11. September 1992: In einem Krankenhaus von Zagreb berichtete der 29-jährige Deutsch-Franzose Nicolas aus Berlin, ihn habe eine Kugel getroffen als er im „offiziellen Einsatz der kroatischen Armee“ eine Artillerie-Stellung in einem bosnischen Dorf angriff. (Foto: Klaus Mehner)
NS-Szene | AIB 110 / 1.2016 | 04.07.2016

Spurensuche im rechten Söldner-Milieu

Das Aufleben der rechten Bewegung motiviert altbekannte Akteure der Neonaziszene wieder politisch aktiv zu werden. Starke Anziehungskraft scheinen vor allem die LEGIDA-Aufmärsche in Leipzig zu haben, die zum Tummelplatz der sächsischen Neonaziszene avanciert sind. Dort ließ sich am 14. September 2015 in vorderster Reihe auch der Geschäftsmann, ehemalige Funktionär der „Republikaner“ und früherer Reisender in Kriegs- und Krisenregionen Reinhard R. blicken. Lange war er öffentlich nicht politisch in Erscheinung getreten. Sein Auftritt überrascht: Reinhard R. versuchte in den vergangenen Jahren mehrfach durch Unterlassungsklagen seinen Namen aus der Berichterstattung über die Neonaziszene verschwinden zu lassen, auch aus früheren Artikeln des Antifaschistischen Infoblatt (AIB). Sein Wiederauftauchen an prominenter Stelle und seine wiederholten Klagen gegen antifaschistische Berichterstattung waren für uns Anlass auf Spurensuche in seinem rechten Netzwerk zu gehen. Reinhard R. selbst und zwei seiner Weggefährten, den Neonazis und mutmaßlichen Söldnern Hans-Jörg Schimanek und Nicolas Peucelle, wollen wir dabei besondere Aufmerksamkeit schenken.

Aktuelle Verbindungen zur Rechten

Trotz der Bekundung, nicht mehr politisch aktiv zu sein scheint Reinhard R. die Führungsriege der LEGIDA gut zu kennen. In einem Video von besagtem LEGIDA-Aufmarsch ist er neben dem LEGIDA-Chef Markus Johnke und dem Rechtsanwalt Arndt Hohnstädter zu sehen, während einer lebhaften Diskussion mit Polizeibeamten.1 Hohnstädter ist nicht nur Schatzmeister der LEGIDA, verschickt nicht nur R.’s Unterlassungsklagen an antifaschistische Medien, er ist auch ein beliebter Anwalt der  Neonazi-Szene, nicht nur in Sachsen. Für die NPD hat er Gutachten verfasst und seine frühere Kanzlei hat einem Klienten dabei geholfen, den Schutz der Wortmarke „HoGeSa“ zu beantragen. Wie das Infoportal leipzig.antifa.de berichtet, vertritt Hohnstädter gelegentlich auch den sächsischen Neonazi-Unternehmer und LEGIDA-Teilnehmer Thomas Persdorf.2 Laut dem Infoportal hält Reinhard R. seit Jahren auch engen Kontakt zu dem Neonazi und ehemaligen Republikaner Adrian Preißinger. Die beiden teilen sich eine Anschrift in Leipzig, auf die Firmen angemeldet sind, in die R. involviert ist. Dort angemeldet ist auch Preißingers Verlag „Der Schelm“, über den antisemitische Hetzschriften vertrieben wurden.

Seit Jahrzehnten gut vernetzt

Reinhard R.’s politisches Engagement geht bis in die frühen 1980er Jahre zurück. Bereits 1983 ist er auf einer öffentlich abgedruckten Mitarbeiterliste der neonazistischen Zeitschrift „SIEG“ aus dem österreichischen Lochau zu finden.3 Er taucht auch in mehreren Fachbüchern über neonazistische Organisationen auf. So berichtet der Kölner Undercover-Journalist Michael Schomers in seinem 1991 veröffentlichten Buch „Deutschland ganz rechts — Sieben Monate als Republikaner in der BRD & DDR“ über sein Zusammentreffen mit dem „DDR-Beauftragten“ der Republikaner, Reinhard R. 1990 in Leipzig. Dieser soll ihm über eine gewalttätige Auseinandersetzung mit einem Antifaschisten berichtet haben. Er zitiert Reinhard R. so: „Also einen haben wir schwer erwischt, der wird nicht mehr so schnell gesund (…) Der hat von mir die ganze Tränengassprühdose ins Gesicht gekriegt, wie er lag, und dann hat ein anderer mit’m Baumstamm immer drauf gehauen (...)“. Den belastenden Schilderungen ist ein Foto beigefügt, das den Journalisten im Gespräch mit Reinhard R. zeigt.4

