Rezensionen | AIB 63 / 2.2004 | 12.06.2004

Russlands Krieg: 1941–1945

Richard Overy

Jenseits der Wolokolamsker Chaussee

Im Juni begehen die ehemaligen West­alli­ierten den 60. Jahrestag der Eröffnung der zweiten Front in Europa in der Norman­die. Doch es scheint fraglich, ob die Feier­lich­keiten die Verdienste der Sowjetunion an der militärischen Niederschlagung des Fa­schis­mus angemessen würdigen werden. Ein neues Buch des englischen Historikers Richard Overy erinnert daran, wer die Hauptlast im Kampf gegen die Wehrmacht trug: die Rote Armee. Als die deutsche Wehrmacht am 22. Juni 1941 die sowjetische Grenze überschritt, versetzte dies die Bevölkerung, die Armee und die politische Führung des Landes in einen Schock­­zustand. Fassungslos, so berichten Zeitzeugen, hätte die Moskowiter Bevölke­rung die Radionachrichten vom Einmarsch der Wehrmacht vernommen.

In den ersten Monaten nach Kriegsbeginn konnte von einer Verteidigungsstrategie der Roten Armee keine Rede sein. Sie wurde von den Panzer- und Flugzeugverbänden der Wehrmacht buchstäblich niedergewalzt. Erst ca. 150 Kilometer vor Moskau konnte die deutsche Kriegsmaschinerie zum Stillstand gebracht werden. Das Schicksal Moskaus, so gestaltete es Alexander Bek in seinem berühmten gleichnamigen Roman, entschied sich an der Linie der Wolokolamsker Chaussee. Die Aus­gangs­situation der Sowjetunion nach dem Beginn der deutschen Operation »Barba­rossa« ließ einen schnellen Sieg der Deutschen erwarten. Denn das Land war, politisch wie militärisch, durch den stalinistischen Terror der 30er Jahre und das rücksichtslose Tempo der ökonomischen Moder­ni­­sierung unter dem Primat der Schwer­industrie, geschwächt.

Die Säuberungen der Jahre 1936–39 waren an der Roten Armee nicht spurlos vorübergegangen. Die Moder­ni­sierung der Armee war durch die Aus­schaltung fast ihrer gesamten Führung zum Erliegen gekommen. Einige der fähigsten Militärstrategen, wie bspw. der Bürger­kriegs­general Tuchatschewski, waren den Säube­rungen zum Opfer gefallen. Der Autor führt dem Leser den Grad der Militarisierung der Sowjetgesellschaft vor Augen, die alle Berei­che erfasste. Als Grund wird das Ursachen­geflecht aus nachrevolutionärem Bürger­krieg, ökonomischer Isolation und der spezifischen Ausprägung bolschewistischer Ideo­logie benannt.

Vor diesem Hintergrund ist Overys zentrale Fragestellung, warum es der Sowjetunion überhaupt gelang, die zum Zeitpunkt des Angriffs modernste Armee der Welt, die Wehrmacht, unter so widrigen Bedingungen vernichtend zu schlagen. Dabei gibt er sich nicht mit den historiographischen Standardantworten vieler westlicher Autoren zufrieden, die diese Tatsache nur auf die Faktoren der russischen Menta­lität und des staatlichen Terrors zurückführten. Auch den heroischen Verklärungen der sowjetischen Geschichtsschreibung geht Overy nicht auf den Leim. Vielmehr arbeitet er die verschiedenen Ursachen für diesen Erfolg exemplarisch in den Bereichen Ökonomie, Politik und Kultur heraus. Der Terror von SMERSCH, NKWD und das System der GULAG konnte nach Overy nicht die alleinige Voraussetzung für die enorme Kraftan­strengung der Menschen sein. Nicht zuletzt die Kriegsführung der Wehrmacht, die der Zivilbevölkerung Tod und Vernichtung brachte, habe zur Verteidigung ihres Landes motiviert. Der Sowjetunion sei eine Mobili­sie­rung ungeheurer Ressourcen gelungen, die man im Westen nicht für möglich gehalten habe. Der Anteil der britisch/amerikanischen Wirtschafts- und Rüstungshilfe sei relativ gewesen. Doch Overy stellt auch die Frage nach dem Preis, den die Sowjetunion für den Sieg über den Faschismus zahlte. Hier präsentiert der Verfasser nicht nur die nackte Zahl von ca. 25. Mill. Kriegstoten, sondern beschreibt die verheerenden ökonomischen, sozialen und psychologischen Fol­gen, die dieser Krieg verursachte.

Der Schlacht um Stalingrad wird im Buch entsprechend ihrer Bedeutung ein eigenes Kapitel eingeräumt. Diese sei zwar nicht militärisch, wohl aber symbolisch-psychologisch entscheidend für den Ausgang des II Weltkrieges in der Sowjetunion gewesen. Aus­führlich widmet sich Overy in allen Kapiteln des Buches der Rolle Stalins. Dabei verzichtet er gänzlich auf eine Dämonisie­rung seiner Person. Nüchtern werden Stalins Motivationen, Stärken und Schwächen für die jeweilige Situation des Krieges analysiert. Der Autor lässt keinen Zweifel daran, dass es sich bei Stalin um einen despotischen Herrscher handelte, der Menschen­leben ohne Bedenken opferte.

Doch erklärt er Stalin nicht zum ausschlaggebenden Faktor des Krieges. Zudem kommt der Autor ohne antikommunistische Ressentiments oder Tabus aus. Deutlich, wie bei deutschen Auto­ren selten, skizziert er die rassistischen und imperialistischen Kriegsziele der deutschen Wehrmacht. Dem Autor merkt man eine echte Anteilnahme und Respekt vor den Leis­tungen der Roten Armee, ohne deren Schattenseiten auszublenden, an.

Nein, Richard Overy fügt den zahllosen Detailstudien zum II. Weltkrieg keine weitere hinzu. Hier wird eine Gesamtschau geboten, die sich nicht in kleinteiligen Erörte­rungen verliert. Die Qualität des Buches besteht denn auch nicht so sehr in der Präsentation neuer Fakten. Diese konnte man nach 1990 in vielen Publikationen nachlesen. Es ist vielmehr die stilistische Art der Fakten­präsentation und die Umsicht, welche der Autor bei ihrer Interpretation walten lässt, die das Buch zu einem Lektüreereignis machen.

Overy versteht es, komplexe Zu­sam­menhänge spannungsreich und sprachlich erfrischend darzustellen. Der Anmer­kungs­apparat enthält manche Fehler, bleibt jedoch überschaubar. Das Buch liegt quer zur Zeitgeisthistoriographie, weil es sich nicht scheut, den zivilisatorischen Verdienst der Roten Armee bei der Befreiung vom Faschismus auch so zu bezeichnen. Insge­samt motiviert die Lektüre des Bandes, sich eingehender mit dem Weg der Roten Armee von der Wolokolamsker Chaussee nach Berlin zu befassen.

Overy, Richard:
Russlands Krieg: 1941–1945
Hamburg; Rowohlt Verlag; 2003
555 S., 24,90 EUR