestritten – was legitim ist, aber nicht, wenn es auf Kosten der zur Diskussion stehenden Zusammenhänge geht. Das aber war genau der Fall. Der »Historikerstreit« war weniger eine Auseinandersetzung um Erkenntnis als vielmehr ein Streit um Gedächtnis. Das Paradoxe war: Gerade dies wurde von den Beteiligten nicht erkannt, die immerfort meinten, ihre politische Position schütze sie gleichsam vor Fehlern beim Sprechen über den Gegenstand. Heute wird zunehmend deutlich, dass man am Beispiel des Holocaust kaum seine wie immer gut gemeinte politische Meinung exemplifizieren kann.

So passt auch der Streit als Ganzes nicht mehr sauber in das traditionelle politische Kategorienmuster. Weder die Linke noch die Konservativen konnten ihre Meinung zum Nationalsozialismus und dessen Verbrechenspolitik so vorbringen, dass sie gleichsam korporativ auf der anderen, der »richtigen« Seite standen. Der »Historikerstreit« ist auch die letzte große Intellektuellen-Debatte der alten Bundesrepublik – und ein wesentliches Ergebnis dieser Auseinandersetzung besteht eben darin, dass im Hinblick auf Nationalsozialismus und Völkermord auch ein bestimmter Argumentations- und Debattenstil an sein Ende gekommen war. Dieser war in der Fischer-Kontroverse der 1960er Jahre dominant gewesen, wurde im »Historikerstreit« noch einmal wiederbelebt, konnte aber in den verschiedenen Täterkontroversen der 1990er Jahre – Wehrmachtsausstellung und Goldhagen-Debatte – nicht mehr beibehalten werden.

Auffallend ist, dass sich am »Historikerstreit« vorwiegend Angehörige der »Flakhelfergeneration« beteiligten, also eine Alterskohorte, die während der 1920er und frühen 1930er Jahre geboren worden war. Weshalb entwickelte sich der »Historikerstreit« zu einer derart heftig geführten innergenerationellen Auseinandersetzung?

Ja, auch das gehört zu einem genauen Blick auf diese Debatte. Und hier wird deutlich: Alle Verlautbarungen in der Sache blieben seinerzeit seltsam leer und vage. Die Kritiker Noltes verglichen die Vernichtung der Juden auch – nur eben mit anderen Zusammenhängen. Die Angegriffenen verteidigten sich mit einem gekränkt vorgetragenen Nationalstolz – und bestätigten so noch im Nachhinein die Kritik. Es wurde immer unübersichtlicher und diese Unübersichtlichkeit hat nicht nur konjunkturelle Gründe, sondern mit der Sache zu tun. Vierzig Jahre nach dem Ende des »Dritten Reiches« wurde deutlich, dass Deutschland als Ganzes – Land, Gesellschaft und Intellektuelle – noch nicht einmal begonnen hatte, dieses Ereignis in der Dimension zu bedenken, die in dem Begriff vom »Zivilisationsbruch« enthalten ist. Und ein Teil der Antwort hierauf ist der von Ihnen angesprochene enge generationelle Rahmen. Es stritten sich die Angehörigen der Jahrgänge Mitte der 1920er bis Mitte der 1930er Jahre. Alle hatten Erinnerungen an die eigene Kindheit, Jugend oder junge Erwachsenenzeit, ohne diese artikulieren zu können, denn es schien, als wären für die eigenen Erfahrungen im Nationalsozialismus und für das wissenschaftliche Sprechen über ihn zwei Sprachen geschaffen worden, die nicht zueinander fanden.

Kommen wir zu aktuellen Entwicklungen. Zeichnet sich 60 Jahre nach dem Ende des »Dritten Reiches« eine geschichts­politische Neubewertung des Nationalsozialismus unter totalitarismustheoretischem Vorzeichen ab? Als Stichworte seien hier genannt: Das Sächsische Gedenkstättengesetz sowie der so genannte »Nooke«-Antrag zur Förderung von Gedenkstätten zur Diktaturgeschichte in Deutschland der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, in denen nur noch pauschal von den »Opfern beider Diktaturen« die Rede ist? 