In dem Buch „Aufbruch der Völkischen — Das braune Netzwerk“ berichtet der österreichische Journalist Wolfgang Purtscheller wenige Jahre später über die Aktivitäten von Reinhard R. im Zusammenhang mit einem geplanten „Revisionistenkongress“, den der damalige Neonazi-Kader Bela Ewald Althans 1991 in München organisieren wollte.5 Der gute Kontakt zwischen R. und Althans hatte offensichtlich längeren Bestand. So soll Reinhard R. laut Informationen der Herausgeber  des „Handbuch deutscher Rechtsextremismus“ 1993 als Eigentümer eines von Althans geführten Büros der „Althans Vertriebswege und Öffentlichkeitsarbeit“ (AVÖ) bekannt geworden sein.6 Dafür sprechen auch Äußerungen des ehemaligen Neonazi­führers Althans selbst, der offenbar große Stücke auf Reinhard R. hielt: „Eigentlich ‘einer von uns’, brachte der Bad Tölzer durch sein Netzwerk viele Vorteile und war, aus gutem Hause stammend und beruflich sehr erfolgreich, Käufer und Vermieter meines Münchner Laden-Büros gewesen. Er war einer der Ersten, mit dem wir noch vor dem 9. November 1989 zu den Montagsdemos nach Leipzig fuhren.“7

Wahlheimat Sachsen

Offensichtlich hatte R. damals Gefallen gefunden an der ostdeutschen Stadt. Leipzig wird seine neue Heimat und Ausgangspunkt seiner vielfältigen geschäftlichen Aktivitäten. 2003 berichteten die JournalistInnen Andrea Röpke und Berny Vogl für das Magazin raumzeit über das Firmengeflecht „rechter Glücksritter in Ostdeutschland8. Geschildert wird der Werdegang (ehemaliger) Protagonisten der Neonaziszene, die sich einerseits in Krisen- und Kriegsregionen bewegten und die andererseits ein umfangreiches Firmengeflecht — insbesondere in und um Leipzig — aufgebaut hatten. Dabei kommt auch Reinhardt R. zur Sprache: „Der Jungrechte war während der Wende der ‘offizielle DDR-Koordinator der Republikaner’ und bei Flugblattaktionen und Anwerbeversuchen in Leipzig beteiligt. Reinhard R(...), geboren 1964 in Innsbruck, gehörte bereits als Jugendlicher zu einer Wehrsportgruppe, die sich Vorposten nannte. Gemeinsam mit Stefan Ulbrich, heute Betreiber des Arun-Verlages, und anderen wurde R(...) bereits 1981 wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz angeklagt (Aktenzeichen 11 Js 23688/81). R(...) bestreitet das heute. Rechtskräftig verurteilt wurde er erst 1985 wegen fahrlässiger Körperverletzung. ‘Eine Jugendsünde’, sagt R(...) und lacht.“ Später klagte R. gegen den Artikel. Gut anderthalb Jahre dauerte der von ihm angestrebte Zivilprozess gegen das alternative Magazin raumzeit, bis sein Anliegen endgültig vor der Berufungsinstanz, dem Münchener Oberlandesgericht, abgewiesen wurde.9

Reinhard R. und Hans-Jörg Schimanek — Zwei alte Bekannte in Leipzig

Nachdem sich R. in Leipzig niedergelassen hatte, zog es auch andere Akteure der extremen Rechten nach Leipzig. So zum Beispiel den Neonazi und mutmaßlichen Söldner Hans-Jörg Schimanek, der bereits in den 1980er Jahren Kontakt zu Reinhard R. hatte. Als Protagonist der „Volkstreuen Außerparlamentarischen Opposition“ (VAPO) prägte Schimanek lange Zeit die Österreichische Neonazi-Szene. Der Autor Michael Schmidt berichtet in seinem Buch „Heute gehört uns die Straße...“ über Schimanek: „Bis Mitte der Achtziger war er als Berufssoldat Ausbilder des österreichischen Bundesheeres in Wien. Dann verschwanden mehrere Gewehre in der Wiener Maria-Theresien-Kaserne, und Schimanek wurde nach einigem juristischen Tauziehen schließ­lich entlassen.“10 Anschließend machte Schimanek in der Österreichischen Neonazi-Szene als „paramilitärische Frontfigur11 Karriere. Er war maßgeblich an der Organisation und Durchführung von Wehrsportübungen beteiligt. Mit „Front Heil“ begrüßte er den Raumzeit-AutorInnen zufolge in einem Schreiben vom 7. Oktober 1991 seine „Kameraden“ und lud zu einem „Ausbildungslager der NÖ Kameradschaften“ ein. Der Dokumentarfilm „Wahrheit macht frei“ vom Autoren Michael Schmidt, veröffentlichte Aufnahmen, die Schimanek bei einer Wehrsportübung zeigen.12

Auch der Fernsehsender Tele 5 hatte eine Wehrsportübung gefilmt, bei welcher Uniformierte in Langenlois darin unterrichtet wurden, einen Menschen mit bloßen Händen zu töten. Im Anschluss erstattete der Fernsehsender Anzeige wegen neonazistischer Wiederbetätigung, u.a. gegen Schimanek13, wobei der diensthabende Polizist in Langenlois sich zunächst weigerte diese anzuneh­men.14 Vermutlich aus Furcht vor einer Haftstrafe sucht und findet Schimanek Unterschlupf in Leipzig. Er bekommt einen Job in einer Baufirma, dessen Geschäftsführer Reinhard R. war. Die Beiden waren laut Handelsregister noch 2007 Gesellschafter einer Leipziger Hausverwaltungsgesellschaft. Im September 1994 wird Schimanek jedoch wegen des Verdachts auf NS-Wiederbetätigung verhaftet. Er kommt in Untersuchungshaft, aus der er kurze Zeit später wieder entlassen wird.  Im November 1995 wird er dann letztinstanzlich zu acht Jahren Gefängnis wegen NS-Wiederbetätigung verurteilt. Bereits im Juni 1999 wird er jedoch vorzeitig aus der Haft entlassen. Sachsen bleibt seine neue Heimat und sein Geschäftsbereich.

Über das Leipziger Firmengeflecht  schien man in Kontakt mit etlichen Kameraden zu stehen. Karl-Heinz Hoffmann, ehemaliger Anführer der nach ihm benannten Wehrsportgruppe, bestätigte gegenüber den Raumzeit-Autoren 2003, dass sein Porsche aus dem Fuhrpark der Abrissfirma stammt und er mit den „Bekannten“ auch „im Baubereich verkehrt“ habe. Und bereits 1994 berichtete der österreichische „Kurier“ über Schimaneks Flucht Richtung Sachsen und die gemeinsame Firma: Er, der „Demolierer in der ehemaligen DDR“ würde im „Osten“ Wohnungen aufkaufen und österreichische „Kameraden“ dort Putz von den Wänden schlagen und Böden herausreißen lassen.15 Die geschäftliche Telefonnummer dieser Firma mit dem Vermerk „Jörg“ war  im Notizbuch des im Zusammenhang mit der sog. Briefbombenaffäre in Österreich verhafteten Peter B. zu finden. An einer 1993 im Handelsregister eingetragenen Leipziger Baufirma von Schimanek war auch der österreichische Gardesoldat Franz A. beteiligt. Auch dessen Verstrickungen in die extreme Rechte Österreichs sind presseöffentlich thematisiert worden. So berichtet Ernst Schmiederer im österreichischen Magazin Profil darüber, dass A. im September 1984 Besuch von Beamten der österreichischen Sicherheitsdirektion bekommen habe. Sie suchten ein gestohlenes Sturmgewehr. Statt dessen fanden sie eine Kartei der „Nationalen Front“, in der politische Feinde u.a. mit Vermerken wie „Jude“ oder „KPÖ“ eingetragen waren. Dem Artikel zufolge teilte A. den Ermittlern mit, wo die gesuchte Waffe vergraben worden war.16 In der Folge wurde der verantwortliche Schimanek laut Angaben des österreichischen Magazins „Falter“ zu einer Geldstrafe wegen Hehlerei und Verstoß gegen das Waffengesetz verurteilt.17