Oberbegriffe wie »Totalitarismus« oder auch »Faschismus« eignen sich gut dafür, entweder das Konkrete oder aber das Verschiedene abzuwehren – zumal ihnen auch eine wissenschaftliche Aura eigen ist. Doch auch nichtwissenschaftliche Begriffe, wie zum Beispiel »Opfer«, werden immer öfter für ähnliche Zwecke verwendet; die Debatte um das geplante »Zentrum für Vertreibung« zeigt deutlich: Je größer der Abstraktionsgrad, desto unschärfer wird das, was ausgesagt wird. Insgesamt trifft das aber mehr für den öffentlichen Diskurs zu als für die Wissenschaft. In ihr hat sich in den letzten Jahrzehnten eine größere Skepsis gegenüber den ganz großen Interpretationsvokabeln entwickelt.

In den 20 Jahren seit dem »Historikerstreit« hat sich die Holocaustforschung ausdifferenziert und weiterentwickelt. Zahlreiche Detailstudien haben unsere Kenntnisse über die in der Geschichte präzedenzlosen deutschen Verbrechen erweitert. Kultur-, alltags- und mentalitätsgeschichtliche Ansätze eröffneten verstärkt seit den 1990er Jahren Einblicke in die Weltbilder und Handlungsmuster unterschiedlicher Täter oder Tätergruppen. Andere Aspekte, etwa Entstehungsbedingungen, Ausdrucksformen und Reproduktionsweisen volksgemeinschaftlichen Bewusstseins innerhalb der deutschen Gesellschaft bzw. bei »ganz normalen« Deutschen sind dagegen noch weitgehend unerforscht. Was werden die Perspektiven und Fragestellungen der künftigen Holocaustforschung sein? 

Für die deutschsprachige Wissenschaftsentwicklung gilt: Die bedeutenden Studien von Ulrich Herbert, Götz Aly, Michael Wildt oder Peter Longerich, aber auch die Arbeiten von den jüngeren Kollegen wie Thomas Sandkühler, Christian Gerlach, Sybille Steinbacher, Karin Orth oder Isabel Heinemann – um nur einige zu nennen –, haben unser Wissen vom nationalsozialistischen Mord an den europäischen Juden auf eine neue Ebene gehoben. Mit diesen und einer ganzen Reihe weiterer Bücher hat die deutsche Geschichtswissenschaft Anschluss an die internationale Forschung gefunden. Es könnte nun sein, dass nach einer ungefähr zwei Jahrzehnte dauernden empirischen Phase in Zukunft diejenigen Arbeiten wichtiger werden, die synthetisch verfahren und größere Zusammenhänge aufzeigen. Grundsätzlich aber würde ich mir wünschen, dass beides – empirische Forschung und interpretatorische Durchdringung – in ein und derselben Arbeit stattfänden. Das sind noch immer die besten weil aufschlussreichsten Bücher gewesen. Im internationalen Zusammenhang werden Studien zur Wahrnehmung und zum Verständnis der unterschiedlichen gedächtnisstrategischen »Zähmungen« weiterhin von hoher Brisanz und Relevanz sein, etwa zur arabischen Perzeption des Holocaust. Auch erkenntnistheoretische Fragestellungen zum Verhältnis von Subjektivität und Objektivität, zur Perspektivität des historischen Wissens zwischen Individuum und Kollektiv oder von unterschiedlichen Repräsentationsformen der Erinnerung dürften die Forschungsagenda der nächsten Jahre bestimmen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Dr. Nicolas Berg ist Historiker und Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Simon-Dubnow-Institut für jüdische Geschichte an der Universität Leipzig. Er ist Autor des Buches »Der Holocaust und die westdeutschen Historiker. Erforschung und Erinnerung«, Wallstein-Verlag, Göttingen 2003 und hat vor kurzem ein Buch mit dem Titel »Luftmenschen – Zur Geschichte einer Metapher« abgeschlossen (erscheint im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht in Göttingen, August 2006).