Die Verbindungen Leipziger Protagonisten der extremen Rechten  nach Österreich blieben offenbar virulent. Auch in der jüngeren Vergangenheit  tauchte Schimanek in der Deutsch-Österreichischen Neonaziszene  auf. Das antifaschistische Infoportal u-berg.at berichtet, dass er 2008 und 2009 an den geschichtsrevisionistischen Ullrichs­berg-Treffen in Österreich teilgenommen habe. Angereist sei er 2009 gemeinsam mit dem Leipziger Neonazi und Hooligan Riccar­do Sturm und dem österreichischen Neonazi-Führer Gottfried Küssel.18 Mit Küssel sprach Schimanek am 6. Juni 2009 auch bei einer Veranstaltung in Leipzig vor sächsischen Neonazis.

Doch zurück zu den frühen 1990er Jahren und der Verbindung von Schimanek und Reinhard R. Bis zu seiner Inhaftierung 1994 blieb es nicht bei Wehrsportübungen: Immer wieder taucht Schimanek, wie übrigens auch Reinhard R.19, in Zusammenhang mit Berichten über rechte Söldner auf. Im bereits erwähnten Buch „Heute gehört uns die Straße...“ ist über Hans-Jörg Schimanek zu lesen: „Ende Zwanzig, ist er ein gutaussehender, hellblonder ‘Bursch’ mit Söldnererfahrung in Surinam und jetzt angeblich auch Kroatien.20 Auch der Kurier bezeichnet Schimanek als „mutmaßliche(n) Kroatien-Söldner“.21 Über eine gemeinsame Reise von Schimanek und Reinhard R. nach Surinam im Jahr 1989 berichtet auch Wolfgang Purtscheller.22 Es ist naheliegend, dass sich Reinhard. R. und Hans-Jörg Schimanek von gemeinsamen Reisen in Kriegs- und Krisenregionen kennen.
Für eine Weile leugnete Schimanek den Kontakt zu Reinhard R., beispielsweise in einem Artikel des Kurier-Autors Wilhelm Theuretsbacher, in dem Schimanek zitiert wird. Der Kurier widerspricht jedoch: „Schimanek jun. vergißt, daß er 1989 mit eben jenem R(...) von der Gendarmerie in Französisch-Guayana wegen des Verdachts der Söldnerei abgeschoben wurde.“23 Reinhard R. gab gegenüber der Presse damals gegenteilige Statements ab. Der Leipziger Morgenpost erklärte er: „Der Hans Jörg ist mein alter Freund24 und der Leipziger Volkszeitung teilte er mit, er sei zwar öfters mit Schimanek auf Reisen gewesen, alle anderen Behauptungen seien aber Wahlkampfkampagne.25

Mit der Heckler & Koch in den Abenteuerurlaub?

Die Hintergründe von Schimaneks Reisen ins lateinamerikanische Surinam bleiben diffus. Schon 1993 berichtete das AIB über den Fall und verwies damals auf einen Vermittler für Söldner in Amsterdam. Dieser hatte im, unter rechten Kämpfern beliebten, Söldner-Magazin „Soldier of Fortune“ für die Widerstandsbewegung Surinams geworben.26 Der niederländische Journalist Michiel Hoogers schrieb seinerzeit von „österreichischen Söldnern27, sein Kollege, der Redakteur Karel Bagijin vom Algemeen Dagblad berichtete, dass der lokale Rebellenführer der Suriname National Liberation Army (SNLA) die ihm verdächtig vorkommenden Reisenden relativ unverzüglich als unerwünscht Richtung Französisch-Guayana abwies. Anschließend seien sie auch im Überseedépartement von den französischen Behörden ausgewiesen worden. Details schildern die österreichischen Autoren Kurt Tozzer und Günther Zelsacher in ihrem 1995 veröffentlichten Buch „Bombenspuren: Briefbomben und politischer Terror“. Sie zitieren ein Funktelegramm (AZ. 1 253 941/2-II/10/K1), welches die österreichische Polizei am 27. April 1989 an Interpol in Paris verschickte. Darin geht es um ein Hilfegesuch des „Schubhäftling“ Schimanek, der am 28. Januar 1989 aus Französisch-Guayana kommend am Flughafen Wien-Schwechat landete. Offensichtlich hatte Schimanek in Wien den Verlust von Waffen und Geld in Surinam beklagt und die Wiener Polizei um Hilfe zur Rückerlangung gebeten. Laut Telegramm sei Schimanek über Frankreich nach Surinam eingereist, um wie die Autoren schildern „mit den deutschen Staatsbürgern Hubert L(...) und Reinhard R(...) einen ‘Jagdurlaub’ zu verbringen. Da man zum Jagen ein Gewehr braucht, nimmt Schimanek eine 20.000 teure ‘Heckler & Koch, HK-SL’ mit.“ Den Reisenden konnte laut dem zitierten Funktelegramm nicht geholfen werden: „Die Waffen und Wertgegenstände der Genannten befinden sich in den Händen des surinamesischen Widerstandes.“28 1994 von der Leipziger Morgenpost auf die Vorgänge in Französisch-Guayana angesprochen, bilanzierte Reinhard R. trocken: „Nur ein Abenteuerurlaub.“29
Dem Dagblad zufolge hatte Schimanek das Visum für Surinam im November 1988 vom Konsulat Surinams in Amsterdam erhalten. Ein weiteres für eine zweite Reise wurde im März 1990 ausgestellt. Aufgrund der undurchschaubaren Aktivitäten des Neonazis kam er auch diesmal nicht weit: Er wurde offenbar nicht nur von den Aufständischen, sondern auch von der regulären surinamischen Armee festgesetzt und jeweils des Landes verwiesen.30 Die zwei österreichischen Journalisten Thomas Seifert und Thomas Vašek beziehen sich in einer Reportage des „Falter“ auf die Abteilung C des österreichischen Innenministeriums und berichteten: „Wegen Waffenbesitzes wurde er in der Grenzstadt Saint Laurent du Maroni in Französisch-Guayana festgenommen.“31 Das AIB bilanzierte 1993 zu Schimaneks Reisetätigkeit: „Beide Male endete es kläglich.

‘Audienz bei Saddam Hussein’ — ein weiterer Söldnerkenner

Neben R. und Schimanek agierte im Jahr 2001 auch der frühere französische Neonazi und Söldnerkenner Nicolas Peucelle bei der Leipziger Baufirma von Reinhard R. Übereinstimmenden Presseberichten zufolge32 seien Peucelle und R. 1993 bei der Einreise an der bayerischen Grenze aufgehalten worden, da bei ihnen 1.200 Hakenkreuz-Aufnäher gefunden worden seien. R. wurde hierfür nicht belangt, die Aufnäher bekamen sie später vom Zoll wieder ausgehändigt. Gegenüber der Leipziger Morgenpost gab R. in diesem Zusammenhang an, diese „gehörten dem Beifahrer33. Gegen Peucelle lief zwischenzeitlich ein Verfahren vor dem Pariser Militärgericht. Von der französischen Justiz war dazu lediglich zu erfahren, es gehe um Vorfälle gegen französische NATO-Truppen auf dem Balkan, womöglich um Landesverrat. „Es geht um ein abgestürztes französisches Flugzeug“, erzählte R. den Verfassern des erfolglos beklagten raumzeit-Artikels. Der 2001 publizierte Rapport der „Commission consultative du secret de la défense nationale“34, der Nationalen Kommission für Affären verteidigungspolitischer Geheimhaltung, welche mit dem französischen Verteidigungsministerium verbunden ist, führt Peucelle namentlich auf. Diese offizielle Kommission, die von verschiedenen Ministerien angerufen werden kann, prüft für Regierungsstellen, ob die „verteidigungspolitisch“ begründete Geheimhaltung einer Akte aufzuheben ist, damit bspw. die Justiz tätig werden kann. Die Aufhebung wurde im Juni 2001 bewilligt.35

Der 1963 geborene Peucelle machte sich in den frühen 1990er Jahren als Kompagnon des französischen Neonazis Michel Faci einen Namen.36 Über Nicolas Peucelle wird berichtet, er habe Michel Faci während der so genannten Kuwait-Krise auf eine Reise in den Irak begleitet, um dort Saddam Hussein zu besuchen. Die Journalistin Gisela Dachs schreibt über diesen Ausflug: „Frustriert kehrten die zehn Anhänger des Dritten Reichs im Januar zurück, ohne die erhoffte Audienz bei Saddam Hussein erhalten zu haben.37 Mehr als ein Gespräch mit dem damaligen irakischen Informationsminister Abdel Latif Jassem ergab sich für die Freiwilligen offenbar nicht. Der antifaschistischen Zeitung „reflexes“ zufolge berichtete Peucelle über seinen Irak-Aufenthalt 1991 in der „Tribune nationaliste“, einem Organ der Neonazipartei PNFE.38 Es folgte der Versuch in einem „Verein der Freunde des Irak“ pro-Hussein Kräfte unter dem Banner einer „Anti-Zionistischen Liga“ zu sammeln.39

Der Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen legte der Schweizer Menschenrechtskommission 1994 einen Bericht vor, wonach im Jahr 1992 u.a. Faci und Peucelle eine „freiwillige Interventionsgruppe“ in Bosnien-Herzegowina bildeten, von dessen Mitgliedern etliche der extremen Rechten zugerechnet wurden.40 Über diesen Freiwilligenverband war in den Jahren zuvor in zahlreichen Pressetexten41, Fernsehbeiträgen42 und Fachbüchern berichtet worden. Ein Fernsehteam von Spiegel-TV besuchte den Freiwilligenverband um Faci im kroatischen Badeort Klek. Zu sehen sind eine wehende Hakenkreuzfahne, SS-Uniformen und Hitlergrüße der „Einheit Chicago“. Diese gehörte zur extrem rechten HOS-Miliz des kroatischen Nationalisten Dobroslav Paraga und agierte im Krieg als Teil der regulären kroatischen Armee.

Mit dem damals 29-jährigen Freiwilligen „Nicolas“ und dem damals 36-jährigen Michel Faci sprach 1992 der SPIEGEL-Redakteur Clemens Höges: „Nicolas, einen Deutsch-Franzosen aus Berlin, erwischte die Kugel aus fünf Metern Entfernung, als Chicago seine Jungs eine Artillerie-Stellung in einem bosnischen Dorf angreifen ließ.“43 Wer heute nach Nicolas Peucelle sucht, findet einen „Balkanexperten“, der sich als Autor und Fotograf betätigt. Zu seinen Veröffentlichungen gehören das Buch „Who Is Who In The Balkans“ und mehrere Ausgaben eines „Peacekeepers Recognition Guide“, versehen mit den Hinweis auf „mehr als 6000 Farbfotos für ein besseres Verständnis“. Die Kuratorin und Autorin Hester Keijser vom „Stead Bureau“ in Den Haag hat sich die Mühe gemacht die Fotobände von Peucelle zu rezensieren und den Autoren zu beleuchten. Über Peucelle schreibt sie: „that he has or had ties with the extreme right (neo-nazi) movement in Europe, that the French state at one point persecuted him in relation to a war crime commited in former Yugoslavia and that he has fought in the Croatian war in the begining of the nineties. In our book, that counts as a pretty shady character. And this guy published a book used by NATO personel and humanitarian aid workers? It sounds very ‘incroyable’"44. Eine Antwort — scheinbar vom Autor persönlich — findet sich auf dem Fotoblog übrigens auch: „Hi bad boys, thanks for spitting on my books. I can live with that.“

Kriegsbeute in Leipziger Immobilien?

Natürlich sei er auf dem Balkan gewesen, in Kroatien, aber nicht als Söldner“, erklärte der Unternehmer Reinhard R. den „Rechte Glücksritter“-AutorInnen und weiter: „Ich habe dort Grundstücksgeschäfte gemacht.“ Der Kurier-Autor Wilhelm Theuretsbacher — sieben Jahre Berufssoldat, heute Oberst der Miliz und Journalist mit Schwerpunkten zivile und militärische Sicherheit — zitiert hingegen eine Einschätzung der österreichischen Behörden, wonach sich R. 1992 „an zumindest vier Einsätzen der rechtsgerichteten HOS-Milizen in Kroatien“ beteiligt haben soll. Er wirft außerdem die Frage auf: „Stammt das Geld für die BBM aus den Kroatien-’Einkünften’?“  Laut Handelsregister wurde die Baufirma tatsächlich im Jahr 1992 mit einem Grund- oder Stammkapital von 50.000 DM durch die Geschäftsführer Reinhard R. und Peucelle eingetragen. 2001 verlegte sie ihren Sitz von Linden (Gemeinde Dietramzell) nach Leipzig.

Die Zeitschrift „Öffentliche Sicherheit“ — herausgegeben vom österreichischen Bundesinnenministerium — veröffentlichte 1994 den Artikel „Beute als Sold“. Dieser stützt die Vermutung des Österreichischen Kurier, wonach Söldnerbeute aus dem Bosnienkrieg in Deutschland angelegt wurde. Etwa 30 Söldner verdingten sich nach der Behördeneinschätzung im bosnischen Krisengebiet, wobei die kroatische Armee diese nicht entlohnte, sondern ihnen „selbstgemachte Beute als Sold“ überließ. Max Schleifer vom österreichischen Bundesinnenministerium berichtete diesbezüglich: „Viele Söldner wurden durch diese Straftaten reich. Ein Beispiel von vielen: Nach der Rückkehr eines Söldners nach Deutschland fiel den Behörden dessen plötzlicher Reichtum auf. Der Söldner kaufte Grundstücke sowie Häuser und gründete eine Firma, in der er deutsche und österreichische Rechtsextremisten beschäftigt. Während seiner Tätigkeit im jugoslawischen Kriegsgebiet soll er mit anderen Söldnern regelrechte Raubzüge unternommen und auch Flüchtlinge nicht verschont haben. Auf diese Weise soll er zu einem beträchtlichen Vermögen gekommen sein.“45 Gegenüber der Leipziger Morgenpost erklärte R. dazu im selben Jahr: „Ein Hirngespinst“. Der Sprecher des Wiener Innenministeriums Walter Kratzer konterte: „Wir wissen, daß er in Kroatien Söldner war.46 Es ist nicht klar, ob R.’s kurzzeitiges Einreiseverbot in Österreich im Jahr 1994 mit seiner vorherigen Tätigkeit auf dem Balkan zu tun hat.

Die Augen offen halten

Auch wenn Reinhard R. den Vorwürfen vehement widerspricht und immer wieder versuchte, durch Klagen seinen Namen in der Öffentlichkeit rein zu waschen, so sprechen die hier zusammengetragenen Informationen doch eine andere Sprache. Seine Vergangenheit, seine Seilschaften wie auch seine neuerliche öffentliche Wiederbetätigung für rechte Positionen bezeugen R.’s politische Einstellung. Zugleich wird erneut deutlich, welchen politischen Charakter die Aufmärsche der LEGIDA haben. Darüber hinaus sollte Reinhard R.’s Wiederauftauchen in gewisser Weise als symptomatisch für einen sich derzeit verstärkt wahrnehmbaren Trend verstanden werden: Die politische Wiederbetätigung ehemaliger AkteurInnen der Neonaziszene. Eine antifaschistische Linke sollte das beunruhigen. Denn es ist davon auszugehen, dass der jüngsten Bewegung von rechts damit in erheblichem Maße langjährige Erfahrungen und Netzwerke zur Verfügung stehen. Auch finanziell dürfte sich das Auftauchen alter Bekannter bemerkbar machen, insbesondere wenn sie geschäftlich so erfolgreich sind wie beispielsweise ein Reinhard R.

  • 1. Zu sehen im Video ab Min. 21:20 unter www.facebook.com/nolegida/?target_post=633840673424700&ref=story_permalink
  • 2. https://www.inventati.org/leipzig/?p=3821
  • 3. Sieg # 2-3/83
  • 4. Michael Schomers: „Deutschland ganz rechts – Sieben Monate als Republikaner in der BRD & DDR“,  Kiepenheuer & Witsch Köln, 1991, S. 212 f.
  • 5. Wolfgang Purtscheller: „Aufbruch der Völkischen — Das braune Netzwerk“, Picus Verlag Wien, 1993, S. 295 f.
  • 6. Jens Mecklenburg (HG.): „Handbuch deutscher Rechtsextremismus“, Elefanten Press Verlag Berlin, 1996, S. 511.
  • 7. https://althansinfo.wordpress.com/tagebuch-vor-20-jahren
  • 8. Andrea Röpke/Berny Vogl: Rechte Glücksritter in Ostdeutschland. Auf den Spuren der rechten Aufbauhelfer-Ost. In: raumzeit. Monatszeitung aus Nürnberg-Fürth-Erlangen, 15.10.2003, Online unter archive.is/0XyaH
  • 9. www.shortnews.de /id/584051/unterlassungsklage-eines-ehemals-politisch-aktiven-rechtsradikalen-abgewiesen
  • 10. Michael Schmidt: „Heute gehört uns die Straße...; Der Inside-Report aus der Neonazi-Szene“, ECON Verlag, 1993,  S. 151.
  • 11. Die Presse (Wien), Die „Vapo“ als „Motivation für Idioten“, 14. April 2011.
  • 12. youtube.com/watch?v=QsQsgei98sk ab Minute 40:15
  • 13. tips.at, Besucher mit mangelndem Interesse an der „lieblichen Seite“ der Region, Johannes Gold, 30. Mai 2012
  • 14. Zeit Online, Brauner Spuk in den Alpen, Peter Pelinka, 31. Januar 1992
  • 15. Kurier: „Kameradschaftsführer“ aus NÖ als Demolierer in der ehemaligen DDR, 16. Februar 1994, W. Theuretsbacher
  • 16. Profil #12: „Überall dabei“, Ernst Schmiederer, 17. März 1986
  • 17. Falter #9/92: Besser als Rauschgift..., Thomas Seifert und Thomas Vašek, S. 8-9
  • 18. Die internationle Donau-Pleiße Achse, In: Gamma 189 Antifaschistischer Newsflyer Winter2010/11, Online unter https://gamma.noblogs.org/files/2010/12/gamma189_web.pdf
  • 19. Michael Schmidt: „Heute gehört uns die Straße...; Der Inside-Report aus der Neonazi-Szene“, ECON Verlag, 1993, S. 174.
  • 20. Vgl. FN 11.
  • 21. Vgl. FN 15
  • 22. Wolfgang Purtscheller: „Aufbruch der Völkischen — Das braune Netzwerk“, Picus Verlag Wien, 1993, S. 295 f.
  • 23. Ebd. Vgl. auch: blick nach rechts #7, 4. April 1995
  • 24. Leipziger Morgenpost, Attentat auf Wiener OB – Verdächtiger Neonazi in Leipzig, 18. Februar 1994
  • 25. LVZ: Neonazi-Führer aus Österreich in Leipzig abgetaucht. 17. Februar 1994
  • 26. AIB Nr. 23: Das letzte... von der GdNF, 1993
  • 27. Dagblad De Telegraaf (Amsterdam), Michiel Hoogers, 11. April 1990, vgl. auch blick nach rechts # 4. April 1995
  • 28. Kurt Tozzer, Günther Zelsacher: „Bombenspuren: Briefbomben und politischer Terror“. S. 182-183
  • 29. Leipziger Morgenpost, Attentat auf Wiener OB — Verdächtiger Neonazi in Leipzig, 18. Februar 1994
  • 30. Algemeen Dagblad, 12. April 1990, Kurt Tozzer, Günther Zelsacher: „Bombenspuren: Briefbomben und politischer Terror“. S. 182-183
  • 31. Falter #9/92: Besser als Rauschgift..., Thomas Seifert und Thomas Vašek, S. 8-9
  • 32. Vgl. Leipziger Morgenpost vom 18. Februar 1994, blick nach rechts #4 vom 15. Februar 1994
  • 33. Ebd.
  • 34. La Documentation française — Paris, 2001 . ISBN : 2-11-004986-3
  • 35. www.legifrance.gouv.fr /affichTexte.do?cidTexte=JORFTEXT000000394091&dateTexte=
  • 36. Vgl. René Monzat, Enquetes sur la droite extreme, Le Monde éditions 1992, S.28.
  • 37. Zeit Online, Merkwürdige Allianzen, Gisela Dachs, 2. August 1991
  • 38. http://reflexes.samizdat.net/michel-faci-alias-michel-leloup/
  • 39. fr.wikipedia.org/wiki/Michel_Faci
  • 40. www.unhchr.ch/Huridocda/Huridoca.nsf/0/2255b50 5361a94dc8025677400365d76?Opendocument
  • 41. http://reflexes.samizdat.net/les-phalanges-du-desordre-noir
  • 42. www.youtube .com/watch?v=-VghHABmD_c
  • 43. DER SPIEGEL 39/1992,: Und morgen schon tot, Clemens Höges
  • 44. www.beikey.net/mrs-deane/?p=526
  • 45. Öffentliche Sicherheit Nr. 10/1994: Beute als Sold. Max Schleifer. S. 24
  • 46. Leipziger Morgenpost, Attentat auf Wiener OB – Verdächtiger Neonazi in Leipzig, 18. Februar 1994
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